Thema · Von der Freude, Mutter zu werden
Von zwei roten Strichen und einem Gefühl, das erst wachsen musste
von Kristin Fischer · 07.08.2026
Da sind sie jetzt. Zwei kleine rote Striche, deutlich erkennbar auf dem weißen Hintergrund. Und plötzlich ist alles anders: Ich bekomme ein Kind! Was eben noch wichtig war, tritt jetzt in den Hintergrund vor dieser einen, großen, im wahrsten Sinne des Wortes lebensbewegenden Sache. Ich starre erstmal minutenlang auf den positiven Test, weil ich es noch nicht ganz begreifen kann, diese kopernikanische Wende in meinem eigenen Leben.
Und langsam macht sich ein Gefühl breit: Du denkst jetzt bestimmt Freude (das ist immerhin das Thema dieser Reihe). Aber wenn ich ehrlich sein soll, war es nicht die Freude, die als erstes kam, sondern Überforderung. Überforderung bei dem Gedanken, dass ich jetzt alles neu sortieren muss. Dass jetzt eine riesige Aufgabe vor mir liegt, bei der ich so viel falsch machen kann. Und mit der Überforderung kam auch ein schlechtes Gewissen: Eigentlich sollte ich mich jetzt doch freuen! Wo ist es denn, das große, überwältigende Gefühl, die unbändige Vorfreude über das erste Kind? Ist da was kaputt mit mir, dass es sich erstmal dumpf anfühlt?
Im Nachhinein weiß ich: Nein. Gar nichts war kaputt. Kaputt war höchstens meine Vorstellung davon, wie Freude auszusehen hat.
Freude und Sorge
Irgendwie hatte ich das Bild im Kopf, dass eine Schwangerschaft von dem Moment des positiven Tests an ein einziger Zustand der Euphorie sein müsste: Strahlende Gesichter, glückliche Tränen, Babybauchfotos, Vorfreude in Pastellfarben. Dass sich da stattdessen Sorgen breit machen, damit hatte ich nicht gerechnet. Und es fühlte sich ein bisschen wie Versagen an, als ob ich die erste Aufgabe als Mutter schon nicht geschafft hätte. Als wäre in meinem Herzen nur Platz für eines von beiden. Entweder ich freue mich – oder ich habe Angst. Aber genau das stimmt nicht. Freude und Sorge schließen sich nicht aus. Ich kann mich auf mein Kind freuen und gleichzeitig Angst vor der Geburt haben. Ich kann voller Dankbarkeit sein und trotzdem darüber nachdenken, ob alles gut gehen wird. Ich kann winzige Söckchen und süße Babykleidung heraussuchen und mich wenige Minuten später fragen, ob ich eine gute Mutter sein werde.
Vielleicht ist genau das eine reifere, realistischere Form von Freude. Keine oberflächliche Begeisterung, die alles andere übertönt. Sondern eine leise, tiefere Freude, die bestehen bleibt, obwohl andere Gefühle ebenfalls da sind.
Freude braucht Raum
Mit der Zeit habe ich außerdem gemerkt, dass Freude wachsen kann. Sie war nicht plötzlich da, sondern kam in kleinen Schritten. Mit jedem Ultraschall und jedem Herzschlag, den wir hören durften. Mit den ersten Bewegungen im Bauch. Mit jedem Moment, in dem dieses kleine Baby ein bisschen realer wurde. Und sie wurde paradoxerweise genau dann größer, als ich aufgehört habe, sie ständig zu überprüfen und mich mit den Gefühlen anderer zu vergleichen. Als ich immer mehr auf mein eigenes Herz geschaut habe, anstatt mich von meinen Erwartungen leiten zu lassen. Denn Freude lässt sich nicht erzwingen. Aber sie braucht Raum.
Mich erinnert das an das Gleichnis von Unkraut und Weizen, das vor kurzem im Sonntagsevangelium drankam. Der Feind eines Bauern streut auf sein Weizenfeld Unkrautsamen, die jetzt neben der eigentlichen Saat munter dahinsprießen. Die Knechte wollen das Unkraut sofort ausreißen, doch der Gutsherr hält sie zurück. Denn beim übereifrigen Ausreißen würden sie womöglich auch den Weizen beschädigen. Das Unkraut darf zunächst mitwachsen. Nicht, weil es gut ist, sondern weil der Weizen wichtiger ist. Vielleicht ist das auch ein gutes Bild für unsere Sorgen.
Sorgen vergehen, die Freude bleibt
Natürlich wünschen wir uns, sie einfach loszuwerden. Wir würden sie am liebsten aus unserem Herzen reißen. Aber manche Ängste lassen sich nicht auf Knopfdruck beseitigen. Wer schon einmal versucht hat, sich Sorgen zu verbieten, weiß, dass sie dadurch meist nur lauter werden. Vielleicht besteht die Kunst deshalb nicht darin, jede Sorge auszureißen. Sondern darin, ihr nicht das ganze Feld zu überlassen und stattdessen den Blick immer wieder auf das zu richten, was wächst. Auf das Gute. Auf das Leben. Auf die Freude. Denn Sorgen sind oft laut. Freude dagegen ist häufig leise. Sie drängt sich nicht auf. Sie wächst langsam, fast unbemerkt, wie ein Samenkorn, das unter der Erde seine Wurzeln schlägt. Und irgendwann merkt man, dass sie stärker geworden ist, ohne dass man genau sagen könnte, wann das eigentlich passiert ist.
Wenn ich heute auf den Anfang meiner Schwangerschaft zurückblicke, würde ich mir gerne sagen: Es ist okay, dass die Freude noch klein ist. Sie ist trotzdem da. Sie braucht nur Zeit. Und sie wird wachsen. Vielleicht ist das überhaupt die schönste Erkenntnis: Wahre Freude ist nicht die Abwesenheit von Angst. Wahre Freude ist das, was bleibt, wenn die Angst langsam ihre Macht verliert. Die Sorgen vergehen, die Freude bleibt bestehen.