Thema · Fastenzeit

Exodus 90: Askese-Challenge für Männer

Die Challenge: 90 Tage / zwei mal pro Woche fasten / keine Zwischenmahlzeiten / kein Nachtisch / kein Zucker / kein Alkohol / kein Fernsehen / keine Musik – außer geistliche / kein Social-Media / Computer nur für die Arbeit / duschen kurz und kalt / feste Gebetszeiten / mindestens eine Wochentagsmesse / Exerzitientexte aus dem Buch Exodus / Sport, aber keine Sportveranstaltungen / Einkäufe nur für Nötiges / mindestens wöchentliche Treffen unter Brüdern. Ein Selbstversuch.

von Raphael Schadt · 26.02.2020

Exodus 90: Askese-Challenge für Männer logo

Das Ziel ist, wie der Name schon andeutet: Exodus – Der Auszug aus der „ägyptischen Sklaverei”. Eine Herausforderung für Männer, um frei zu werden von Süchten, schlechten Angewohnheiten und Trägheit. Um Gott zu begegnen wie Israel am Sinai. Warum 90 Tage? Weil es laut therapeutischer Erfahrung so lange dauert, schlechte Gewohnheiten abzulegen bzw. gute zu lernen. Und weil es auf Ostern (dem christlichen Auszug aus dem Sklavenhaus) zugeht, hat unsere Gruppe – wir sind insgesamt zu siebt –  damit schon im Januar angefangen.

Abgesehen von meiner Neigung zum Röstbohnenaufguss habe ich keine Drogen-, Alkohol-, Game- oder Pornoabhängigkeit oder vergleichbare Süchte, die meinen mittlerweile recht bürgerlichen Lebenssstil gefährden könnten. Aber das ist auch nicht das, worum es mir geht. Warum tue ich mir den ganzen Verzicht an? Ein junger Freund erzählte mir von der Challenge und fragte, ob ich mitmachen wolle. Zuerst winkte ich innerlich ab, aber als ich von der Messlatte erfuhr, wurde ich bei meiner Ehre gepackt: Ich werde mir doch von diesem jungen frommen Hüpfer nicht vormachen lassen, was Askese ist … Da muss ich mit, wie Bilbo Beutlin mit den Zwergen.

Exodus –Ausziehen

Gestartet war schnell. Als erstes fällt unangenehm auf: Ablenkungs- und Selbstbelohnungsmechanismen fallen weg. Abends kommt das Handy weg, Fernseher gibt’s bei uns ohnehin nicht. Allem voran fehlt mir, mich mal eben auf Twitter abzulenken. Social-Media ist meine Schwachstelle. Die Haut wird dünner. Ich bin mir selbst ausgesetzt. Beim Start kracht es erst einmal in der Familienkiste.

Aber ich habe auch wieder mehr Zeit. Nachdem die Kinder im Bett sind, nehme ich wieder die Gitarre zur Hand. Auch zum Lesen ist wieder Zeit: Ich ziehe Johannes vom Kreuz „Empor den Karmelberg“ aus dem Regal. Ich realisiere, seit ich ihn gekauft habe, bin ich doppelt so alt geworden: „Aller Reichtum und Glanz der gesamten Schöpfung ist, mit Gottes Reichtum verglichen, nichts als Armut und tiefstes Elend. Darum ist die Seele, die solches besitzt, ganz arm und elend vor Gott,“ (S. 21) Moment mal, das kenn ich irgendwo her … „Aller Reichtum ist wie Sand – vor dieser Schönheit, die ich fand.

Hier liegt der Grund für diese Exodus90-Aktion: Frei zu werden von allem, „was mich hält – was mir genügt in dieser Welt, ist dich zu sehen.“ Gott sehen, Gott begegnen. Darauf kann man sich, darauf muss man sich vorbereiten! Das Buch Exodus ist voll von dieser Frage: Wie kann man einem heiligen Gott begegnen, ohne zu vergehen? Die Israeliten haben Todesangst bei der Erscheinung am Sinai und schicken Mose vor. Alle kultischen und moralischen Gebote drehen sich um die Frage: Wie kann man Gott begegnen? Beim Fasten machen wir uns frei von allem, was uns träge macht. Askese ist kein Sadomasochismus, sondern ein Sich-Ausleeren, um Platz zu machen für eine Begegnung mit Gott.

Einsam in der Wüste
Exodus 90: Der Auszug aus der Sklaverei der eigenen schlechten Angewohnheiten. (Foto: Stephen Leonardi on Unsplash)

Aber es ist auch eine Sehnsucht, Gott zu begegnen. Lass mich dein Angesicht sehen, bittet Mose Gott. Gott zieht mit seiner Herrlichkeit an ihm vorbei und zeigt ihm seinen Rücken (Ex 33, 18ff’). Aber sein Angesicht darf er nicht sehen, auch das gelobte Land nicht. Er bekommt die Bitte erst 2000 Jahre später auf dem Tabor zusammen mit Elijah gewährt. (Mt 17,3).

Verzicht – Aller Reichtum

Verkauf das letzte Hemd für die Karten vom Konzert“, so lautet die erste Zeile aus einem Song von Deichkind. Ich hatte mir von den Brüdern in der Exodus-Gruppe die Ausnahme erbeten, aufs Deichkind-Konzert zu gehen (die Musik ist nicht geistlich – aber „deine Seele braucht SO NE MUSIK!“ 2:13), die zwei Karten waren ein Geburtstagsgeschenk vom September, lange vor der Challenge.

Ich wollte mit einem Kollegen, auch ein Deichkind-Fan, hingehen. Leider war er kurzfristig durch ein Kamingespräch mit dem designierten Bischof verhindert. Für alle anderen Kollegen war mein Angebot zu spontan. Ich bin allein hin mit dem Gedanken, sie noch zu verkaufen. Aber dort standen schon andere mit demselben Anliegen verfroren herum, mit überschüssigen Konzertkarten auf der Brust wie Zeugen Jehovas mit Wachtürmen, die nicht abgeholt wurden. Auch dieser Reichtum verging schnell wie Sand. Ich hab mir die Show angeschaut. Künstlerisch eindrücklich, intelligent, witzig und plakativ. Abgesehen davon, dass auch meine Ohren vergingen wie Sand („Der zerrockte Clown zerfeiert euch zu Staub. Wir zelebrier’n den Krach …” 1:45), drängte sich mir die Frage nach dem Wert dieser Veranstaltung für meine aktuelle Suche auf. Was sind die Dinge, für die ich mein letztes Hemd wirklich geben will?

An diesem Abend freue ich mich auf das gregorianische Nunc Dimittis und das Salve Regina mit meinen Brüdern – den Orgelton dazu aus der Schwabenhalle habe ich ja noch einige Tage im Ohr stehen (kleine Übertreibung). Mit diesen Gesängen beschließen wir unsere wöchentlichen Treffen in der Komplet. In großer musikalischer Schlichtheit, manchmal ungewollt sechsstimmig. Aber darin drückt sich die Sehnsucht aus, die uns zu dieser Askese treibt: „Denn meine Augen haben das Heil GESEHEN, das du vor allen Völkern bereitet hast.“ Auch Simon und Hanna durften Gottes Angesicht schauen. In der Stunde vor dem Abschlussgebet besprechen wir die Woche: Wo wir gehadert haben, wo wir erfolgreich unseren Schweinehund überwunden und was wir an Erkenntnissen gewonnen haben. Wir ermahnen und ermutigen uns gegenseitig.

Exodus 90: Askese-Challenge für Männer. Männergruppe von Exodus90
Ein Teil unserer Exodus90-Gruppe. Und wie wir uns jeden Morgen fühlen, wenn wir kalt duschen. (Fotos: Raphael Schadt, Derek Owens on Unsplash)
Challenge: Kalt duschen.

Askese ist wie gesagt kein Wert in sich: Jesus sagt, „wenn ihnen der Bräutigam genommen ist, dann werden sie fasten” (Mt 9,15). Wir fasten aus Sehnsucht nach Jesus, dem Bräutigam. Wir sprechen viel von Jesus- oder Christus-Beziehung. Manche sagen: „Du hast einen imaginären Freund.“ Und manchmal frage ich mich, wie echt meine Christus-Beziehung, wie tief meine Erkenntnis Christi wirklich ist. Oder ob ich mir nicht doch wieder ein Kalb gebastelt habe. Kann ich beispielsweise bis auf den Grund meines Herzens singen: „Ich hab noch nie eine Liebe wie die Deine gefunden”? Wie dem auch sei, ich will Platz machen, damit ich es noch echter singen kann.