Thema · Es kommt nicht auf Performance an, sondern auf Beziehung
Über die Malerei zurück zur Freude
von Raphael Schadt · 27.08.2026
Yun-mi, du hast soeben ein Coffee-Table-Book veröffentlicht mit dem Titel „Freude”. Wieso Freude?
Das Buch erzählt davon, wie ich die Freude neu entdeckt habe. Die kindliche Freude, einfach, so wie man ist, vor den Herrn zu kommen und zu malen. Die Bilder und Impulse nehmen einen mit auf eine Reise der Freude, frei zu werden von den eigenen Bewertungen, der eigenen Selbstverzweckung und authentisch vor Gott zu kommen, in seine Annahme und in sein Erbarmen.
Das klingt nach einer Phase, in der die Freude erst einmal gefehlt hat?
Wir sind als junge Familie, frisch verheiratet, nach Düsseldorf gezogen. Mein Mann hatte dort einen Job angenommen. Es herrschte Corona und so gab es keine Möglichkeit, neue Leute kennenzulernen. Ich war gerade Mama geworden: Stillen, Schlafmangel und Müdigkeit. Es kam ein Trauerfall in der Familie hinzu und das alles resultierte in einer Glaubenskrise bei meinem Mann. Ich war wie in einer Sackgasse. Heute würde ich sagen ein Wartezimmer.
Hinzu kommt, dass ich durch meine koreanischen Prägung meinen Selbstwert sehr von meiner Leistung definierte. Alles was ich tat, ging durch einen strengen Bewertungsfilter. Der Lockdown verhinderte zudem, dass ich mich gleich wieder irgendwo engagierte, wo ich durch das Vollbringen „wichtiger” oder „großer” Aufgaben, durch „Sinnstiftendes” meinen Selbstwert wieder hätte aufbauen können. Die Frage stand im Raum: Wie geht es weiter?
Und wie ging es aus der Sackgasse wieder heraus?
In dieser Zeit fragte ich immer wieder im Gebet den Herrn, wie es weitergehen soll. Ich hatte den Eindruck, dass der Herr mich ermutigte, einfach zu malen. Das forderte mich erstmal heraus. In dieser Sackgasse gab mir eine Mentorin eine Challenge mit auf den Weg: 100 Tage malen. Jeden Tag! Mit niedriger Bewertungslatte, ohne strenge Bewertungsfilter. Ich fing einfach an, Verschiedenstes in Skizzenbücher zu schmieren und zu kritzeln.
In diesen 100 Tagen hat zum einen natürlich eine künstlerische Entwicklung eingesetzt, aber zum anderen hat sich mein Denken verändert. Ich konnte Ideale und falsche Gottesbilder, hohe Ansprüche an mich selbst ans Kreuz und bei Jesus ablegen und das Neue empfangen, was Gott für mich hat. Mich zumuten, so wie ich bin, in aller Unvollkommenheit. Am Ende floss das Malen von selber und wurde für mich zu einem Begegnungsort, zu einer Quelle von Kraft.
Dieser kreative Prozess hatte auch Auswirkungen auf meine Gottesbeziehung. Ich durfte lernen, Freude zu kultivieren: Raus dem Performen und einfach im Park sitzen und da sein. Vielleicht einen Baum malen. Atmen. Es entstand Raum für Kreativität.
Ich verstand Gottes überfließendes, kreatives Herz: Gott freut sich an seiner Schöpfung. Auch ich bin nicht für einen Zweck gemacht, also um irgendwelche wichtigen Aufgaben zu erfüllen, sondern ich bin zunächst zweckfrei zu Gottes Freude gemacht. So wie meine unvollkommenen Skizzen sein durften, durfte ich sein. Aus dieser Perspektive war Freude quasi mein „Geburtsrecht” oder mein „Erbe” als Geschöpf Gottes.
Du hast deine koreanischen Wurzeln erwähnt. Korea ist ja auch – weniger positiv – ein Vorreiter einer völlig von Arbeitsdruck und Social Media ermüdeten Gesellschaft.
Für mich war es ein Befreiungsschlag, mich von Social Media zu trennen. Während es natürlich auch Menschen gibt, die eine wichtige Stimme dort haben, hat Social Media mir eher Beziehung geraubt als gefördert. Gerade als Künstler meint man, Social Media würde die Reichweite vergrößern. Aber letztlich arbeitet man sich für den Algorithmus auf, opfert seine Zeit und Aufmerksamkeit und begegnet keinen Menschen mehr. Man lebt an den Menschen vorbei, vor allem an den nächsten: Meinem Kind und meinem Mann.
Es war ein Prozess ins echte Leben zurück. Auch zu realisieren, dass ich auf Dauer mit dieser Einstellung, ideelle Arbeit zu tun, ohne einen Fokus auf gute, gesunde und tiefe Beziehungen, ausbrennen würde. Für mich war es wichtig, mit Menschen in realen Kontakt zu kommen, gerade mit meiner Arbeit und auch meine Kernkompetenzen zu kultivieren. Deswegen war ich im vergangenen Jahr mit meinem Shop auf mehreren Veranstaltungen. Ich kann in der Zeit, die ich für Social Media verwendet hätte, schreiben, malen, in Beziehung gehen, und es fühlt sich so viel mehr nach Leben an. Und dazu erlebe ich, dass mir der reale Kontakt mit Menschen viel mehr Reichweite (auch im Sinne von Kunden) gibt, als es Social Media je getan hat.
Welche künstlerische, ästhetische Entwicklung hat da stattgefunden?
Es war für mich der Weg zurück in einen Raum der Echtheit. Es muss nicht alles brav sein. Gerade in der christlichen Bubble – in der ich mich hauptsächlich bewege, wo Dinge so und so klingen und aussehen müssen, um „richtig” zu sein – muss man sich auch von ästhetischen Stereotypen und prägenden Vorstellungen frei machen. Nach meiner Bekehrung hatte ich zwischendurch Angst, dass ich nur noch „Schafe” und „Hirten” würde malen müssen. Für mich war es ein Lernen, aus der Box bzw. aus Schubladen auszubrechen und in Freiheit zu gestalten.
Ich sehe in deinem Buch ein Zusammenspiel von Malerei und Typographie.
Mir ist das geschriebene, gedruckte Wort sehr wichtig. Es macht einen riesigen Unterschied, wenn etwa ein Bibelvers, der bewusst gewählt abgebildet wird, hochwertig gestaltet ist. Durch Anordnung kann so vieles ausgedrückt, betont und zueinander in Beziehung gestellt werden. Ich finde es schade, wenn das Wort Gottes manchmal so lieblos dargestellt wird. Es macht einen Unterschied, ob das, was uns inhaltlich wertvoll ist, auch auf schönem, wertigen Material gedruckt ist, in starken Farben, welches Papier dabei genutzt wird etc.
Kommt hier die hohe Bewertungslatte wieder zum Vorschein? 😉
Nein, ich glaube, wir sind dazu gemacht, Gestalter zu sein. Es geht nicht darum, etwas zu produzieren oder zu performen, sondern in Beziehung zu gehen mit dem, der dich gemacht hat. An diesem Ort an dem alles vollbracht ist, in der du alle Liebe und Annahme hast, kannst du zum Gestalter werden. Du bist kreativ nicht aus einem Mangel heraus, sondern aus der Fülle, die Gott für dich hat und wie er dich gemacht hat.