Raphael Schadt im Gespräch mit Gabriele Hüter-Ramm von Rachels Weinberg e.V.. Videothumbnail: Credo-Redaktion mit Bildhintergrund: Isaac Quesada, unsplash.com.
Thema · Neu anfangen nach einer Abtreibung
Versöhnung mit Gott, mit mir und mit meinem Kind
von Raphael Schadt · 24.03.2026
Credo: Kommen zu Ihren Kursen vor allem junge Frauen, oder eher Frauen, bei denen die Abtreibung bereits Jahrzehnte zurückliegt?
Gabriele Hüter-Ramm: Unsere jüngste Teilnehmerin war 17, aber Jüngere kommen eher vereinzelt zum Kurs. Wir haben zumeist Frauen älteren und mittleren Alters. Ältere Frauen kommen oft weil sie sagen, ich möchte mein Leben, das worüber ich nie gesprochen habe, in Ordnung bringen, bevor ich vor den Herrn trete.
Credo: Wie muss man sich den Ablauf von so einem Kurs vorstellen?
Hüter-Ramm: Der Kurs geht vier Tage. Die Frauen finden uns übers Internet oder durch Mundpropaganda und melden sich telefonisch. Beim Erstgespräch erzählen sie ihre Geschichte und das ist emotional sehr intensiv, weil Frauen (teilweise auch Männer) dabei oft zum ersten Mal darüber sprechen: „Wie konnte ich das zulassen? Wie verblendet war ich? Ich kann es mir nicht verzeihen … Darunter leide ich … Ich brauche Hilfe.” Es ist oft ihre letzte Hoffnung auf Hilfe.
Wir klären, dass das Seminar christlich bzw. katholisch ausgerichtet ist. Aber das ist kein Hindernis: Es kommen katholische Christen, evangelische, freikirchliche, Atheisten, oder esoterisch angehauchte. Überhaupt uns zu kontaktieren und um Hilfe bitten, zeigt den Leidensdruck, den die haben.
Credo: Was erleben die Teilnehmerinnen konkret während des Seminars?
Hüter-Ramm: Bei der Anreise sind die Teilnehmerinnen meist ganz still und ängstlich: Was kommt auf mich zu? Muss ich noch mal alles durchgehen? Ist es der richtige Weg? Oft führe ich Telefonate mit Teilnehmerinnen, die aus Angst kurzfristig noch absagen wollen.
Wir gestalten alles in einer sehr intimen, familiären Atmosphäre. Ein großer Raum, der eingerichtet ist wie ein Wohnzimmer, gutes Essen, schöne Tischdeko, lockere und leichte Gespräche und sich kennenlernen. Die Frauen erzählen ihre Lebensgeschichte. Es ist die Gelegenheit, erklären können – ohne zu entschuldigen, das ist ganz wichtig – warum es zu der Abtreibung kam. Das Seminar besteht dann darin, dass wir gemeinsam durch den Schmerz hindurchgehen. Durch das, was mich so gelähmt hat, mich in Depressionen geführt hat, in Suizidgedanken etc., durch Wut und Trauer über die verletzte Mutterschaft. Schließlich zur Heilung durch eine „Kontaktaufnahme” oder sagen wir, dadurch, dass ich mein Kind annehme: Es ist nicht „meine Abtreibung”, es hat eine Gestalt. Es geht sozusagen über die Kreuzigung zur Auferstehung.
Credo: Die Schuldfrage ist, nehme ich an, komplex: Was muss wem vergeben werden? Empfinde ich mich allein als schuldig? Hege ich Groll gegen andere Beteiligte?
Hüter-Ramm: In dem Stadium, in dem Frauen zu uns kommen, geben sie sich meist selbst die Schuld. Ich habe ja auch mit Frauen zu tun, die mich unmittelbar danach anrufen und sagen: Ich bin gedrängt worden und sich selbst rausnehmen bzw. die Schuld projiziert auf den Partner, die Eltern, das Umfeld etc.. Nicht zu unrecht, denn jene tragen ja oft tatsächlich eine Mitschuld. Aber die Frauen, die zu uns kommen, haben schon meist erkannt: Ich hätte auch nein sagen können. Mich trifft auch Schuld.
Credo: Ist das sogenannte Post-Abortion-Syndrom ein Thema?
Hüter-Ramm: In Deutschland wird das als posttraumatische Belastungsstörungen eingestuft. Aber natürlich, die Störungen nach der Abtreibung sind das, was die Frauen lahm legt: schließlich hat es mit einem gewaltsamen Tod zu tun. Viele Frauen berichten von Angstzustände, Alpträumen, dass sie tote Kinder sehen, nur noch Blut. Das wiederum führt sie in die Isolation, sie trauen sich gar nicht mehr rauszugehen.
Besonders während der Corona-Zeit stand unser Telefon nicht mehr still. Die Menschen waren mit sich selbst konfrontiert. Bei vielen kam alles hoch. Eine erzählte mir: Ich kann nicht mehr auf die Straße. Ich habe solche Angst, Frauen mit Kinderwagen oder Schwangere zu sehen. Es triggert ständig. Sie ist in ihrem Leben beeinträchtigt. Und schließlich darf man nicht vergessen, dass eine Abtreibung auch mit Schuld verbunden ist. Und Schuld kann man nicht „wegtherapieren”. Schuld braucht Vergebung.
Credo: Das ist entscheidendes Element Ihrer Arbeit: es muss vergeben werden.
Hüter-Ramm: Genau. Es geht darum, jenen zu vergeben, die die Frau dazu gedrängt haben: dem Partner, den Eltern, dem Arzt, der Beraterin, die es versäumte, Möglichkeiten aufzuzeigen, das Kind doch zu behalten – etwas, das sich viele Frauen eigentlich erhoffen. Der springende aber oftmals schwierige Punkt, um heil zu werden und wieder Freude zu empfinden, ist, sich selbst zu vergeben. Also Versöhnung mit Gott, mit den anderen, mit mir selbst sowie schließlich und wesentlich: mein Kind um Vergebung bitten.
Was Frauen große Hoffnung macht – und das ist Teil unseres Glaubens – ist, dass sie ihrem Kind begegnen werden, wenn ihr Leben zu Ende ist. Auch zu wissen, meinem Kind geht es gut, wo es jetzt ist. Das ist für diese Frauen ein unsagbarer Trost und heilsam für die verwundete Seele. Es bleibt aber auch über das Seminar hinaus ein Prozess, den wir durch das Netzwerk, das wir aufbauen, teilweise auch begleiten.
Credo: Statistisch gesehen erleben das ja sehr viele. Was macht eine Abtreibung mit eine Familie?
Hüter-Ramm: Man kann sich das vorstellen wie ein Mobile: Wenn sich ein Teil bewegt, bewegt sich das ganze System. Wenn in einer Familie ein Kind abgetrieben wurde ist es wichtig, mit den anderen Kindern – sobald die Zeit reif ist – darüber zu sprechen. In den USA spricht man vom Survivor Syndrom. Neben jenen Überlebenden, die tatsächlich ihre eigene Abtreibung überlebt haben, gibt es die lebenden Geschwister eines abgetriebenen Kindes. Wenn die Kinder – evtl. nur unterbewusst – realisieren, ich habe Glück gehabt, ich hätte dieses Kind sein können, das abgetrieben wurde, ist das Urvertrauen beschädigt. Trotzdem ist es wichtig, dieses Geheimnis zu lüften und Kindern das zu erklären. Es kann helfen, eine Gebetsstätte einzurichten, wo das Kind präsent ist. Die Kinder kann man nur begleiten und für sie da sein und schauen, wie sie sich entwickeln.
Auffällig ist, dass wenn Männer ihre Frauen gedrängt haben abzutreiben und Frauen zugestimmt haben, diese Beziehungen zu 99 % auseinandergehen. Danach stehen Frauen alleine da und oft folgt ein Erwachen: Ich hätte mein Kind behalten können.
Credo: … doppelt betrogen …
Hüter-Ramm: Genau, doppelt betrogen. Es zerstört Vertrauen, zu Männern, zum eventuell neuen Partner, zu sich selbst. Aber auch Männer leiden. Er ist ja in seiner Vaterschaft verletzt, in seinem Bedürfnis, seine Familie zu beschützen. Darüber ist er wütend. Und viele wissen mit ihrer Wut nicht wohin und betäuben sie durch Alkohol- oder Medikamentenmissbrauch.
Credo: Wie verlassen Frauen diesen Kurs wieder?
Hüter-Ramm: Wenn sie, wie anfangs beschrieben, still und mit geneigten Kopf ankamen, höre ich wie in den Zweibettzimmern abends gesprochen wird. Am nächsten Tag beim Frühstück merkt man schon eine Verbundenheit. Es ist so wichtig, sich auszutauschen. Sie stützen sich gegenseitig.
Gegen Ende gibt es eine Trauerfeier, bei der die Frau ihr Kind noch einmal richtig betrauert, mit der Möglichkeit, dass Angehörige dazu kommen, wie bei einer Beerdigung. Obgleich das wegen der Distanz weniger vorkommt. Am Samstagnachmittag endet das Seminar nach einer Auferstehungsfeier. Es wird gefeiert, dass mein Kind da ist. Es hat für mich Gestalt angenommen und es ist beim Herrn. Wir feiern das bei Kaffee und Torte. Die Frauen da zu sehen, ist jedes Mal rührend: Da ist eine völlig andere Frau, ein anderer Mann. Sie sind befreit von einer großen Last. Das, was sie durchgemacht haben, was sie blockiert hat, dieses Vakuum wurde gefüllt, wenn sich die Frau öffnet, von der Gnade und der Barmherzigkeit unseres Herrn.
Viele halten danach weiterhin Kontakt und stützen sich gegenseitig, denn der Alltag kommt mit Krisenzeiten, etwa dem errechneten Geburtstermin, dem Jahrestag der Abtreibung. Man rechnet ja auch immer: Wie alt wäre das Kind heute? Es ist ein Weitergehen. Aber sie wissen, Gott hat mir verziehen und ich habe mir verziehen.