Emina mit Raphael Schadt im Credo-Talk.
Thema · Wegen Bekenntnis verbal attackiert
Schämst du dich eigentlich nicht?
von Raphael Schadt · 02.01.2026
Credo: Kürzlich hast du auf deinem Instagram-Kanal ein Video gepostet mit dem Titel: „Schämst du dich eigentlich nicht?” Was ist da passiert?
Emina: Wir waren auf Exkursion vom Englischen Seminar in New York. Auf dem Weg durch den Times Square rückte der Kommilitone von hinten zu mir auf, sprach mich an, ob ich mich denn nicht schäme. Ich begriff noch nicht, in welche Richtung das geht. Vielleicht machte er ja nur Spaß. Mit Feindseligkeit rechnete ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Aber spätestens als er fragte, ob ich noch in den Spiegel schauen kann, da ich ja mit meinem Glauben Vergewaltigungen und Missbrauch unterstütze, verstand ich, wo es langgeht.
Überfordert und verunsichert lachend erwiderte ich: „Ja, ich kann noch gut in den Spiegel schauen. etc. Als er aber mit Vergewaltigungen anfing, dachte ich: „Jesus, was würdest du jetzt sagen?” Aus dem Bauch heraus zu reagieren, wäre wohl nicht so christlich geworden.
Am Tag zuvor beim Flug hatte er gefragt, was mein Fach neben Englisch sei. Ich sagte Reli. „Hast du eigentlich schon deinen Glauben verloren durch dein Studium?” „Nein, im Gegenteil”. Es war wohl die falsche Antwort. Ab da nahm ich eine negative Einstellung wahr.
Das Gespräch jedenfalls ging noch etwa fünf Minuten weiter. Ich sagte: „Ich weiß nicht, ob es Sinn macht, diese Diskussion zu führen. Du kannst mich nicht überzeugen und ich dich nicht.” Er ließ aber nicht locker. Ich ließ ihn reden bzw. mir seine Beleidigungen und Vorurteile von Antifeminismus bis Vergewaltigungsbefürwortung an den Kopf werfen. Ich schaltete auf Durchzug, blieb ruhig, betete für ihn und beschloss, ihm die feindliche Attitüde nicht zu erwidern.
Credo: Woher diese Verachtung?
Emina: Mir schienen sein Hass bzw. seine Feindseliglichkeit einfach von Vorurteilen zu kommen. Vielleicht medienbedingt oder einfach – sorry – mangelnde Bildung. Er wollte wohl auch lustig sein vor seiner Jungsgruppe. Mir schien, sie fanden sich darin cool, sich über das „Kirchenmäuschen” lustig zu machen.
Credo: Haben das andere mitbekommen?
Emina: Wir waren eine Gruppe von 40 Leuten und man lief so in Grüppchen. Ich meine schon, dass es die Leute um uns herum gehört haben. Aber in diese heikle Diskussion wollte sich wohl keiner einmischen. Danach spürte ich, dass darüber geredet wurde – allerdings nicht zu meinen Gunsten. Ich wurde in den folgenden Tagen aktiv ausgeschlossen, angelogen etc.
Credo: Wie hast du dich dabei gefühlt?
Emina: In dem Moment merkte ich direkt, wie mein Herz klopft: „Das kann doch nicht wahr sein, gleich am ersten Tag. Das erste richtige Gespräch.” Und ich habe mich richtig alleine gefühlt – als Christ in einer weltlichen Truppe, mit dem Gefühl, alle werfen mit Steinen auf mich.
Credo: Ist dir so etwas zuvor schon mal passiert?
Emina: Seit meiner Bekehrung vor fünf Jahren begegnet mir schon auch Unverständnis oder Religionsfeindlichkeit. Aber damit konnte ich bisher gut umgehen. Ich verleugne meinen Glauben nicht, aber ich zwinge ihn auch keinem auf. Aber diese Attacke war anders und sie zog sich über die ganze Exkursion.
Credo: Im Nachhinein möchte man gern schlagfertig dieses oder jenes gesagt haben. Gibt es Gedanken, die du gern parat gehabt hättest?
Emina: Ja! Ich wäre gerne schlagfertiger gewesen. Es wäre vielleicht gut gewesen, ihm Fakten aufzutischen. Aber in diesem Moment war mein Kopf leer. Ich weiß ja eigentlich, was man erwidern kann, vom Kommunikationstraining im Basical und vom Studium. Aber in diesem Moment war ich so geschockt, dass ich mich nicht verteidigen konnte. Das hat mich schon geärgert. In den Tagen darauf merkte ich aber, dass er an Antworten ohnehin nicht interessiert war. Er wollte einfach drauf.
Credo: Sollten sich Gläubige auf solche Attacken grundsätzlich besser vorbereiten?
Emina: Natürlich sollte man apologetisches Wissen haben, heiße Eisen zu besprechen, sofern es Leute interessiert. Man sollte aber auch auf solche Attacken vorbereitet sein und sich in Liebe und Geduld üben. Gerade als junger Mensch in der heutigen Zeit.
Credo: Du sagtest vorher „Was hätte Jesus gesagt?” Jesus war doch schlagfertig und hat Leute auch hart zurechtgewiesen, Stichwort Tempelaustreibung, Pharisäer etc. Er war kein Softie. Konfliktvermeidung ist doch keine christliche Strategie, oder?
Emina: Man muss differenzieren, wo sich ein Kampf lohnt. Hätte ich angefangen zu diskutieren, hätte er vielleicht ein negatives Bild vom Glauben bekommen. Aber du hast schon recht, etwas mehr Konflikt wäre da vielleicht auch gut gewesen.
Credo: So eine Demütigung kann dich ja nach zehn Jahren noch wurmen. Wie geht man langfristig mit so einer Attacke um?
Emina: In meinem Fall ein Instagram-Video draus machen. Ich habe aufgeschrieben und aufgenommen, was passiert ist und es direkt meinen Freunden erzählt – in dieser Exkursionsgruppe konnte ich mit niemandem darüber reden. Das hat mir geholfen, Support zu bekommen. Aber nachdem es die ganze Woche so ging, konnte das nicht mal eben abheilen. Es wurde erst besser, als ich wieder in Augsburg war.
Credo: Cool, dass du direkt mit Gebet reagiert hast.
Emina: Ja! Ich bete fast jeden Tag für den bzw. für die Gruppe. Ich sehe sie ja auch noch in der Uni. In der ersten Woche nach der Exkursion, kam er mir auf dem Gang entgegen: „Na, heute schon gebetet?” „Haha, lustig. Ja, vor allem auch für dich.” Das war nicht gelogen. Danach kam nicht mehr viel. Klingt jetzt vielleicht so holy, aber ich war schon auch echt sauer.