Thema · Dr. Hannah Schulz im Credo-Interview

Vergebung nach geistlichem Missbrauch?

Dr. phil. Hannah Schulz hat sich in ihrer Arbeit als systemische Supervisorin und Therapeutin in Köln intensiv mit geistlichem Missbrauch beschäftigt. Im Credo-Interview hat sie uns die Hintergründe von geistlichem Missbrauch erklärt. Ist Vergebung zwischen Opfer und Täter möglich?

von Samuel Bittner · 08.06.2026

Dr. Hannah Schulz lebt und arbeitet in Köln. Foto: privat.

1. Das Thema „geistlicher Missbrauch“ nimmt einen zentralen Schwerpunkt in ihrer Arbeit ein. Warum?

Das Thema fasziniert mich immer neu, weil die Auseinandersetzung mit Missbrauch ja die Frage nach dem guten Gebrauch aufwirft. Wenn wir also über den Missbrauch von Spiritualität sprechen, müssen wir auch darüber nachdenken, was Spiritualität im Tiefsten ausmacht und wie sie Menschen stärken und freimachen kann.

Ebenso stellt der Missbrauch geistlicher Autorität die Frage nach einer gesunden und verantwortungsvollen Autorität – so, wie sie beispielsweise in Geistlicher Begleitung erfahren werden kann. Ich halte es für wichtig, dass wir in der Kirche spirituelle Angebote machen, die echte Erfahrungsräume öffnen und dabei die spirituelle Selbstbestimmung jedes Einzelnen fördern.

2. Wo taucht das Problem des spirituellen Missbrauchs in der Katholischen Kirche in besonderer Weise auf?

Manipulatives, übergriffiges und grenzverletzendes Verhalten kann grundsätzlich überall in der Kirche auftreten. Besonders schwerwiegend werden die Folgen jedoch dort, wo ein starkes Vertrauensverhältnis oder sogar eine Abhängigkeit besteht. Das betrifft vor allem Situationen, in denen ein deutliches Machtgefälle vorhanden ist – etwa in der Kommunionvorbereitung, zwischen Priestern und Ministranten oder im Kontext von Beichte und Geistlicher Begleitung. Das Ordensleben oder geistliche Gemeinschaften können anfällige Räume sein, insbesondere dann, wenn sie auf viele Lebensbereiche Einfluss haben.

3. Vor allem für junge Menschen kann geistlicher Missbrauch dramatische Folgen haben. Wie wird man sich dessen bewusst und welchen Rat würden Sie Betroffenen geben?

Die Folgen geistlichen Missbrauchs können bei Jugendlichen deshalb stärker ausfallen, weil sich in dieser Lebensphase Identität, Vertrauen und Gottesbild erst noch entwickeln. Betroffenen wird meistens erst nach und nach bewusst, dass sie geistlichen Missbrauch erlebt haben. Diese Erkenntnis beginnt mit einem diffusen Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Wo Menschen ständig unter Druck stehen, Ängste entwickeln, sich immer wieder rechtfertigen müssen oder Gehorsam wichtiger scheint, als das eigene Gewissen, können wir von missbräuchlichen Strukturen ausgehen.

Deshalb ist es wichtig, die eigenen Wahrnehmungen ernst zu nehmen und ihnen zu vertrauen. Betroffenen würde ich raten, nicht allein mit ihren Zweifeln zu bleiben, sondern im Austausch mit vertrauenswürdigen Menschen nach Vergewisserung zu suchen. Darüber hinaus können Anlaufstellen für Fragen geistlichen Missbrauchs oder erfahrene Geistliche Begleiter und Begleiterinnen, die nicht zur entsprechenden Gruppe oder Gemeinschaft gehören, helfen das Erlebte einzuordnen und weitere Schritte zu überlegen.

Schließlich gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von deutschsprachigen Veröffentlichungen zum Thema „Geistlicher Missbrauch“. Man kann sie über eine einfache Suche im Internet finden. Dort gibt es Hinweise, um schwierige Situationen auch mit sachlichen Argumenten zu hinterfragen.

Geistlicher Missbrauch ist im vertraulichen Rahmen der Beichte besonders schwerwiegend. Foto: Pexels (Cottonbro-Studios)

4. Ist das Problem die Korruption der Strukturen (Beichtstuhl, Männer in Weiheämtern etc.) oder die Korruption der Herzen?

Diese Frage kann und will ich nicht beantworten, weil der Vorwurf von Korruption nicht meinem Gedankenschema entspricht. Ich halte nichts davon, Menschen allein aufgrund ihres Amtes, ihrer Funktion in der Kirche oder aufgrund von Vermutungen über ihre inneren Motive Korruption zu unterstellen. Ich gehe erst einmal von positiven Absichten und guten Motiven aus.

Es gibt aber Strukturen, die für Machtmissbrauch anfälliger sind, als andere, ebenso wie manche Persönlichkeitsstrukturen eher zur Manipulation neigen, als andere. Man kann das eine aber nicht gegen das andere ausspielen. Sollte beides zusammenfallen, ist die Missbrauchsgefahr natürlich besonders groß.

5. Ist Versöhnung auf der Grundlage des Evangeliums zwischen Täter und Opfer möglich?

Sie stellen eine Frage, die nur mit Ja oder Nein beantwortet werden kann. In diesem Fall lautet meine Antwort: Nein. Solange Täter als Täter wahrgenommen werden und Betroffene sich selbst als Opfer erleben, sollte ein Kontakt zwischen beiden vermieden werden, nicht zuletzt wegen der Gefahr einer Retraumatisierung. Menschen, die Missbrauch erfahren haben – wir sprechen heute bewusst von Betroffenen –, können jedoch einen Weg der Versöhnung mit ihrer eigenen schmerzhaften Geschichte finden. Dazu kann auch gehören, mit Gott eine Art von Versöhnung zu leben, wenn ihm vorgeworfen wird, dass er dies Unrecht, das Leid und die Not innerhalb seiner Kirche zugelassen hat.

Eine solche Versöhnung sollte allerdings unabhängig vom Verhalten der Täter oder Täterinnen geschehen. Denn solange Betroffene darauf angewiesen bleiben, dass Täter eine bestimmte Reaktion zeigen, Einsicht äußern oder um Verzeihung bitten, besteht weiterhin eine Form von Abhängigkeit. Damit bleiben sie an das missbräuchliche Beziehungssystem gebunden. Hinzu kommt, dass Täter schweren geistlichen oder anderen Missbrauchs häufig nicht einsichtsfähig und deshalb auch nicht in der Lage sind, aufrichtig und im Bewusstsein des verursachten Leids um Vergebung zu bitten. So eine Initiative ihrerseits hätte nur Aussicht auf eine positive Wirkung bei Betroffenen, wenn sie das Machtgefälle auflösen, sich vor den Opfern erniedrigen und damit aufhören, wie Täter zu agieren.

Vielen Dank für das Interview!