Thema · Depressionen und geistliches Leben

Wenn die Freude fehlt

Fast zehn Millionen Menschen leiden in Deutschland jährlich an Depressionen. Markus Dumberger, Priesteramtskandidat und psychologischer Berater, spricht im Credo-Interview darüber, was man tun kann und was hilft, wenn die Freude fehlt.

von Raphael Schadt · 16.09.2026

Was ist eigentlich Freude?

Markus Dumberger: Generell gibt es zwei Arten von Freude. Die eine ist die Entscheidungsfreude, wenn ein bestimmter Umstand Freude auslöst. Und dann gibt es die Freude als Emotion, wo ich in mir irgendwie so ein Kribbeln im oberen Brustbereich empfinde. Beide Arten gehören zusammen.

Der christliche Glaube bietet viele Gründe sich zu freuen. Was, wenn ich mich als Christ trotzdem nicht freuen kann und depressiv bin?

Dumberger: Wenn in mir der Gedanke aufsteigt, ich sollte mich freuen, dann bin ich von der Freude weit weg. Freude lässt sich nicht produzieren. Wer sich auf die Reise macht, emotional reif zu werden, der hat gute Chancen insgesamt auch mehr Freude zu erleben. Emotional reif bedeutet einen emotionalen Zugang zu allen Basisemotionen zu erlangen und Trauer, Angst, Wut, Freude oder auch Ekel zu empfinden.

Es geht nicht darum, als Christ nur noch lachend durch die Welt zu laufen, sondern zu lernen zur richtigen Zeit zu weinen und zur richtigen Zeit zu lachen. Jedes Gefühl hat eine Funktion und ist wichtig für unser Innenleben. Genauso die Wut. Es gibt einen guten Grund, warum Christen auch mehr wütend sein sollten.

In charismatischen Bewegungen legt man sich aus missionarischen Gründen oft den Druck auf Lächeln zu müssen …

Dumberger: Überzeugend ist der Christ, der alle Emotionen kennt. Sorgen machen mir sowohl die Leute die verbohrt durchs Leben gehen und das Christentum nur als etwas Ernstes verstehen, wie auch die Menschen die etwas frömmlerisch angepasst immer lächeln. Der Heilige Geist lebt in unserer Echtheit. Zeig dich echt!

Depression ist eine Volkskrankheit. Wie äußert sie sich und was macht sie mit der eigenen Gottesbeziehung?

Es gibt für Depressionen drei sogenannte „Cluster“. Das affektive Cluster bringt eine gedrückte Stimmung und einen fehlenden Ausdruck von Emotionen mit sich. Beim kognitiven Cluster hat der Menschen viele Grübelspiralen und sogar den Wunsch, nicht mehr zu existieren. Und dann eben das Neurovegetative, wo die Person mit Appetit- und Schlaflosigkeit zu kämpfen hat.

Damit verbunden ist ein fehlender Bezug zu Beziehungen und damit auch zu Gott. Depressive Menschen haben oft das Gefühl, nicht mehr Teil der Gemeinschaft zu sein und irgendwie auch Gott verloren zu haben. Deswegen ist eine der wichtigsten Botschaften für depressive Menschen, dass diese Episoden immer ein Ende haben, manchmal von ganz allein aber auch mit Hilfe von Medikamenten. Und genauso geht auch die Erfahrung von Gottesferne.

Was sollte man als Seelsorger tun, um einen depressiven Menschen gut zu behandeln?

Dumberger: Als Seelsorger würde ich als allererstes die Person zum Fachpersonal schicken. Kein geistlicher Begleiter, kein Seelsorger ist dafür ausgebildet, Menschen mit Depressionen zu begleiten, geschweige denn zu behandeln. Es wäre falsch, das selbst in die Hand zu nehmen. Das heißt nicht, dass geistliche Begleitung bei Depression generell endet.

Es kann auch für Menschen mit Depressionen super sein, das eigene Leben im Angesicht Gottes zu deuten. Geistliche Begleiter sollten bloß die eigenen Kompetenzen nicht überschreiten. Depression kann auch, genetisch bedingt, durch eine Stoffwechselerkrankung entstehen und da können gute Medikamente helfen. Es kann aber auch mit einer Psychotherapie funktionieren.

Gibt es sonst geistliche Ressourcen, die Menschen in Depressionen helfen können?

Dumberger: Unbedingt! Mir fallen zwei verschiedene Sachen ein. Die eine ist, von der Erfahrung geistlicher Lehrer zu profitieren. Ich habe letztens einen alten Priester besucht, der gelassen in sich geruht hat, weil er wusste, dass das Leben nicht nur schön ist. Er kannte die geistlichen Tiefen, die sogenannte „dunkle Nacht“. Da können wir von einer Mutter Teresa profitieren, von Ignatius von Loyola und Johannes vom Kreuz.

Sie lehren uns, dass Gefühle nicht das letzte Maß sind, sondern dass es eine Objektivität, eine Realität gibt, die mich und mein Leben übersteigt. Für alle, die im Grübeln gefangen sind, ist das ein ganz wichtiger Kontrapunkt. Ich glaube, dass außerdem unsere kirchliche Liturgie einen riesigen Schatz bereithält.

Können wir auch durch die Vergebung und die Beichte zu inneren Emotionen zurückfinden?

Dumberger: Ja, auf jeden Fall. Einen Zugang zu Emotionen bekomme ich wesentlich durch soziale Beziehungen. So ist es auch ganz wichtig, dass ein Mensch das Sakrament der Beichte spendet, weil das eine Beziehungsdimension hat. Dass ich mich einem Menschen öffne, dass ich mit der Scham umgehe, die ich empfinde, wenn ich gesündigt habe und dass ich mir gleichzeitig auch von außen von der höchsten Instanz Vergebung zusprechen lasse, lässt meine emotionale Reife wachsen. Darin kann ich in dem Schmerz und in der Scham auch etwas erfahren davon, was es heißt, angenommen und verstanden zu werden.

Was würdest du einer depressiven Person raten, um wieder in die Freude zu kommen?

Dumberger: Erstens: Wenn du den Eindruck hast, dass es etwas Dauerhaftes ist, dann lass das mal abklären. Die zweite wichtige Botschaft: Es geht vorbei. Auch wenn man das nicht glauben kann, ist es trotzdem wahr. Drittens: Es ist okay. Es ist nicht was mit dir falsch, weil du das gerade spürst, weil das einfach eine Erkrankung ist. Viertens: Es ist gut, sich in sozialen Beziehungen zu halten, auch wenn es manchmal furchtbar anstrengend ist und man auch manchmal eher nicht die Lust dazu hat. Es ist wichtig, dass wir verbunden bleiben!

Danke für das Gespräch!