Thema · Sühnetheologie in der Bibel
Wie Jesus für uns „in die Bresche gesprungen“ ist!
von Prof. Dr. Franz Sedlmeier · 21.05.2026
Der Ausdruck „in die Bresche springen“ taucht in biblischem Zusammenhang mehrfach auf, vor allem im Kontext von Schuld, Vergebung und Versöhnung. Paradebeispiel ist die Erzählung vom Bundesbruch in Exodus 32. Gott hatte sein Volk aus der Knechtschaft Ägyptens herausgeführt, es durch die Wüste geleitet, hin zum Gottesberg Horeb. Er offenbart sich seinem Volk (Ex 19) und gibt ihm die Zehn Gebote als Lebensregeln (Ex 20). Er schließt mit ihm einen Bund (Ex 24,1–11). Israel wird Gottes besonderes Eigentum und übernimmt die verantwortungsvolle Aufgabe, durch ein Leben im Bund die Wirklichkeit Gottes in der Welt zu bezeugen.
Mose springt in die Bresche
Doch die Treue ist von kurzer Dauer. Während Mose bei Gott das himmlische Heiligtum schaut (Ex 25–31), bricht das Volk den soeben geschlossenen Bund und vergötzt die eigene Lebenswelt, ausgedrückt im Tanz um das Goldene Kalb. Israels besonderer Weg mit Gott ist bereits Makulatur. In dieser dramatischen Situation springt Mose vor Gott für das Volk in die Bresche. Er stellt sich in eigener Person schützend vor das Volk: „Jetzt nimm ihre Sünde von ihnen! Wenn nicht, dann streich mich aus dem Buch, das du geschrieben hast“ (Ex 32,32). Mose riskiert sich selbst, seine eigene Zukunft, um zu erwirken, dass Israel nicht am göttlichen Gerichtszorn scheitert, sondern durch die Barmherzigkeit Gottes Schonung erfährt.
Psalm 106 wird später in einer Geschichtsrückschau den Ganzeinsatz des Mose so umschreiben: „19 Sie machten am Horeb ein Kalb und warfen sich nieder vor dem Gussbild. 20 Die Herrlichkeit Gottes tauschten sie ein gegen das Abbild eines Stieres, der Gras frisst. 21 Sie vergaßen Gott, ihren Retter, der einst in Ägypten Großes vollbrachte […]. 23 Da sann er darauf, sie zu vertilgen, wäre nicht Mose gewesen, sein Erwählter. Der trat vor ihn in die Bresche, seinen Grimm abzuwenden vom Vernichten.“
Der Fürbitte des Mose und seinem stellvertretenden Einsatz verdankt Israel seine Fortexistenz. Denn Gott erweist sich – so Ex 34,6 – als „ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue“. Er fordert durchaus Rechenschaft und ruft in die Verantwortung, doch er bewahrt seine Güte und Treue über viele Generationen hin.
Fürbitter und Gottesknecht
Mose gilt deshalb als großes Vorbild, als Prototyp prophetischer Existenz. Er ist der große Fürbitter, der in die Bresche springt und dabei sein eigenes Leben in die Waagschale wirft. Ähnlich die meisten der großen Propheten Israels. Sie haften mit ihrem persönlichen Leben für die Botschaft, die sie zu verkünden haben. So wird ihr ganzes Leben zur Botschaft, selbst ihre Ablehnung, ihr „Scheitern“ in den Augen der Menschen. Ein herausragendes Beispiel hierfür ist der Gottesknecht.
Das Jesajabuch besingt und meditiert dessen Schicksal in vier Liedern. Von ihm heißt es im vierten Gottesknechtslied: „Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden […] wir schätzten ihn nicht. […] Zu unserem Heil lag die Züchtigung auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt. […] Mein Knecht, der gerechte, macht die Vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich“ (Jes 53,3.5.11).
Die neutestamentlichen Schriften sehen im Schicksal des Gottesknechtes einen Hinweis auf Jesu stellvertretendes Leiden. Alle Passionserzählungen, der Diakon Philippus in seinem Gespräch mit dem Kämmerer aus Äthiopien (vgl. Apg 8,26–40) und der Verfasser des ersten Petrusbriefes (1 Petr 2,24) sind überzeugt: Jesus ist in die Bresche gesprungen, um den Weg zum Leben, die Tür zu Gott öffnen.
Versöhnungsfest
In der alttestamentlichen Überlieferung werden Versöhnung und Sühne in der Liturgie des großen Versöhnungstages gefeiert, dem sog. Jom Kippur (vgl. Levitikus, Kap. 16). Im Rahmen dieser liturgischen Feier werden mehrere Opfer dargebracht, um die Sünde aus der Mitte des Volkes zu tilgen. Der Hohepriester bringt für sich und das Volk Jahr für Jahr Sündopfer dar. In einem archaischen Ritus überträgt er auf den „Sündenbock“ stellvertretend die Sünden des Volkes. Der Bock wird sodann in die Wüste geschickt, um das Chaos der Sünde aus der Mitte des Volkes zu verbannen. An diesem besonderen Tag betritt der Hohepriester, nachdem er zuvor für sich ein Reinigungsopfer dargebracht hat, das Allerheiligste hinter dem Tempelvorhang und ruft den Namen des Höchsten an: JHWH!
Das Johannesevangelium und der Hebräerbrief beziehen die Feier des Jom Kippur in einer mutigen Umdeutung auf Jesu Tod und Auferstehung. Jesus selbst ist das Lamm, dass sein Leben gibt und so die Vergebung aller Sünden bewirkt. Sein Tod ist der Versöhnungstag nicht nur für Israel, sondern für den gesamten Kosmos, für alle Welt. Jesus ist zudem der Hohepriester, der in das Allerheiligste hinter dem Vorhang hineingeht. Dabei versteht der Verfasser des Hebräerbriefes den Vorhang als Chiffre für den Tod, das Allerheiligste als Verweis auf die Welt Gottes jenseits des Todes. Jesus hat somit durch sein stellvertretendes Leiden die Hülle des Todes zerrissen. Er ist eingetreten in die Wirklichkeit Gottes und tritt beim himmlischen Vater bleibend stellvertretend für uns ein.