Thema · Sakramente

Real- oder „Virtual”-Präsenz?

Nach Wochen des Lockdowns sind öffentliche Gottesdienste wieder möglich. Gott sei Dank! „Online-streaming war gut und wichtig, aber es ist nicht dasselbe wie zusammen in der Kirche die Messe zu feiern“, brachte es eine Studentin neulich auf den Punkt. Einige Gedanken zu Kirche, Sakramente und Online-Gottesdiensten.

von Prof. Dr. Marco Benini · 09.06.2020

Eucharistie ist Real- und nicht Virtualpräsenz
Der Leib Christi - Real- oder Virtualpräsenz? (Foto: Laura Allen/Unsplash)

Während der Ausgangsbeschränkungen war es ein Segen der Technik, im eigenen Wohnzimmer oder am Laptop die Messe „anschauen“ zu können. Man konnte die Messe aus dem Bischofshaus oder einzelnen Pfarreien mitfeiern, sich einer kleinen Schar virtuell anschließen, die in der Kirche bei verschlossenen Türen Liturgie gefeiert hat. Doch es war für alle – in der Kirche und vor dem Bildschirm – ungewohnt. „Am Anfang konnte ich nicht die Antworten geben oder mitsingen, die nächsten Sonntage gingen besser“, so eine Rückmeldung, „doch jetzt freue ich mich, auch wieder mit anderen direkt dabei sein und die Kommunion empfangen zu können.“

Tatsächlich kamen in den letzten Sonntagen immer mehr Menschen wieder zur Heiligen Messe – freilich weniger als vor Corona. Wegen der derzeitigen Sicherheitsabstände können nicht immer alle teilnehmen, die möchten. Da stellen sich einige Fragen: Was kann man denen antworten, die sagen: „Ohne Gottesdienst ging es auch. Ich kann ja auch alleine beten“? Soll es weiter Streaming-Messen geben? Kann es Kirche auch hauptsächlich online geben – ist das vielleicht sogar eine modernere Form von Kirche?

Gottesdienstbesuch und Glaubensüberzeugung gehen Hand in Hand

Papst Franziskus hat einer reinen „Online-Kirche“ eine Absage erteilt. Während einer live gestreamten Messe in Santa Marta am 17. April stellte er fest: „Wir sind zusammen und doch nicht zusammen.“ Mit Blick auf die Begegnung des Auferstandenen mit den Jüngern am See von Tiberias hob er hervor: „Eine Vertrautheit ohne Gemeinschaft, eine Vertrautheit ohne Brot, ohne die Kirche, ohne das Volk, ohne die Sakramente ist gefährlich. Es kann eine gnostische Vertrautheit werden, eine Vertrautheit nur für mich allein, losgelöst vom Volk Gottes. In der Tat ist die Vertrautheit der Apostel mit dem Herrn immer gemeinschaftlich, immer bei Tisch, ein Zeichen der Gemeinschaft, und immer mit dem Sakrament, mit dem Brot.“

Es liegt auf der Hand: Die Gemeinschaft stärkt im Glauben. Jesus hat Einzelne berufen, sie aber in den Kreis der Jünger eingefügt. Man kann nicht alleine, nur für sich glauben. Solange der Apostel Thomas nach der Auferstehung Christi, die er nicht erlebt hatte, alleine blieb, war er in seinen Zweifeln gefangen. Doch acht Tage später, das heißt am nächsten Sonntag, kehrte er zu den Aposteln zurück. Es war in der Gemeinschaft der Kirche, wo er dem Auferstandenen begegnete und vom Zweifler zum Zeugen wurde. Heutige Umfragen bestätigen dasselbe: Gottesdienstbesuch und Glaubensüberzeugung gehen Hand in Hand.

Die Kirche lebt von der Eucharistie

Christus hat in der Eucharistie keine Virtual-, sondern eine Realpräsenz eingesetzt: „Das ist mein Leib. – Das ist mein Blut für euch.“ Er hat unser Menschsein mit Fleisch und Blut angenommen und sich real hingegeben am Kreuz. In der Eucharistie ist der Auferstandene heute gegenwärtig. Der heilige Augustinus hat in einer Osterpredigt tiefsinnig über den Zusammenhang von Kommunion und Kirche-Sein formuliert: „Seid, was ihr seht, und empfangt, was ihr seid: Leib Christi.“

Priester hält Monstranz mit Allerheilgstem nach oben
In der Eucharstie ist der Auferstandene real gegenwärtig. (Foto: Jacob Bentzinger/Unsplash)

Beim Empfang der Kommunion bekunden wir mit unserem „Amen“ (= „So ist es“) den Glauben, dass die konsekrierte Hostie „Der Leib Christi“ ist. Zugleich werden wir zusammen mit den anderen zum Leib Christi, zur Kirche (vgl. 1 Kor 12), auferbaut. Wir empfangen den Leib Christi, um Kirche zu werden. Die Kirche lebt von der Eucharistie. Augustinus sagt in derselben Predigt: „Sei ein Glied am Leib Christi, damit dein Amen wahr sei.“ Eine nur geistige Kommunion ist in Ausnahmefällen wie Corona möglich und sinnvoll, sie entspricht aber nicht dem Wort Jesu: „Nehmt und esst alle davon.“

Bei den Sakramenten stößt der Livestram an seine Grenzen

Man kann problemlos an Online-Vorlesungen oder Zoom-Meetings teilnehmen, weil dort vor allem Informationen vermittelt oder ausgetauscht werden. Man kann auch online einen Bibelkreis halten und im Gebet verbunden sein. Bei den Sakramenten gibt es freilich Grenzen; denn es geht nicht einfach um Information, sondern um eine aktuelle Feier und Begegnung mit Christus, die konkrete Zeichen, Gemeinschaft, Raum und Sinne braucht. Es kann keine Taufe ohne Wasser geben, keine Heilige Messe ohne Brot und Wein auf dem Altar, keine Krankensalbung ohne Salbung mit Öl. Christus hat die Elemente dieser Welt, die „Frucht der Erde“, aufgenommen und macht sie zu seinen Zeichen. Außerdem entspricht es uns Menschen, die wir sichtbare Zeichen brauchen. Der sakrale Kirchenraum öffnet für die Gottesbegegnung.

Online-Kirche als Einladung zum realen Gottesdienst

Ähnlich wie bisher Gottesdienste vor allem im Fernsehen ausgestrahlt wurden, werden sie sicher auch nach Corona im Internet zur Verfügung stehen für jene, die etwa wegen Krankheit oder Alter nicht in der Kirche daran teilnehmen können. Ein Ersatz wollen und können sie nicht sein. Da das Internet „niederschwellig“ ist, können sie aber einladen, vom virtuellen zum realen Gottesdienst überzugehen. In den USA hatte ich einen Studenten, der nicht religiös erzogen wurde. YouTube-Gottesdienste regten ihn an, mehr wissen zu wollen und selbst einen Gottesdienst zu besuchen. Schließlich ließ er sich taufen – mit realem Wasser – und nähren mit dem „wahren Brot vom Himmel“ (Joh 6,32).