Thema · Credo Talk mit Pfarrer Dominik Loy

Sind Glaubensbekenntnisse diskriminierend?

Glaubensbekenntnisse definieren, sprich sie grenzen ab: hier christlicher Glaube, dort nicht. Ein besonderes aus der Reihe dieser Bekenntnisse feiert aktuell 1 700. Geburtstag. Wir haben uns mit Pfarrer Dominik Loy über Umstände, Wirkung und Zweck von Glaubensbekenntnissen unterhalten.

von Raphael Schadt · 02.11.2025

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Raphael Schadt im Credo Talk mit Dominik Loy. Pfarrer Dominik Loy promoviert im Fach Dogmatik an der Uni Augsburg und ist seit 2025 Kirchenrektor von Sankt Peter am Perlach in Augsburg, bei der Knotenlöserin.

Credo: Eines unserer zentralen Glaubensbekenntnisse feiert dieses Jahr 1.700. Geburtstag. Was genau ist dieses Bekenntnis und wie kam es dazu?

Pfarrer Dominik Loy: Wir sprechen vom Glaubensbekenntnis der Konzile von Nicäa und Konstantinopel, das große Glaubensbekenntnis, das wir etwa zu feierlichen Gottesdiensten beten oder das in Messkompositionen vertont ist. Hintergrund war, dass in den ersten Jahrhunderten nicht völlig klar war, wer ist eigentlich dieser Jesus Christus? Dieser Mann wurde einerseits von Zeitgenossen und seinen Jüngern ganz als Mensch erfahren: verletzlich, leidend und sterblich. Andererseits machten sie auch die Erfahrung, dieser Mensch ist göttlich, er ist Gottes Sohn. Wie geht das zusammen? Gott und Mensch zugleich?

Das führte zu großen Streitigkeiten. Stichwort Arius, der sagte: Jesus ist eigentlich ein Geschöpf, ein göttliches Geschöpf, aber nicht Gott. Das führte dazu, dass es im Römischen Reich große Verwerfungen gab. Deswegen berief der römische Kaiser 325 n. Chr. ein Konzil ein, um diese Frage zu klären. Als Resultat veröffentlichten die altkirchlichen Konzilien keine langen Dokumente, sondern hielten ihre Ergebnisse, die sie kraft des Heiligen Geistes fanden, in Glaubensbekenntnissen fest. Und darin ist formuliert, dass Jesus Christus wesensgleich mit dem Vater ist. Klingt philosophisch – ist es auch. Will sagen: Jesus ist ganz Mensch, aber von seinem Wesen her auch ganz Gott.

Credo: In welchen Zusammenhängen entstehen Bekenntnisse allgemein gesagt?

Loy: Schon im neutestamentlichen Umfeld war die Herausforderung: Ich erlebe, wie Gott sich zeigt, was ich mit Christus erfahre. Also etwa, dass Christus Mensch und Gott zugleich ist – etwas völlig Neues. Die Frage ist: Wie verkünde ich das anderen? Man findet also Formeln. Und diese werden irgendwann zum Bekenntnis. Solche Bekenntnisformeln finden wir schon im Neuen Testament, etwa im Philipperhymnus, griffige Formulierungen, die sich gut weitergeben lassen und die zugleich den Glaubensinhalt theologisch präzise ausdrücken, in einer Streit- oder Bedrängnissituation.

Credo: Könnte man Bekenntnisse als „Immunreaktionen” eines Körpers, des „Leibes Christi”, auf einen Angriff, Virus oder Bakterium bezeichnen?

Loy: Ich glaube schon. Gerade in der alten Kirche, als diese Glaubensbekenntnisse formuliert wurden, ging es ja um Abgrenzung. Abgrenzung von Auffassungen, die mit dem Glauben nicht zusammenpassen. Ich würde das sogar noch verstärken: Das Apostolische Glaubensbekenntnis – jenes, das wir i.d.R. sonntags beten – war gerade im Frühmittelalter lange Zeit so etwas wie die DNA der Kirche. Viele Menschen hatten keinen Zugang zur Heiligen Schrift, kannten weder Katechismus noch Religionsunterricht. Was die Leute aber kannten und beteten, war das apostolische Glaubensbekenntnis. Es wurde zu einem christlichen Basistext, der im Mittelalter das Leben und die Frömmigkeit vieler Menschen in Europa prägte.

Credo: Ein Virus und noch mehr eine Veränderung der DNA machen einen Organismus i.d.R. krank, oder kaputt. Inwiefern hätte der Arianismus den Leib Christi, die Kirche krank gemacht?

Loy: Arius war es wichtig, Gott als Ewigen und Unveränderlichen zu sehen. Wenn ich aber sage: Jesus Christus – der veränderlich ist, allein weil er lebt – ist auch Gott, dann behaupte ich ja, dass Gott sich verändern kann. Und das war für Arius undenkbar. Darum, sagt er, kann Jesus Christus nicht Gott sein. Er ist im Ranking der Geschöpfe an der Spitze, aber nicht Gott. Damit ist die Gottheit Jesu geleugnet.

Dass Gott für uns Mensch wird, ist aber die zentrale Aussage unseres Glaubens. Gott leidet selbst stellvertretend für uns, stirbt für uns, um uns zu erlösen und zu befreien. Wenn Arius recht hätte, hätte Gott ein Geschöpf, einen Abgesandten geschickt, um uns zu erlösen. Gott wäre also nicht selber gekommen, wäre uns nicht nahe, wäre nicht derjenige, der uns in Jesus Christus begegnet. Damit wäre das ganze Christentum, unser Gottes- und Menschenbild verschoben. Wir wären also keine Brüder und Schwestern Jesu und hätten keinen Anteil an seinem göttlichen Leben.

Credo: Du hast 2024 auf katholisch.de einen Artikel veröffentlicht „Darf ich sein, der ich bin? – Über unerwünschte Priester”. Darin schreibst du über Angriffe auf dich als Priester – auch aus den Rängen der Kirche. Haben wir in der Kirche ein „immunologisches Identitätsproblem”? Wissen wir nicht mehr, wer oder was zu uns gehört und wer nicht?

Loy: Das ist wirklich ein Problem. Die Frage ist, woran machen wir fest, wie und wo wir zusammengehören? Wir sind auch in der Kirche an dem Punkt – und das halte ich für gefährlich – dass wir Zusammengehörigkeit an der Denke bzw. an Neigungen festmachen.  Aber das kann ja offenkundig kein Kriterium für Gemeinschaft sein. Stellen wir uns mal eine Familie vor, die sich dadurch definiert, dass alle gleich ticken. Nein, jeder weiß, in Familien sind unterschiedlichste Leute, die verschieden ticken und dennoch halten sie fest und gut zusammen.

Wir Christen denken uns auch als Familie Gottes. Wenn wir aber anfangen uns entlang dieser politischen progressiv vs. konservativ Schemata auszugrenzen, dann verlassen wir den Kern des Christentums, wo sich die Gemeinschaft festmacht am gemeinsamen Bekenntnis zu Christus und zum Glauben der Kirche. Wenn wir dieses Bekenntnis teilen, haben wir eine gute gemeinsame Grundlage, aus der wir Spannungen gut aushalten können: Dass ich sagen kann, ich teile diese Ansicht nicht und dennoch gehören wir zusammen.

Credo: Bekenntnisse grenzen ab. Sind sie damit nicht auch diskriminierend?

Loy: Nein. Bekenntnisse sind ja zunächst einmal der Ausdruck dessen, was ich glaube und für wahr halte. Wenn da keine explizite Diskriminierung eingepreist ist, ist es nicht diskriminierend. Es ist schlicht das, was ich glaube und das muss ich in aller Freiheit sagen dürfen. Natürlich, sobald ich meine eigene Position klar mache, setze ich mich von anderen Positionen ab. Aber eine andere Position oder Meinung, einen anderen Glauben, ein anderes Fürwahrhalten zu haben, das darf nicht Diskriminierung sein.

Credo: Wenn ich als Individuum etwa die Jungfrauengeburt oder die Göttlichkeit Jesu nicht mehr glauben kann, bin ich dann raus?

Loy: Das sind zwei sehr unterschiedliche Beispiele. Die Göttlichkeit Jesu trifft schon den tiefsten Kern des Glaubens. Die Jungfräulichkeit Mariens ist auch bedeutsam, aber nicht der unmittelbarste Kern. Ich muss unterscheiden: Ist es ein Ringen um Verständnis, ein Zweifeln? Tue ich mir schwer, brauche ich noch Argumente oder Zeit zur Vertiefung? Kann ich aber dennoch in einem Grundvertrauen zum Glauben der Kirche oder zur Kirche sagen, die Kirche und der Glaube all jener, die vor mir waren, der trägt, der ist valide und solide. Aber ich, ich kämpfe da noch. Dann kann ich mir Zeit nehmen, Vertrauensmenschen suchen, die mir in Liebe Rede und Antwort stehen können, die mich in meinem Fragen, in meinem Ringen behutsam begleiten.

Oder bin ich am Punkt, an dem ich diese Inhalte abschließend ablehne. Wenn ich sage, die Göttlichkeit Jesu kann ich nicht glauben, dann habe ich durch meinen Ausdruck dessen, was ich für wahr halte artikuliert: Ich stehe nicht mehr auf christlichem Boden.

Credo: Gibt es Situationen, wo Inhalte, die man lange mitgebetet hat, wie man AGB’s im Internet wegklickt, plötzlich relevant werden und man sagt, jetzt brauche ich das?

Loy: Ja, wenn ich beispielsweise ein Leben lang immer wieder sonntags das Glaubensbekenntnis bete und ich plötzlich an einem Krisenpunkt im Leben stehe und merke „Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen”– ich bin nicht allein mit meinem Glauben, der Himmel ist voll von Heiligen. Oder in Situationen, wo etwas schief gelaufen ist und ich schuldig geworden bin, bekennen zu können: „Ich glaube an die Vergebung der Sünden.” Daran festzuhalten, meine Schuld kann geheilt, vergeben und verziehen werden, das ist keine Kleinigkeit. So kann ein Bekenntnis in unterschiedlichen Kontexten, immer neu lebendig werden, aufleuchten und strahlen.

Credo: Vielen Dank für das Gespräch