Vor Ort · Corona-Krise

Studieren unter veränderten Vorzeichen

Studenten und Studentinnen haben es aktuell nicht leicht. Vor allem jene, die in den letzten 18 Monaten ihr Studium begonnen haben. Wir haben uns mit dreien unterhalten: Mit Lucia, die ihr Studium im Herbst 2019 begonnen hat, mit Johannes, der in den letzten Zügen seines Studiums liegt und mit Josef, der im Herbst 2020 gestartet ist. Über das Studieren unter veränderten Vorzeichen.

von Raphael Schadt · 08.09.2021

leerer Hörsaal. Studieren findet seit 18 Monaten weitestgehend virtuell statt.
Leere Hörsääle. Studieren findet seit 18 Monaten weitestgehend virtuell statt. Symbolbild: Nathan Dumlao, unsplash.com

Credo: Johannes und Lucia, ihr habt beide schon vor Corona studiert. Wie war das im Rückblick?

Johannes: Vor Corona war die Uni ein Ort, an dem ich tatsächlich gelebt und auch Freizeit verbracht habe. Besonders an der Musik-Fakultät, mit Bandproben für Konzerte, Musicals und Faschingsprojekte.

Lucia: Mein erstes Semester war in Präsenz und richtig cool. Ein neuer Lebensabschnitt. Viele positive neue Erfahrungen, neue Leute. Ich habe es geliebt, an der Uni zu sein, Leute zu treffen und mit Freunden in der Vorlesung zu sein, auch wenn wir manchmal mehr miteinander geredet als aufgepasst haben… ☺

Allerdings hab’ ich eine Weile gebraucht, um rein zu kommen. Man stellt fest, dass man sich um alles selber kümmern muss im Vergleich zur Schule vorher. Deshalb habe ich mich auch auf das zweite Semester gefreut, wenn man das Uni-Leben schon etwas kennt, aber dann kam Corona.

Johannes, 27, studiert in Augsburg katholische Theologie und Musik. Lucia, 21, studiert in Augsburg Grundschullehramt. Bilder: privat.

Uni-Betrieb unter Corona-Bedingungen

Credo: … mit Zoom-Meetings und Fern-Unterricht. Wie ist das jetzt im Vergleich?

Johannes: Ja, die Uni ist erstens nicht mehr räumlich und zweitens nur noch zweckmäßig. Du bekommst Stoff reingeballert und das war’s. Mir fehlt der Austausch mit Kommilitonen und Professoren. Die wenigen synchronen Vorlesungen über Zoom sind vom kommunikativen Potenzial einer Vorlesung vor Ort her nicht vergleichbar. Für mich lebt Uni und gerade Theologie vom Diskurs und der findet halt einfach gerade nicht statt.

Enttäuschend fand ich auch, dass mit der Zeit gefühlt alles wieder aufgemacht hat, nur die Uni nicht. Die Bibliothek, das Zentrum der Uni war sechs Monate lang zu.

Josef: Die hab ich in einem Jahr noch nie von innen gesehen. Vor den Prüfungen kürzlich war ich überhaupt nie wirklich an der Uni.

Johannes: Man fragt sich, welchen Stellenwert Bildung hat. Für mich steht die Frage der Sinnhaftigkeit im Raum.

Josef im Selfieportrait
Josef, 25, studiert in Augsburg Theologie auf Magister im 3. Semester. Bild: Privat.

Credo: Was hat sich bei dir verändert, Lucia?

Lucia: Ich bin ein paar Monate nach Hause gegangen. Mein Zimmer dort war nicht optimal aufs Studieren ausgerichtet, unter anderem deshalb, weil zu Hause auch mehr los war als in meiner Augsburger Studentenwohnung. Dazu kommt, dass es deutlich mehr Ablenkungen gibt: neben Handy und iPad auch die Türklingel.

Anfangs war ich motiviert. Dann habe ich immer mehr reduziert, weil ich es nicht mehr geschafft habe: „Ah, diese Prüfung schreibe ich nicht dieses Semester, das kann ich auch in den Semesterferien noch machen.“.

Studentenleben für Studienanfänger

Credo: Johannes, bei dir neigt sich das Studium ohnehin dem Ende zu: Wie findest du das?

Johannes: Das Studium ist die Zeit, in der man sich vom Elternhaus abnabelt. Stattdessen bleiben Studienanfänger jetzt im Gewohnten und haben halt jetzt gewissermaßen weiter „Schule“.

Die einen sagen: Wow! Super, sich alles selber per Video anzueignen, nach Belieben Pause zu machen und sich die Zeit selbst einzuteilen. Ich hätte überhaupt keine Lust darauf, den ganzen Tag vor dem Laptop herumzusitzen.

Credo: Josef, du bist unter Corona-Bedingungen gestartet. Wie hast du es dir vorgestellt und wie ist es jetzt?

Josef: Ich hatte mir natürlich vorgestellt, dass alles online stattfindet, ich kaum an der Uni bin und dass es super viel zu lesen gibt. Ich dachte, dass jeder Professor seine Vorlesungen einfach live streamt. Das kam aber nur vereinzelt vor. Die meisten haben einfach nur ein Video, in dem sie sprechen, oder Lehrbriefe mit Texten zum Durchlesen hochgeladen. Das fand ich schon sehr trocken.

Studentin in der Küche mit medizinischer Maske am Laptop
Studieren in Muttis Küche. Symbolbild: ©Vladimircaribb, stock.adobe.com

Veränderungen im sozialen Leben

Credo: Drohte bei euch Vereinsamung?

Johannes: Ich wohne mit meinen zwei besten Freunden in einer WG. Daher nicht so sehr. Was fehlt, ist das Treffen in großen Gruppen. Also Leute, die man jetzt nicht individuell treffen würde, aber die man z.B. auf Partys gern trifft. Aktuell geht es ja ein bisschen besser, dass man sich spontan in größerer Gruppe trifft. Dann trifft man solche Leute nach einem Dreiviertel Jahr wieder und denkt sich: „Krass, ewig nichts mitbekommen von dem“.

Lucia: Ich konnte schon Kontakt mit anderen halten, vor allem via Skype und Zoom. Aber persönliche Kontakte haben mir auch sehr gefehlt. Als es im Sommer möglich war, in kleinen Gruppen zum Beispiel Geburtstag zu feiern, war es schon sehr erleichternd. Im Gegensatz zu vielen Studienanfängern, die nicht die Gelegenheit hatten, Leute kennenzulernen, hatte ich das Glück, in Augsburg schon einen Freundeskreis zu haben, unter anderem durch das Basical.

Credo: Josef, hast du Kontakt zu deinen Kommilitonen?

Josef: Praktisch keinen. Im ganzen ersten Semester hatte ich bis auf zwei kleine Präsenz-Termine keinen Kontakt zu Mitstudenten. Wir haben uns nur am Bildschirm in den Online-Vorlesungen gesehen, uns dabei aber nicht wirklich ausgetauscht.

Es gibt zwei Whatsapp-Gruppen für Theologiestudenten: Eine für alle und eine Jahrgangs-Gruppe. In erstere schreibe ich als Erstsemester nicht wirklich rein. Ich kenne dort schließlich niemanden. In der Jahrgangs-Gruppe haben wir uns zum Informationsaustausch geschrieben aber eben auch nicht wirklich kennengelernt. Mittlerweile – Ende zweites Semester – gab es zwar immer noch keinen Präsenzunterricht, aber immerhin ein Treffen vom Jahrgang und wir konnten uns so kennenlernen.