Thema · von steilen Spekulationen

Wie würde die Welt ohne Kirche aussehen?

Hätte es weder Kirche noch Christentum gegeben, wo stünde die Welt heute? Hätte, hätte, Fahrradkette – möchte man da sagen. Eine alternative Entwicklung der Geschichte der letzten 2.000 Jahre zu rekonstruieren, ist natürlich ein sehr spekulatives Unterfangen. Aber auch Spekulationen sind bisweilen unterhaltsam. Die einen sehen ohne Christentum eine harte, kalte Welt. Andere meinen, die Menschheit wäre ohne die Kirche schon auf Erkundungsfahrt durch die Milchstraße.

von Julian Schmidt · 02.08.2022

Ruine eines Apollo-Tempels
Antike Ruine eines Apollo-Tempels, Antalya, Türkei. Bild: Sondem, stock.adobe.com

Im Internet kursiert seit vielen Jahren eine Grafik, die den „technischen Fortschritt der Menschheit“ darstellen und nach Zeitaltern gliedern möchte. Die begleitende Zeitachse beginnt mit den alten Ägyptern, geht dann bei zunächst noch mäßigem Anstieg der Fortschrittskurve über zu den Griechen bzw. den Römern. Hier geht der Fortschritt laut Grafik schon schneller voran. Doch als schließlich die Zeit um das Jahr 500 erreicht ist, erfolgt die Katastrophe! Der Stand der Technik stürzt plötzlich und rapide ins Bodenlose und zeigt für die folgenden tausend Jahre keinerlei Anzeichen, sich wieder erheben zu wollen. Erst das Aufkommen der Renaissance, der Aufklärung und schließlich der „modernen Wissenschaft“ verhilft der Kurve des „wissenschaftlichen Fortschritts“ wieder zu einem rasanten Anstieg in schwindelerregende Höhen.

Die eigentlich zu erwartende technische Entwicklung aber, die ohne den Absturz geschehen wäre, ist auch verzeichnet und sogar noch einmal viel höher. Dieses „Loch“ in der Entwicklung ist beschrieben mit „das Loch, das das christliche dunkle Zeitalter hinterlassen hat“, und manchmal ist die Grafik auch noch versehen mit dem Zusatz „Ohne das Christentum könnten wir jetzt bereits die Galaxie erkunden.“

Das „dunkle Zeitalter” und die Aufklärung

Es ist fast müßig aufzuzählen, warum und in wie vielen Punkten diese Grafik, die vor allem in religionsskeptischen Internet-Communities der frühen 2000er Jahre Verbreitung fand, absurd und falsch ist. Vom massiven Eurozentrismus über das katastrophale Geschichtsverständnis hin bis zu einer sehr fragwürdigen Definition von „Fortschritt“ könnte man da vieles näher beleuchten. Dennoch halten sich ähnliche Vorstellungen bei vielen Menschen weiterhin – selbst bei Christen, wenn auch in weniger radikaler Form vielleicht. So ist es doch interessant, sich einmal näher mit der Frage zu beschäftigen: Gab es dieses „christliche dunkle Zeitalter“ wirklich? Wie würde die Welt heute ohne die Kirche, ja ohne das Christentum aussehen? Lässt sich das überhaupt sagen?

Dass das Christentum für den Zusammenbruch des Römischen Reiches und das folgende „finstere Mittelalter“ verantwortlich gewesen sei, ist keine Erfindung dieser Grafik. Bereits im späten 18. Jahrhundert sah der englische Historiker Edward Gibbon im Christentum den eigentlichen Grund für das Ende römischer Macht und Pracht. Gut dreihundert Jahre zuvor wollten die Gelehrten der beginnenden Renaissance an die vermeintliche Glorie der griechisch-römischen Antike anknüpfen. Sie sahen die Jahrhunderte zwischen ihrer Gegenwart und der antiken Vergangenheit als uninformiertes, „dunkles“ Zeitalter ohne Eigenschaften – ein „mittleres Alter“ eben, bloßer Stolperstein auf dem Weg in eine bessere Zukunft.

Edward Gibbon
Der britische Historiker Edward Gibbon (1737-1794). Gemalt von Henry Walton. C0 – gemeinfrei.

Die moderne Geschichtswissenschaft weiß, dass Gibbon und Konsorten es sich damit zu einfach gemacht haben. Der Kollaps des Römischen Reiches – eigentlich des weströmischen, schließlich hatte das Oströmische Reich noch einmal gut tausend Jahre länger Bestand – war ein hochkomplexer, vielschichtiger Prozess, dessen Anfang und Ende gar nicht so einfach zu erkennen sind. Eines aber ist sicher: Christlicher Pazifismus und „nutzloses Klosterleben“, wie Gibbon befand, waren nicht die Ursachen. Auch das sich anschließende Mittelalter war so finster nicht.

Ohne Kirche keine Bildung

Tatsächlich war es vor allem die Kirche, die als einzige quasi staatliche Institution des untergegangenen Reiches auch weiterhin Bestand hatte. In den Klosterbibliotheken bewahrte sie zahllose griechische und römische Texte vor der Vergessenheit. Und auch wenn der Zerfall des Weströmischen Reichs für sehr viele Menschen unleugbar einen geringeren Lebensstandard bedeutete und trotz der Bemühungen der Klöster viel Wissen verloren ging, blieb das Interesse für Technik und Naturwissenschaften nicht stehen. Tatsächlich lag bis in das Hochmittelalter hinein das europäische Bildungsmonopol in den Händen der Kirche. Isidor von Sevilla sammelte in seiner „Etymologie“ so viel antikes Wissen, wie er finden konnte; Papst Silvester II. forschte zu Mathematik und Astronomie; Roger Bacon war fasziniert von optischer Technologie sowie der Biegung des Lichts und Hildegard von Bingen schrieb viel über Pflanzenheilkunde und Medizin. Die Liste ließe sich fortführen.

So gesehen ist also schon die Grundannahme der Internetgrafik falsch: Christen haben das römische Reich nicht nur nicht zu Fall gebracht, sondern sie spielten auch eine entscheidende Rolle darin, antikes Wissen zu bewahren und weiterzuentwickeln. Freilich waren und sind auch Christinnen und Christen nicht davor gefeit, wissenschaftliche Erkenntnis auf dem Altar der Ideologie zu opfern. Dennoch aber gibt es im Christentum ebenso eine unleugbare Tradition der wissenschaftlichen Neugierde und Forscherlust „ad maiorem Dei gloriam“, bis in die heutige Zeit.

Caritas, Kunst und Regierungsformen

Soviel zu Wissenschaft und Technik. Nun gäbe es aber noch zahllose andere Felder, die man sich bei der Frage nach einer Welt ohne Kirche anschauen müsste. Wie würde es zum Beispiel im sozial-karitativen Bereich aussehen? Zumindest wäre wohl bei uns in der „westlichen Welt“ das Verständnis von Arbeit und Armut ein ganz anderes, wurde dieses doch durch Jahrhunderte der kirchlichen Diskussion und Lehre geprägt. Was wäre unsere bevorzugte Regierungsform? Schwer zu sagen, schließlich lassen sich in der Kirchengeschichte genug Beispiele finden, sowohl für ein Festhalten am Status Quo wie auch für revolutionäre Bewegungen „von unten“, getragen vom Vorbild Jesu oder der Rhetorik des Magnificat.

Welche Kunst würde unser Leben gestalten, wenn sie nicht durch fast zweitausend Jahre an christlicher Motivik geprägt wäre? Selbst vorgeblich religionsferne und rein politische Ideologien zeigen sich dann doch als erstaunlich religionsnah. Selbst im Sowjetkommunismus zum Beispiel erkennt man noch Äquivalente zu Heiligen (Marx, Engels, Lenin), Wallfahrten (Lenin-Mausoleum), einer Kirche (die Partei), Gottesdiensten (Parteitage) und vor allem einer quasireligiösen Utopie (die Weltrevolution bzw. der vollendete Kommunismus). Man könnte ganze Bücher schreiben über den bleibenden Einfluss der Kirche auf die Menschen. Und genau das haben Historiker und Historikerinnen bereits tausendfach getan und tun es immer weiter.

Welt ohne Kirche?

Das alles darzustellen, würde aber die Grenzen eines Credo-Artikels völlig sprengen. Also, noch einmal kurz und zum Schluss: Wie würde eine Welt ohne Kirche aussehen? Gab es das wirklich, das „Loch des christlichen dunklen Zeitalters“? Zu Letzterem kann man getrost sagen: Nein. Und zu Ersterem? … es ist kompliziert. Christinnen und Christen, Katholikinnen und Katholiken und die Institution Kirche überhaupt lassen sich zu allen Zeiten an allen Orten und auf allen Seiten finden: Bei den Wissenschaftsleugnern wie den Wissenschaftlern, den Faschisten wie den Sozialisten, den Kriegstreibern wie den Friedensmahnern, den Künstlern und den Bilderstürmern. In zwei Jahrtausenden hat die Kirche unser Leben, unser Denken und unsere Kultur in schier unvorstellbarem Maße durchtränkt und gestaltet. Was also wäre eine Welt ohne Kirche? Ganz sicher nur eins: ganz anders.

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