Thema · Gespräch mit Tobi Willems über die Notwendigkeit von „vergeben und verzeihen“

„90 Prozent aller Probleme sind durch Vergebung lösbar!“

Als Kind hat Tobias Willems, ehemaliger Missionar im Gebetshaus Augsburg, schon eine intensive Beziehung zu Gott, wendet sich mit 12 Jahren aber von ihm ab. Durch eine außergewöhnliche Beichte in Medjurgorje findet er neu den Weg zurück zu Jesus. Heute sagt er: „90 Prozent aller Probleme sind durch Vergebung lösbar!“

von Samuel Bittner · 04.05.2026

Unser Magazinthema "vergeben und verzeihen" spielt in Tobias' Leben eine wichtige Rolle. Foto: privat.

Tobi, du bist mit dem katholischen Glauben aufgewachsen, oder?

Ja. Ich bin normal katholisch großgeworden. Als Kleinkind hatte ich schon eine intensive Beziehung mit dem Herrn. Ich bin offen mit ihm umgegangen und habe ganz normal mit ihm geredet. Die Frage, ob es Gott gibt, hat sich mir nie gestellt. Für mich waren die Sakramente immer etwas Lebendiges, etwas Reales. Nach meiner ersten Beichte im Rahmen der Erstkommunion bin ich froh und glückselig aus der Kirche rausgegangen, weil ich da eine echte Befreiung von meiner Last erfahren habe. Das ist stark in meinem Gedächtnis geblieben. Ich bin der Meinung, dass selbst Kinder schon ein Sündenverständnis haben. Als Kind weiß man einfach, was Mist hat.

Mit 12 Jahren habe ich aber eine Entscheidung getroffen und zu Gott gesagt: „Herr, es ist alles schön und gut mit dir, aber mit den ganzen Einschränkungen will ich nicht leben.“ Ich wurde irgendwann zu einem scheinheiligen Christen. Ich habe einfach sündig gelebt und mich damit wohlgefühlt.

Bis schließlich deine Mutter dich im Alter von 25 Jahren nach Medjugorje geschickt hat …

Ich muss da kurz ausholen. Meine Freundin, mit der ich mein Leben aufbauen wollte, hatte mich verlassen. Meine Mutter hat es zuhause nicht mehr ertragen und hat gesagt: „Entweder fährst du jetzt mit einem Bekannten von mir nach Medjurgorje oder du kannst die Koffer packen und ausziehen.“ Als Kind waren wir 1991 schon mal in Medjugorje, wo damals dort noch Krieg war. Die innere Veränderung als Erwachsener ist dann schließlich an diesem Marienwallfahrtsort passiert. Wieder war die Beichte der Schlüssel. Weil alle dort zur Beichte gegangen sind, dachte ich mir nur: „Okay, dann geh ich halt beichten, mach ein bisschen reinen Tisch, ist ja auch nicht verkehrt.“

Als ich drankam, hat der Priester während meines Schuldbekenntnisses in Sprachen gebetet. Schlussendlich fiel mir nichts mehr ein. Statt mir die Absolution zu gehen, sagt er jedoch nach zehn Minuten zu mir: „Komm morgen um 14 Uhr wieder.“ Ich wollte mich schon empören, aber offenbar hatte den Bekannten meiner Mutter das Gleiche Schicksal ereilt. Ich bin schließlich doch am nächsten Tag um 14 Uhr wieder hingegangen.

 

Im bosnischen Marienwallfahrtsort "Medjugorje" finden viele Menschen den Weg zurück zu Christus und seiner Kirche. Foto: Piotr Frydecki, commons.wikimedia.org

Gewisse Sünden bekennt man, aber man sagt nicht, was genau war. Ich habe gemerkt, da drängt etwas nicht nur an der Oberfläche zu bleiben. Oft sagen wir „es tut mir leid“, obwohl es uns gar nicht wirklich leid tut.

Im Endeffekt hat die Vergebung in der Beichte wieder Beziehung mit Jesus ermöglicht. Ich konnte Gott wieder wahrnehmen und sehen. Ich hatte auf einmal eine Vorfreude auf die Eucharistie und wusste, dass das Jesus ist. Wie, wenn du dich auf deine Freundin bzw. Frau freust. Da war auf einmal Jesus in mir und es war eine ganz andere Begegnung.

Das klingt, als ob ohne Vergebung bzw. die Beichte die Beziehung mit Jesus gar nicht möglich ist?

Jesus ist für meine Schuld gestorben. Ich sag immer „für meine“. Die Sünde trennt uns von Gott. Ich merke immer, wenn ich lange die Sachen aufstaue und nicht beichte, wie mein Blick durch die Sünde vernebelt wird. Man wird immer ein bisschen blinder, wie als ob man grauen Star hat. Es braucht die Vergebung, weil wir sonst nur Schuld und Fehler und nicht den Herrn sehen.

Es ist wie, als ob man mit einer Wand redet, weil da kein Zugang da ist. Deswegen beten wir in der Heiligen Messe auch das Schuldbekenntnis. „Durch meine Schuld, meine große Schuld“. Es ist niemand anderes schuld.

Tobias Willems lebt mit seiner Familie in der Nähe von Augsburg. Foto: privat.

Welche Rolle spielt das Kreuz bzw. die Vergebung heute in deinem Familienalltag?

In jeder Beziehung ist man Täter und Opfer. Es braucht immer wieder dieses klare Ansprechen, von dem was man falsch gemacht hat mit der Bitte um Vergebung. Deswegen liebe ich auch Beichtgespräche. Wenn man in der Ehe nicht die Vergebung sucht, kann man sich auch direkt scheiden lassen. Wenn ich mit meiner Frau keinen reinen Tisch mache, wird keine Beziehung, kein Herzensaustausch entstehen.

Es ist auch kraftvoll im Alltag Jesus zu bitten, dass er sich drum kümmert. Jesus möchte gebeten werden. Er will da rein. Er sagt: „Mein Kreuz reicht aus, dafür bin ich gestorben.“ Nur das ermöglicht echte Beziehung.  Wir versuchen da viel therapeutisch zu lösen. 90 Prozent aller Probleme sind meiner Meinung nach aber durch Vergebung lösbar. Ich nehme es selbst viel zu wenig in Anspruch.

Oft sagen wir: „Es passt schon“. Passen tut nichts, weil durch die Sünde immer etwas zurückbleibt: Groll, Verurteilung, Misstrauen … Es geht darum, dass wir all das ans Kreuz bringen. Denn für Verletzungen brauchen wir Heilung und Jesus ist unser Arzt!

Vielen Dank für das Gespräch!