Thema · Orientierung finden in einer Welt der Ideale

Ideal vs. Wirklichkeit

Jeder Mensch trägt Vorstellungen von Perfektion in sich. Sie beeinflussen unsere Einstellungen und Sichtweisen in Bezug auf uns selbst, unseren Körper, unsere Lebensumstände und unsere Beziehungen. Ideale wollen uns leiten und motivieren. Sie können aber auch zerstören: den Selbstwert, die Beziehung. Vom richtigen Umgang mit Idealen.    

von Sebastian Walter · 01.12.2021

Junge Europäerin geschminkt und ungeschminkt
Ideale sind unsere Inbegriffe von Vollkommenheit. Foto: © vladimirfloyd – stock.adobe.com

„Ich habe fast 40 Jahre gebraucht, bis ich meine Nase akzeptiert habe“, erzählte mir ein Mann. Er war über 80 und hatte eine dicke Knollnase im Gesicht. „Ich habe immer von einer Operation geträumt, konnte mir das damals aber nicht leisten.“ Man merkt, dass ihm das Thema nahe geht. Keine Frage, Ideale bestimmen unser Leben. Jeder kennt sie und jeder hat sie: Die Ideale von Schönheit – Idealgewicht, Idealmaße –, aber auch von Fitness, Gesundheit und Erfolg. Ideale, das sind Messlatten, die wir an uns selbst anlegen, mit denen wir uns abgleichen und bewerten. Und nicht nur uns selbst. Wir sprechen auch davon, die „Traumfrau“, den „Traummann“ oder den „Traumjob“ finden zu wollen. Ideale sind unsere Inbegriffe von Vollkommenheit, von Perfektion.

Warum haben wir Ideale? 

Woher kommen Idealvorstellungen? Zunächst können wir feststellen, dass Ideale immer etwas Gutes und Erstrebenswertes meinen. Ideale Arbeitsbedingungen zum Beispiel oder der ideale Zeitpunkt für ein Gespräch. Ideale, das sind Phantasien vom Bestmöglichen. Sie geben unserem Leben Richtung und Sinn. Ohne diesen Kompass, der uns nach dem Guten, dem Besseren streben lässt, wäre weder das Rad erfunden worden, noch hätte Steve Jobs damit begonnen, Computer zu bauen. Ohne Ideale hätte es keine amerikanische Bürgerrechtsbewegung gegeben und die Vereinten Nationen hätten kein Welternährungsprogramm ins Leben gerufen.

Wenn wir an Idealen scheitern 

Aber was, wenn ich vor dem Ideal versage? Was, wenn mein wirkliches Leben nicht mit der Welt auf Instagram kompatibel ist? Wenn ich in meiner Beziehung feststelle, dass wir doch nicht zusammenpassen? Wenn die Wirklichkeit vor den Idealvorstellungen kapitulieren muss, gehört das manchmal zum Traurigsten und Tragischsten, was ein Mensch erleben kann. Wenn eine Ehe vor dem Aus steht, weil der gemeinsame Traum zerplatzt ist oder ein Mensch verzweifelt, weil er sich nicht schön genug fühlt.

Hier liegt der Fallstrick aller Ideale: Sie können, wenn sie uns beherrschen, eben auch zu Hindernissen werden oder uns krank machen. Wenn ein erstrebenswertes Ideal, etwa der Wunsch nach einem christlichen Partner oder einem Kind, zu einem unerbittlichen Anspruch an mich und andere wird, kann ich daran zerbrechen. Hinter vielen Vorwürfen, die wir uns selbst und anderen machen, stehen Forderungen. Und hinter Forderungen stehen Ideale.

Was, wenn ich ich vor dem Ideal versage? Foto: Laurenz Kleinheider on Unsplash

Orientierung in der Welt der Ideale 

Ideale wollen Motor und Ansporn sein, keine Richter und Henker: Freiheit, Freundschaft, Erfolg, und Fitness – alles erstrebenswerte Güter. Wer jedoch eine Idealvorstellung zum verpflichtenden Maßstab für sich und andere erhebt, kann grausam werden. Sich selbst gegenüber und anderen. Hinter jedem totalitären System stehen verabsolutierte Ideale. Das gilt übrigens auch für die Religion. Frömmigkeit kann ein gesundes Ideal sein. Wenn mich die Vorstellung religiöser Perfektion jedoch so bedingt, dass ich nichts anderes mehr gelten lassen kann, wird Religion zur Diktatur. Wir sollten deshalb prüfen, ob uns Ideale helfen oder unterdrücken.

Verkündet das Christentum ein Ideal?

Viele Leute meinen, im Christentum würde es um Ideale gehen. Zum Beispiel in Form von Nächstenliebe, Gerechtigkeit oder gottgefälligem Leben. So kann man die Bergpredigt als Leistungskatalog eines perfekten Christen lesen, an dessen Ende Jesus auch noch sagt: „Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.“ (Mt 5,48). Wie ist das gemeint? Wer ehrlich ist, muss zugeben, dass man an den Forderungen der Bergpredigt eigentlich nur scheitern kann.

Der Schlüssel zum Verstehen der Texte ist Jesus selbst. Nicht eine religiöse Institution ist es, die im Matthäusevangelium die Ideale der Nächsten- und Feindesliebe, der Gewaltlosigkeit, der Freigebigkeit usw. erlässt. Es ist Jesus, der auf dem Weg ist, sich liebend und gewaltlos und freigiebig dem Bösen und Kranken der Menschheit auszuliefern, um gerade an diesem dunkelsten Ort seine verwandelnde Kraft sichtbar werden zu lassen. Jesus spricht in der Bergpredigt also zunächst nur von sich selbst, denn diese „Ideale“ übersteigen das Menschenmögliche. Im Glauben Anteil an Jesus zu erhalten bedeutet dann aber auch, dass wir Anteil an seiner Liebesfähigkeit erhalten. So gesehen sind die Forderungen der Bergpredigt viel mehr als Ideale – es sind Verheißungen.

Der Mann mit der Knollnase hat seinen Frieden gefunden. „Gott wollte mich genau so“, sagt er und lächelt.