Thema · Interview mit Pater Kilian Müller (OCist) in Neuzelle

Das Bekenntnis im Osten

Im Alter von 30 Jahren bekehrt sich Pater Kilian Müller OCist zum katholischen Glauben, wird später Mönch und Priester. Heute baut er gemeinsam mit anderen Zisterziensern im brandenburgischen Neuzelle, im Osten Deutschlands, ein neues Kloster auf. Ein Gespräch vor Ort über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

von Samuel Bittner · 21.01.2026

Pater Killian ist Subprior im Kloster Neuzelle. Foto: Zisterzienserpriorat Neuzelle.

Credo: Was haben Sie genau erfahren, was Sie innerlich dazu bewegt hat, in ein Kloster einzutreten, in dem achtmal am Tag gemeinsam gebetet wird?

Pater Kilian Müller: Kurz vor meinem 30. Geburtstag bin ich für einen Klosteraufenthalt und eine Jugendveranstaltung nach Heiligenkreuz gefahren. Ich war evangelisch – eher auf dem Papier als praktizierend – und zugleich von einer tiefen Sehnsucht nach einem erfüllten Leben geprägt. Ich hatte erfolgreich studiert, stand im Berufsleben und bekam dann noch eine schwierige Diagnose, die mich etwas zurückgeworfen hat.

Mein Wunsch war es, in Heiligenkreuz innere Ruhe bei Menschen zu finden, die einen ganz anderen Fokus im Leben haben. Was dann geschah, war jedoch vollkommen unerwartet. Während der Jugendvigil in der Kreuzkirche mit etwa 400 jungen Menschen spürte ich beim Singen plötzlich, dass jemand ganz Konkretes in mein Leben trat – ja, in eine innere Kammer, in der bisher niemand gewesen war.

Damit verbunden war eine tiefe Zusage: Mein ganzer Weg ist gesehen. Alles hat seinen Platz – das Schöne, das Schwierige und auch das Ungute. Ich spürte den Wunsch, wirklich aufzuräumen, weil ich Reinigung brauchte. Ein weiterer prägender Moment war die eucharistische Anbetung. Ich hatte beinahe das Gefühl, auf die Hostie zustürmen zu wollen. Vieles davon lässt sich kaum in Worte fassen. Von da an ging alles sehr intensiv weiter.

Credo: Sie leben und wirken in einer Region, die heute zu den säkularsten der Welt zählt. War das das Hauptmotiv, hierher zurückzukommen?

Pater Kilian: Ich würde nicht sagen, dass es das Hauptmotiv war. Wir haben aber sehr schnell gemerkt, dass es gut ist, gerade in diese Region zu kommen – auch wegen der starken Entchristlichung. Denn wenn der Gott des Christentums zurückgedrängt wird, entsteht kein Vakuum; dieser Raum füllt sich mit anderen Dingen, Kulten oder Glaubensinhalten. Und dennoch bleibt bei vielen Menschen eine tiefe Sehnsucht nach Sinn.

Wir hatten viele bereichernde Begegnungen mit Menschen ohne religiöses Bekenntnis, die uns gegenüber sehr offen waren. Die Freude in der katholischen Gemeinde von Neuzelle war groß, da über Generationen hinweg dafür gebetet wurde, dass dieses Kloster wiederbelebt wird. In der Umgebung gibt es kein weiteres Kloster, sodass Neuzelle wie ein geistliches Zentrum in einer großen Glaubenswüste wirkt. Zudem ist der Ort für viele Berliner ein beliebtes Ausflugsziel.

Credo: Was ist die Geschichte dieses Ortes Neuzelle?

Pater Kilian: Im 13. Jahrhundert kamen die Zisterzienser im Zuge der Ostkolonisierung nach den Wendenkreuzzügen in das heutige Ostdeutschland und nach Westpolen, um diese Regionen zu besiedeln und zu kultivieren. Unser Orden blickt hier auf eine über 700-jährige Geschichte zurück. 1817 wurde das Kloster aufgelöst.

Nach den Wirren des Nationalsozialismus, der DDR-Zeit und der Nachwendezeit hatte der Bischof von Görlitz den Wunsch, diesen offiziellen Wallfahrtsort des Bistums geistlich neu zu beleben. Das war letztlich auch die Einladung, die uns nach Neuzelle geführt hat.

Die Zisterzienser von Neuzelle zur Weihe von Pater Christoph im August 2025. Foto: Andreas Pein.

Credo: Wie versuchen Sie als Konvent, einer glaubensfernen Gesellschaft Kirche und Glauben näherzubringen?

Pater Kilian: Wir haben hier in Neuzelle alle ein Zuhause gefunden – es ist einfach schön, hier zu sein. Unsere Vision eint uns auf Christus hin. Unsere zentrale Mission ist es, vor Ort präsent zu sein und das Chorgebet zu halten. Wenn aus diesem Gebet Einheit entsteht, eine geistliche Gemeinschaft, dann wirkt das anziehend – immer.

Unser erster Auftrag ist es nicht, an Türen zu klopfen, sondern täglich viele Stunden das Lob Gottes zu singen und die Liturgie zu feiern. Das ist die stabilitas loci der benediktinischen Tradition: Jede Neugründung ist schwerfällig, träge, behäbig, langwierig und herausfordernd – aber zugleich darauf ausgerichtet, ohne Ablaufdatum zu existieren, eines Tages eine Abtei zu werden und über Jahrhunderte hinweg die Gegenwart des Herrn sichtbar zu machen.

Credo: Obwohl nicht alle Kriterien für eine Neugründung erfüllt waren, haben Sie sich als Konvent dafür eingesetzt, hier zu bleiben. Stand dahinter auch das Gefühl eines Auftrags aus den Begegnungen vor Ort?

Pater Kilian: Auf jeden Fall. Am Anfang gab es massive Krisen, in denen wir kurz davorstanden zu sagen: „Okay, Schluss, wir gehen zurück.“ Nach rein weltlichen Maßstäben wäre es rational gewesen zu gehen. Nach geistlichen Kriterien jedoch wäre es vollkommen widersinnig gewesen.

Der Herr hat uns hier geistlich sehr gesegnet. Es kommen Wallfahrtsgruppen zur Einkehr und suchen bewusst die Nähe zu den Mönchen. Zudem gibt es Menschen, die sich für das Ordensleben interessieren. Jugendliche konvertieren und melden sich zur Taufe an. Für die kommende Osternacht haben wir bereits sieben Anmeldungen für Erwachsenentaufen. Das miterleben zu dürfen, ist fast beschämend, weil es ja seine ganz eigene Geschichte mit den einzelnen Seelen ist.

Credo: Wenn wir zehn Jahre vorausblicken: Was ist Ihre Vision für das Kloster Neuzelle und die gesamte Region?

Pater Kilian: Das ist schwer zu sagen. Ich wünsche mir, dass der Konvent weiter wächst und wir beim Klosterbau bedeutende Schritte vorankommen. Gleichzeitig hoffe ich auf Phasen der Ruhe und Erholung, weil so eine Klostergründung sehr anstrengend ist.

Vor allem aber wünsche ich mir, dass die Menschen hier in ihren Sorgen und Nöten – und davon gibt es viele – Trost beim Herrn finden. Und letztlich sehnen wir uns nach der ewigen Ruhe. Vielleicht hat er eines Tages ein Einsehen und sagt: „Es ist genug. Du bist ein guter und treuer Diener gewesen.“

Credo: Vielen Dank für das Gespräch.