Vor Ort · Vergebung im Gefängnis
… wie auch wir vergeben unseren Schuldigern
von Markus Martin · 22.04.2026
Die Worte aus dem „Gebet des Herrn“ sind uns wohl geläufig. Im Gottesdienst, bei der Bibelgruppe und wahrscheinlich auch bei manchem persönlichen Gebet von Gefangenen und Personal in der JVA werden diese Worte laut oder leise gesprochen. Im Gefängnis, wie auch „draußen“ stellt sich die Frage nach der Resonanz, der Bedeutung von Vergebung.
Vergebung, so die Gefangenen, hat etwas mit Großzügigkeit, mit Großmut zu tun. Es braucht einen Glauben an das Gute im Menschen. Vergebung ist kein Automatismus, sondern kommt aus dem Herzen und hat etwas mit den jeweils persönlichen Glaubensüberzeugungen und Werten zu tun. Letztlich ist es ein Akt der Liebe und der Zuneigung. Vergebung kann der Mensch vom Mitmenschen und/oder von Gott bekommen.
Wer als Mensch andere um Vergebung oder Verzeihung bittet, soll selber auch in der Lage sein zu vergeben und zu verzeihen.
Sind Vergebung und Verzeihung das Gleiche?
Es war die einhellige Meinung, dass manche Dinge, Fehler oder Straftaten „leichter“ verziehen werden können, je nach Schwere und Konsequenzen der Tat. Vergebung von Gott braucht es demnach für wirklich schwere Straftaten, die nach menschlichem Ermessen nicht so einfach vergeben werden können. Besonders wenn das Opfer nicht bzw. nicht mehr vergeben kann.
Verzeihung ist allerdings mehr auf die menschliche Ebene bezogen. Doch um Verzeihung zu bekommen, braucht es eine bewusste Entschuldigung, Reue und Einsicht und zumindest den Versuch einer wie auch immer gearteten Wiedergutmachung. Eine Entschuldigung oder ein Geständnis muss immer ehrlich sein und nicht aus taktischem Kalkül, etwa auf weniger Strafe, vorgebracht werden. Dazu gehört auch die Einsicht, dass ein Fehler gemacht wurde. Auf beides jedoch gibt es keinen Anspruch: Vergebung wie Verzeihung können erbeten, aber nicht erzwungen werden.
Trotz Vergebung darf ich wütend und enttäuscht sein, gerade auch weil es keine Pflicht zum Verzeihen gibt. Zu Vergeben ist ein „autonomer Akt“, unabhängig vom Täter. Manchmal hilft Vergebung, dass Hass, Rache, Depression und Verzweiflung nicht das weitere Leben des Opfers dominieren und so eine Last abgegeben werden kann. So hilft Vergebung, dass das weitere Leben mit einem neuen, anderen Lebenssinn erfüllt wird und ermöglicht vielleicht neue Freiheit für das Opfer.
Vergeben und Vergessen?
Nach Ansicht der Gefangenen ist Vergebung oftmals das Ergebnis eines langen Weges, eines Prozesses der Verarbeitung. Ein „Recht“ auf Vergebung gibt es jedoch nicht. Vergebung kann auch nicht erzwungen werden. Es ist immer eine Sache des Herzens. Mit Wörtern ist schnell vergeben – doch ob dies im Verstand und Herzen angekommen und angenommen ist, bleibt oft fraglich. Die geläufige Formulierung oder manchmal auch Forderung von „Vergeben und Vergessen“ erscheint nicht einfach. Die Meinung war, dass mit „Vergessen“ ein „nicht Nachtragen“ gemeint sein könnte, denn vergessen im eigentlichen Wortsinn sollte der Mensch nicht, damit eine Wiederholung der Tat möglichst unwahrscheinlich wird.
Vergebung beinhaltet eine ganz klare Abgrenzung von der Akzeptanz des Unrechts an sich. Es geht also nicht darum, zu akzeptieren, dass Unrecht geschehen ist oder geschieht und schon gar nicht, dass es sich wiederholen könnte, sondern darum, anzunehmen, dass es nun einmal geschehen ist. Dies ist ein enormer Unterschied.
Die konkrete Erfahrung der Vergebung bejahte der Großteil der Gruppe. So meinten einige, dass sie selbst vergeben, bzw. verziehen hätten. Konkret wurden hier Umstände genannt, die die Höhe des Strafmaßes, den Vollzug an sich oder persönliche Begegnungen betreffen. Was die Justiz betrifft, so sind dies auch Entscheidungen bezüglich einer vorzeitigen Entlassung: Wird die vorzeitige Entlassung nicht gewährt, so fällt es schwerer, den dafür verantwortlichen Personen zu verzeihen oder zu vergeben.
Wird mir Vergeben?
Es zeigt sich: Vergebung wird zumeist aus der Perspektive des Gefangenen selber gesehen, vor allem im Bezug auf das eigene nähere soziale Umfeld. Konkret bedeutet dies, dass der Gefangene sich eher die Frage stellt, ob Familienmitglieder, Freunde ihnen vergeben können, ob diese den einmal Entlassenen eine Chance geben, sie aufnehmen. Hier meldet sich bei manchen Gefangenen das „schlechte Gewissen“. So berichtete ein Gefangener davon, dass er mit seiner Familie über die Tat und das Strafmaß gesprochen habe und diese ihm vergeben habe. Konkret zeigt sich das für ihn, dass er auch in der Haft regen Kontakt zu Familie und Freunden hat und er auch sicher nach der Haft einen „Platz hat“.
Vergebung kann viele Bezugspersonen haben. Zum einen ist hier das Opfer, die direkt Betroffenen der Tat zu nennen. Ob hier Verzeihung oder Vergebung möglich ist, liegt ganz bei diesen Personen. Des Weiteren gibt es das soziale Umfeld, die Familie. Nicht selten ist dieser Kreis „mitbestraft“. Ob die Familie und andere verzeihen, vergeben können, ist für viele Gefangene ein wichtiger Punkt, um die Haftzeit gut durchzustehen bzw. zu überstehen.
Schließlich stellt sich die Frage, ob sich der Verurteilte selber verzeihen kann. Hier wird es, ja nach Tat, für manche schwierig. Auch deshalb, weil angesichts des Bewusstseins der Schuld ein Prozess, ein Weg der Versöhnung nötig ist. Zum Abschluss der Bibelgruppe haben wir wie immer das „Vater unser“ gemeinsam gebetet. Besonderes Augenmerk lag dabei genau auf den Worten „… vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern …“