Thema · Interview mit Theresia Kamp über „Mental Health“ bei der Jugendwerkwoche

„In einer Depression ist es nicht immer sinnvoll Vergebung zuzusprechen“

Theresia Kamp, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der KU Eichstätt-Ingolstadt und Referentin bei der Jugendwerkwoche, hat uns im Credo-Interview vor Ort erklärt, wie Spiritualität in Krisenzeiten helfen kann – und warum es nicht immer sinnvoll ist, dem Betroffenen Vergebung zuzusprechen.

von Samuel Bittner · 12.02.2026

Theresia Kamp während ihres Vortrags bei der Jugendwerkwoche 2026. Foto: Credo.

Credo: Frau Kamp, woran machen Sie fest, dass das Thema „Mental Health bei Jugendlichen“ heute eine besondere Dringlichkeit hat?

Theresia Kamp: Das zeigen zunächst Jugendstudien, in denen relativ viele Jugendliche angeben, dass sie sich belastet fühlen, Stress empfinden und das Gefühl haben, dass es ihnen nicht gut geht. In unserer heutigen Gesellschaft liegt sehr viel Last auf dem Einzelnen. Wir sind für unser Glück selbst verantwortlich – was einerseits eine Errungenschaft ist, andererseits aber auch Druck, Angst und Unsicherheit erzeugt, weil man aus hundert Möglichkeiten „das Richtige“ wählen muss.

Die Strukturen früherer Zeiten hatten auch eine entlastende Funktion, weil es weniger Wahlfreiheit gab. Manche Menschen haben etwa den Betrieb ihrer Eltern übernommen und vielleicht insgeheim damit gehadert, aber es gab ihnen auch Sicherheit. Hinzu kommen Themen wie die Klimakatastrophe, Angst vor Krieg oder vor einer neuen Pandemie, die junge Menschen beschäftigen und belasten.

Credo: Was ist die Antwort des Evangeliums auf eine psychisch herausgeforderte Jugend – beziehungsweise was ist Ihre Antwort?

Kamp: Die Antwort des Evangeliums lautet zunächst: „Du bist geliebt und angenommen, so wie du bist.“ Wenn ich das allerdings einer Person sage, die sich gerade in einer akuten Angstsituation befindet, tröstet es sie vielleicht nicht sofort. Das heißt, ich muss diesen Menschen zunächst in seiner Angst ernst nehmen. Mit verschiedenen Strategien kann ich ihm helfen, mit dieser Angst umzugehen.

Das können auch Bilder aus dem Evangelium oder der Bibel sein – etwa der Ruheplatz am Wasser aus Psalm 23, ein Ort, an dem ich mich sicher und geborgen fühle. Gemeinsam mit der Person kann ich herausfinden, welche Ressourcen ihr oder ihm Kraft geben können.

Credo: Sie sagen, dass Spiritualität ein entscheidender Schlüssel sein kann, um stabil zu bleiben. Wie kann eine gesunde Spiritualität in der Jugendarbeit konkret aussehen?

Kamp: Sie haben das entscheidende Stichwort bereits genannt: gesunde Spiritualität. Studien zeigen, dass nicht jede Form von Spiritualität hilfreich ist. Man kann nicht einfach sagen: Ein Mensch ist spirituell, also wird er weniger psychisch krank. Krank zu werden ist menschlich – auch Menschen mit einer guten Spiritualität können erkranken. Generell hilfreich ist eine Spiritualität, die intrinsisch motiviert ist, also aus einer eigenen inneren Motivation heraus gelebt wird. Wenn ich bete und im persönlichen Gespräch mit Gott stehe, stärkt das diese Beziehung.

Ein vertrauensvolles Gottesbild lässt mich auch hoffnungsvoller in die Zukunft blicken. Konkrete Formen können Meditation und Entspannungsübungen sein. Ein vertrauensvolles Gottesbild und eine meditative Stimmung vereint zum Beispiel ein Taizé-Gebet. Diese Formen können helfen, um sich auf das „Hier und Jetzt“ zu fokussieren. Das ist wichtig, denn Ängste richten sich meist auf das Morgen – im Hier und Jetzt bin ich dagegen in der Regel sicher.

Credo: Sie sagen, dass es nicht immer hilfreich ist, Vergebung zuzusprechen, da dies Schuldgefühle sogar verstärken kann. Wie kann die Beichte dennoch eine hilfreiche Option für innere Heilung sein?

Kamp: Sie kann auf jeden Fall hilfreich sein. Allerdings muss ich unterscheiden zwischen tatsächlicher Schuld und Schuldgefühlen. Bei einer Depression etwa können Schuldgefühle Teil des Krankheitsbildes sein. Sie entstehen nicht, weil der Mensch objektiv Schuld auf sich geladen hat, sondern weil er sich aufgrund der Erkrankung schuldig fühlt. Dieses Empfinden hat auch eine physiologische Komponente. In einem solchen Fall ist es nicht sinnvoll, Vergebung zuzusprechen, denn das bestätigt ja für die Person, dass sie schuldig sei. Tatsächlich können durch gut eingestellte Medikamente Schuldgefühle genauso abnehmen wie etwa Schlafstörungen. Ein alternativer Zuspruch könnte ein Segen sein.

Bei einem psychisch gesunden Menschen hingegen ist es ein Zeichen seelischer Gesundheit, Schuld empfinden zu können und ein Gewissen zu haben. Denken Sie etwa an Menschen, die schweres Unrecht begangen haben, zum Beispiel Missbrauchstäter. Sie sagen in Gesprächen oft, sie hätten nichts Schlimmes getan. Ihnen fehlt das Schuldgefühl, sie verdrängen ihre Tat. Ein gesunder Umgang mit Schuld besteht jedoch darin, sich ihr zu stellen. So muss ich keinen Bereich meines Lebens verdrängen und bekomme meine Handlungsfreiheit zurück. Dabei kann die Beichte eine wichtige Rolle spielen.

Credo: Sie haben außerdem erwähnt, dass in einer Krise auch die eigene Glaubensfähigkeit stark beeinträchtigt sein kann.

Kamp: Genau. Gerade eine Depression kann den Glauben beeinträchtigen, weil wir leib-seelische Wesen sind. Was in meiner Psyche geschieht, wirkt sich auf meine Gefühle aus. In einer depressiven Phase kann ich Gottesnähe viel schwerer empfinden. Als gläubiger Mensch belastet mich das zusätzlich, weil ich vielleicht denke, ich glaube nicht genug. Für jemanden, der sein Leben lang auf den Glauben gesetzt hat, ist es unvorstellbar schwer zu spüren, dass dieses Gefühl plötzlich nicht mehr da ist. Faktisch ist das jedoch eine Folge der Erkrankung.

Da kann es ungemein entlastend sein zu hören: „Du hast eine diagnostizierte Depression. Es ist möglich, dass diese Erfahrung damit zusammenhängt.“ Es gibt viele Zeugnisse von gläubigen Christen, bei denen der Glaube durch das Zueinander von Therapie, Seelsorge und Medikamenten wieder zurückgekehrt ist.

Credo: Vielen Dank für das Gespräch.