Thema · Lebensschutz

Identität – von Anfang an Mensch

Ab wann ist der Mensch ein Mensch? Die zentrale Frage in der Debatte um Abtreibung und Euthanasie ist jene der Identität. Ist der Fötus als Mensch anzusehen oder nicht? Wer darf das bestimmen? Und was ist die Position der katholischen Kirche in dieser Frage. In diesem Credo Talk sprechen wir mit Weihbischof Florian Wörner über Lebensschutz, dem Einsatz für den Schutz des Lebens am Anfang und am Ende des Lebens.

von Raphael Schadt · 19.07.2022

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Credo Talk. Raphael Schadt im Gespräch mit Weihbischof Florian Wörner über menschliche Identität und Lebensschutz.

Credo: Ab wann hat man biologisch oder vor dem Gesetz Identität als Mensch?

Weihbischof Florian Wörner: Der Mensch ist Mensch unabhängig davon, ob er zur Welt gekommen ist oder noch im Mutterleib ist. Unabhängig davon, ob er gesund oder krank ist, leistungsstark oder nicht, unabhängig von seinem Aussehen und zwar vom ersten Moment seines Daseins im Mutterleib bis zum letzten Atemzug. Das ist unsere Botschaft. Das macht die Würde und den Wert des menschlichen Lebens aus, dass nicht wir zu bestimmen haben, wann es los geht. Der Mensch ist Mensch von Anfang an bis zum letzten Atemzug. 

Credo: Das heißt theologisch gesehen ist dem Menschen nicht gegeben, willkürlich zu definieren, wann menschliches Leben anfängt.

Wörner: Als gläubige Menschen bekennen wir uns dazu, dass der Menschen sich nicht selbst verdankt und dass er nicht zufällig hier ist, ein Produkt des Zufalls oder der Laune der Natur. Das Leben ist ein Geschenk. Wir verdanken uns einem liebenden Gott, der einen Plan mit uns hat, der uns das Leben geschenkt hat und der uns zu einem Leben in Fülle ruft. Wer sind wir, dass wir bestimmen, diesen Plan zu verhindern und ihn vorher abzubrechen?

Als gläubige Menschen haben wir Respekt vor dem Wert, vor der Würde eines jeden Menschen. Christen sollten sich von niemandem darin übertreffen lassen, groß vom Menschen und von dem, was Gott mit ihm vorhat, zu denken. Ich glaube, es gibt eine gemeinsame Basis, die wir alle haben: Wir sind uns einig, dass der Mensch dem Zugriff des Menschen entzogen ist, dass er eine unantastbare Würde hat.

Credo: Was macht es mit einer Gesellschaft, wenn sie sich daran gewöhnt, Lebensrecht am Anfang und am Ende des Lebens zur Disposition zu stellen?

Wörner: Papst Franziskus hat in einer Rede von der Globalisierung der Gleichgültigkeit, auch im Hinblick auf den Lebensschutz gesprochen. Wir Christen müssen die Fahne hochhalten für eine neue Kultur der Wertschätzung des menschlichen Lebens. Es ist eine gefährliche Situation in die wir da hineinrutschen, dass das Bewusstsein für den Wert des menschlichen Lebens immer mehr schwindet, ja, dass man sogar von einem Recht auf Abtreibung spricht. 

Wie kommen wir dazu, zu meinen, wir könnten Handhabe haben über die Frage von Geburt und Tod? Der Mensch ist keine Sache. Er ist nicht handhabbar wie eine Maschine oder ein physikalischer Vorgang. Nein, das ist unserem Zugriff entzogen. Wir sollten nicht Anfangen, das zur Disposition zu stellen. Sonst begeben wir uns auf eine schiefe Bahn, die dann alle anderen Bereiche des menschlichen Lebens in Frage zu stellen droht.

Credo: Nach traditionellem Rollenverständnis war es Teil männlicher Identität, Leben zu schützen – quasi ein ritterliches Ideal. Ist uns von dieser männlichen Identität etwas abhanden gekommen?

Wörner: Die Frage ist, wie weitreichend ist diese männliche Identität – wie sie sagen. Ich glaube schon, dass in unserer Zeit noch vieles geblieben ist. Aber gilt das auch für Menschen, die im Mutterleib sind? Gilt das auch für Pflegebedürftige? Oder hat sich in den Köpfen der Menschen etwas verändert? Und da würde ich Ihnen voll zustimmen, da ist noch Luft nach oben. Vielleicht ist es gerade auch neu Sache der Männer, die sich vielleicht in manchen Bereichen etwas zurückziehen, weil sie sagen: Schwangerschaft, das ist Sache der Frauen. Nein, es ist unsere gemeinsame Sache, Leben zu schützen und zwar vom ersten Moment des Daseins des Menschen bis zum letzten Atemzug.

Credo: Sie nehmen ja schon seit einigen Jahren am Marsch für das Leben, der jährlichen Kundgebung für den Lebensschutz in Berlin teil. Damit sind Sie aber unter kirchlichen Vertretern in der Minderheit. Warum ist die katholische Kirche in Deutschland bei diesem Thema so zurückhaltend, verglichen etwa mit der Kirche in den USA?

Wörner: Ich bin 2017 bewusst eingestiegen. Ich muss gestehen, ich hatte dieses Thema auch was die Teilnahme am Marsch für das Leben anbelangt bisher nicht so im Blick. Ich treffe immer wieder neue Bischöfe. Es könnten mehr sein, das gebe ich zu. Ich würde mir wünschen, dass wir hier geschlossener, mutiger und sichtbarer die Fahne für den Lebensschutz hochhalten. Ich würde mich freuen wenn viele Bischöfe an diesem Marsch für das Leben teilnehmen. In anderen Ländern ist das anders. Wir haben da noch viel Nachholbedarf. Es gibt viel Bewusstseinsbildung in unserem Land aber ich glaube, es ist noch nicht laut und sichtbar genug. Da muss noch viel mehr getan werden.

Credo: Kürzlich hat ein evangelischer Landesbischof für ein Recht auf Suizid argumentiert, mit Verweis auf Selbstbestimmung und Menschenwürde. Hat Gott den Menschen gewollt, der sich selber sein Ende bestimmt?

Wörner: Ich halte diese Aussage für völlig abwegig. Ich weiß nicht, wie Christen dazu kommen können, vom Evangelium her, einer Botschaft des Lebens, so zu sprechen. Nein, Anfang und Ende des menschlichen Lebens sind unserem Zugriff entzogen. Das Leben ist heilig, es ist unantastbar. Wenn wir anfangen, so zu reden, dann begeben wir uns auf eine schiefe Bahn, die eine durchaus schon verbreitete Kultur des Todes von unserer Seite auch noch befördert. Ich muss hier klar widersprechen.

Credo: Danke für das Gespräch.

Herzliche Einladung an alle, denen dieses Thema am Herzen liegt, zur Gebetswache für das Leben am 15. September 2022 in Augsburg-Pfersee und zum „Marsch für das Leben” in Berlin. Dieser Artikel erschien ursprünglich am 14. September 2020 und wurde hier aus gegebenem Anlass aktualisiert.

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