Thema · Identität

Cosplay: Spiel mit Identitäten

Für ein paar Stunden Spiderman, Astro Boy oder Captain Future sein. Cosplay ist ein Spiel mit Identitäten. In der Regel mit Kunstfiguren. Was macht den Reiz aus? Victoria Peter ist fromm evangelisch aufgewachsen und in der Cosplay-Szene aktiv. Wir haben uns mit ihr über diesen Trend, in andere Identitäten zu schlüpfen, unterhalten.

von Raphael Schadt · 28.10.2020

Victoria, 28, als Iwatooshi aus dem Anime Touken Ranbu. Bild: Privat.

Credo: Was genau ist Cosplay? 

Victoria: Auch unter Cosplayern wird die Definiton von Cosplay teilweise heiß diskutiert. Ich erkläre die Frage meist so: Cosplay ist, wenn man sich probiert wie ein fiktionaler Charakter aus Film, Fernsehen, Spielen oder Comics anzuziehen. Der Begriff kommt von Costume-Play, also das spielerische Kostümieren. Bekannte Beispiele sind Star Wars und Star Trek oder in letzter Zeit auch Superhelden Filme. Die japanisch angehauchte Szene verkleidet sich als die Lieblingspersonen aus Animes oder Mangas.

Credo: Also wie Fasching?

Victoria: Bei Fasching und Karneval sind die Kostüme oftmals außerhalb der Vereine nicht ähnlich hochwertig, auch kann man Cosplay das ganze Jahr über beitreiben. Die meisten Cosplayer werden nicht gerne mit Fasching verglichen, da sie sehr viel Liebe für ihre Charaktere und Kostüme haben und mit Fasching oft Feiern bis zum Absturz verbinden. Auch trifft man sich beim Cosplayen nicht hauptsächlich zum Feiern und Trinken, sondern auch für Fotoshoots und Austausch über die Lieblingsserien.

Credo: Es geht mehr um die Auseinandersetzung mit den fiktionalen Figuren. Wie weit geht die Identifikation mit der Kunstfigur?

Victoria: Ich persönlich suche mir gerne Charaktere, die ich mag und mit denen ich mich identifizieren kann. Bei mir spielt aber auch der Herausforderungsgrad eine große Rolle. Einige zum Beispiel wählte ich, weil mich die Umsetzung eines Roboterarms oder ähnliches besonders interessierte. Durch Perücke, Make-up und Kostüm verändert sich das Äußere je nach Cosplayer extrem. Ich wurde oft nicht wiedererkannt. Doch auch das Verhalten kann sich leicht verändern. Während ich nie das Gefühl hatte, jemand anderes zu sein, ist es vergleichbar damit, wenn man besonders formelle Kleidung anhat. Man verhält sich da auch automatisch anders. Außerdem wird man vom Umfeld auch anders wahrgenommen. Verkleide ich mich als alten Mann, kann es vorkommen, dass manche Aussagen von mir komplett anders aufgenommen werden. Als Barbie muss man sich hingegen mit mehr Sprüchen von Männern auseinandersetzen.

Es gibt ab und zu Congänger, die Realität und Fiktion nicht ganz auseinanderhalten können und dann vergessen wird, dass man gerade eben nicht der fiktionale Charakter ist. Das sind aber Ausnahmen. Oft ist das Kostüm Anlass zum Austausch über das Hobby oder die Lieblingsserie und dann findet man schnell auch weitere gemeinsame Interessen.

Credo: Was macht den Reiz für Dich, in solche Rollen zu schlüpfen? 

Victoria: Abgesehen davon, dass ich die Herausforderung mag, einer Zeichnung oder bewegten Bildern, die natürlich kein Problem damit haben, Dinge darzustellen, die in Wirklichkeit gar nicht möglich sind, auf meine Art Leben einzuhauchen, ist das Miteinanderin der Szene unheimlich interessant. Dort kommen Menschen aus allen Teilen Deutschlands oder sogar Europas zusammen und ich habe viele Freunde kennenlernen dürfen und dadurch auch viel über Mitmenschen lernen dürfen. Ich umgebe mich gerne mit Menschen, die sich leicht für Neues begeistern lassen und mit denen man Materialideen, Erfahrungen und auch Headcanons (eigene Interpretationen von Geschichten) austauschen kann.

Victoria, hier in Zivil, ist 28 Jahre alt, hat Lehramt in Giessen studiert und ist jetzt Lehrerin für Kunst und Englisch in Stuttgart. Bild: Privat.

Credo: Der Identitätswechsels ist ja Thema sowohl im Cosplay als auch im Christentum. Man  zieht als Christ bei der Taufe „den neuen Menschen“ bzw. „Christus” an oder erhält einen neuen Namen bzw. Habit beim Ordenseintritt. Ist das für Dich vergleichbar?

Victoria: Man sagt oft, dass man durch Cosplay ausprobieren kann, wer man ist. Also durchaus Identität erforschen kann. Ein einfaches Beispiel ist, dass ich dadurch gemerkt habe, welcher Modestil mir gut gefällt und, dass mir kurze Haare durchaus stehen. Das hat es mir einfacher gemacht, meine Haare zu schneiden und jetzt gebe ich mir regelmäßig den Haarschnitt, der meiner Meinung nach am Besten zu mir passt. Doch das ganze kann natürlich auch viel tiefer gehen. Man forscht praktisch indirekt teilweise danach, was in einem steckt, ohne, dass man gleich „im echten Leben“ diesen Schritt gehen muss. Und manchmal entflieht man eben für kurze Zeit der Realität. So etwa wie Urlaub.

Wenn ich aktiv als Christ lebe, muss ich auch jeden Tag wieder prüfen, welches „Gewand” das richtige ist.

Credo: Also Gewand z.B. im Sinne von „Sie durfte sich kleiden in strahlend reines Leinen. Das Leinen bedeutet die gerechten Taten der Heiligen.” (vgl. Off 19,8) ?

Victoria: Ja. Manche werden uns als „das perfekte Gewand“ verkauft. Doch einerseits muss man herausfinden, wie die eigene Beziehung mit Christus aussieht, aber auch welches Handeln diese jetzt wirklich fördert. Sowohl im Glauben als auch bei Cosplay gehört ein Nachforschen dazu, zum Beispiel in der Bibel (dem würde die Internetrecherche beim Cosplay entsprechen), im Gebet (entsprechend die Unterhaltung mit anderen Cosplayern) oder auch in der Interaktion mit Menschen.

Schlussendlich ist für mich Glaube aber etwas, was ich abends nicht ausziehen kann. Also kein Hobby, dass ich manchmal mehr oder weniger betreibe, sondern eine Lebensgrundlage.

Credo: Hast du aktuell irgendwo eine kirchliche Anbindung und oder gibt es einen kirchlichen Ort, wo du dich wohl fühlst?

Victoria: Trotz meinen vielen Umzügen habe ich mich immer um Gemeinschaft in verschiedenen Gemeinden bemüht. Im Moment fällt es mir schwer, meine Nächstenliebe mit Gottesdienstbesuchen in Einklang zu bringen und deswegen genieße ich die Online-Gottesdienste der Ludwig-Hofacker Gemeinde (eine landeskirchliche evangelische Gemeinde a.d.R.). Aber auch in meiner Schule habe ich konstanten Anschluss zu lebendigen Christen und das ist für mich gerade ein besonderer Segen.

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