Thema · Konversion in die katholische Kirche

Mein Weg in die Kirche

Dass junge Menschen die Kirche in Viererreihen verlassen, daran sind wir bedauerlicherweise gewohnt. Dass junge Menschen zum katholischen Glauben konvertieren, sieht man dagegen nicht so oft. Johannes Feil, 33, aus Augsburg war Protestant, später überzeugter Freikirchler und konvertierte schließlich zum katholischen Glauben. Heute trifft sich der gelernte Kfz-Meister mit Freunden neben Schafkopf und Bier zum wöchentlichen Gebet. Sonntag morgens steht bei der jungen Familie Feil jetzt die Messe auf dem Programm. Wir haben uns mit ihm über seinen Weg unterhalten.

von Raphael Schadt · 02.08.2022

Geschlängelte Bergstraße
Bergstraße. Bild: Jack Anstey, unsplash.com

Credo: Du bist zur katholischen Kirche konvertiert, wie kam es dazu?

Aufgewachsen bin ich in einer ländlichen Gegend, um mich herum war quasi „jeder“ katholisch. Meine Familie gehörte zu den fünf Prozent Protestanten im Dorf. Im evangelischen Religionsunterricht unserer Grundschule waren wir in unserem Jahrgang zu dritt. Wie die meisten meiner Freunde, egal ob katholisch oder evangelisch, interessierte mich der Glaube nicht sehr. Trotzdem nahm ich aus der christlichen Prägung wohl eine gewisse Wertebasis mit und vielleicht auch ein Gefühl, „dass es da mehr geben könnte“. Das hinderte uns aber nicht daran, vor allem nach dem Spassprinzip zu leben: saufen, raufen, Fahrzeuge frisieren, Mädels abschleppen.

Als ich etwa 20 war, merkte ich, dass ich mich innerlich zunehmend leerer fühlte und das Leben immer sinnloser fand. Ich fing ich, in unterschiedlichen Richtungen nach „mehr“ zu suchen. Anfangs, über den Kampfsport, in der fernöstliche Spiritualität. Doch auch das gab mir keine Antwort auf die wirklich tiefen, existentiellen Fragen und keinen echten inneren Frieden.

Credo: Dann hast du ins Christentum reingeschaut.

Ja, in unregelmäßigen Abständen habe auch immer wieder die Bibel zur Hand genommen, die ich seit der Kindheit noch im Regal stehen hatte. Was ich dort las, provozierte mich irgendwie und regte mich auf, weil der Anspruch Jesu so absolut ist. Ich merkte aber auch, dass es Wahrheit von einer anderen Kategorie war. Diesem absoluten Anspruch wollte ich aber mein Leben nicht unterordnen und so legte ich die Bibel zurück, nur um sie einige Monate später nochmal zu lesen und dann wieder wütend ins Regal zu packen. Mein Leben entfernte sich währenddessen immer weiter von den Maßstäben, die ich in der Bibel erkannte. Das ging für etwa zwei Jahre so und ich verspürte vermehrt den Drang, eine Entscheidung zu treffen – diese oder jene Richtung. 

Also nahm ich mir vor, einen kleinen Schritt auf Gott zu zu machen. Ich lebte zu der Zeit in München und ging eines Sonntags einfach in den nächsten christlichen Gottesdienst, den ich auf Google fand. Es war eine protestantische Pfingstgemeinde mit sehr internationalem Publikum, viele Afrikaner, Asiaten und Anglo-Amerikaner. 

Tatsächlich erlebte ich nach wenigen Minuten, während der Lobpreis-Lieder am Anfang, etwas, das ich als die Nähe Gottes oder das körperliche Empfinden des Heiligen Geistes beschreiben würde. Es war wunderschön, ich musste vor Glück ständig weinen und nach dem Gottesdienst wusste ich mit Sicherheit, dass dies mein Weg ist. Ich ließ mich in dieser Gemeinde taufen und besuchte sie fortan jeden Sonntag. Ich absolvierte einen Jüngerschaftskurs und war ca. 1 Jahr lang ein begeistertes, engagiertes Mitglied. Nach und nach sortierte sich auch mein Leben und der tiefe Friede, nach dem ich mich so lange gesehnt hatte, erfüllte mich immer mehr. 

Johannes Feil
Johannes Feil. Bild: privat.

Credo: Damit hätte doch alles gut sein können, oder?

Ja … ich wollte noch mehr in die Tiefe gehen. Ich wollte über mystische Themen lernen, theologische Themen und die Ursprünge der Kirche. Was passierte in den 1.500 Jahren zwischen Apostelgeschichte und Reformation? Leider gab es dort auf diese Fragen kaum Antworten. Man sollte einfach produktiv sein, also mithelfen, evangelisieren, etwas leiten, etc.. Die wichtigste Frage nach dem Seelenheil war geklärt, jene nach geistlicher Heimat und meiner Berufung in der Kirche aber nicht.

Also bin ich wieder losgezogen – um zu suchen, wo ich dauerhaft hingehöre. Über einen Cousin lernte ich einen Gebetskreis junger charismatischer Katholiken in München kennen. Deren Art, den Glauben zu leben, die Tiefe und Sakralität der Gottesdienste, das beeindruckte mich. Allerdings war ich voller Vorurteile gegenüber der Katholischen Kirche, sowohl aus meiner Kindheitsgemeinde als auch aus meiner aktuellen.

Ich besorgte mir einen Katechismus und Bücher über Kirchengeschichte, traf mich mit einem Jesuitenpater zu vielen langen Gesprächen und setzte mich in leere Kirchen, um die Atmosphäre dort zu fühlen. Auch ging ich oft in die Heilige Messe und schaute mir alles an, ließ es auf mich wirken. Nach ein paar Monaten schwanden erst die Vorurteile, dann verspürte ich mehr und mehr eine tiefe Verbundenheit mit der katholischen Spiritualität und konnte auch rational die Lehre der Kirche für mich persönlich annehmen. Ich merkte, bei aller Vielfalt im Leib Christi: Das ist für mich die Kirche und meine geistliche Heimat. 

Also konvertierte ich. Getauft war ich ja schon – es war für mich ein sehr schönes Zeichen der Einheit, dass die katholische Kirche eine freikirchliche Wassertaufe voll anerkennt. Nun machte ich noch den Firmunterricht mit und wurde 2014 in St. Michael in München gefirmt. Seitdem habe ich tatsächlich etwas, das ich früher nie hatte: Eine innere Ruhe und das Gefühl am richtigen Ort zu sein. Als katholischer Christ. 

Credo: Hat sich für dich die Bedeutung von Kirche verändert?

Ja definitiv. In dieser Freikirche hatte ich, überspitzt dargestellt, folgendes Weltbild: Unter allen 50.000 christlichen Denominationen haben WIR endlich, als erste in der Geschichte, die Bibel mal richtig gelesen und verstanden. Folglich sind auch WIR die ersten und einzigen, die das Evangelium so richtig leben und verbreiten. Alle anderen Christen sollten möglichst schnell zur Vernunft kommen, ihre Irrwege verlassen und in unserer Gemeinde mitmachen. Vor uns war nichts – außer eventuell die Apostel – jetzt ist der Höhepunkt der Heilsgeschichte und nach uns wird auch nicht viel sein, weil Jesus sowieso in spätestens zehn Jahren wiederkommt.

Wie gesagt, das ist eine etwas überspitzte Darstellung und hatte auch viel mit persönlicher Unreife zu tun. Ich spreche auch nicht über Freikirchen im Allgemeinen. Jedenfalls hat sich mein Bild von Kirche sehr verändert: durch meine Lebenserfahrung und durch die katholische Lehre.

Ich sehe viel mehr das Unvollkommene, in mir und auch in unserer Kirche, und weiß, dass das für Gott kein Problem ist. Die Kirche ist das Volk Gottes, das durch die Zeit pilgert, wir stehen in einer langen Tradition – einerseits von vielen heiligen Menschen und großen Taten, andererseits aber auch von ziemlich viel Mist. Gott wird sein Haus trotzdem immer weiter bauen und es wird perfekt sein. Aber nicht so wie du und ich uns “perfekt” vorstellen. Sondern mit all der menschlichen Schwäche, Untreue, Aggression, Verzweiflung, Traurigkeit. 

Credo: Gibt es Dinge, die du von deiner ehemaligen Kirche vermisst?

Natürlich waren in der Freikirche durchschnittliche Mitglieder mit mehr Engagement dabei. Das liegt aber möglicherweise an dem Brauch, dass in Freikirchen diejenigen, die irgendwas stört, sofort die Gemeinde verlassen. In der Katholischen Kirche bleiben die meistens dabei und sitzen fortan halt grantig dreinschauend rum. Ich mag aber diese Grantler auch irgendwie, von daher gibt es eigentlich nichts, das ich von früher vermisse. 

Allerdings muss ich dazusagen, dass ich privat einen Männergebetskreis habe, wo wir uns wöchentlich treffen. Hätte ich den nicht, wäre mir die Gemeinschaft und das gemeinsame Gebet, das ich in der Pfarrgemeinde erlebe, schon deutlich zu wenig, denke ich. Da können wir durchaus von den Protestanten was lernen.