Thema · Über die Rolle des Vergebens im Hospiz

Vergebung auf den letzten Metern

Pfarrer Ralf Gössl ist Seelsorger im St. Vinzenz-Hospiz in Augsburg-Oberhausen. Seit 2021 besucht er mehrmals die Woche die dortigen Gäste und ist für deren Angehörige und Pflegekräfte da, wenn es Gesprächsbedarf gibt. Wir wollten von ihm wissen, welche Rolle das Vergeben vor dem Tod spielt.

von Raphael Schadt · 29.05.2026

Vergebung bevor die Zeit abgelaufen ist. Symbolbild: stock.adobe.com, Min Chiu.

Credo: Im Hospiz bereitet man sich auf das Sterben vor. Welche Rolle spielt grundsätzlich der Glaube dort?

Pfarrer Ralf Gössl: Ich besuche grundsätzlich alle Gäste, die das wünschen, unabhängig von ihrer religiösen oder weltanschaulichen Haltung. Es gehört mit zu den Grundsätzen unseres Hospizes, dass wir die jeweiligen spirituellen, religiösen und weltanschaulichen Haltungen unserer Gäste achten.

Es begegnet mir immer wieder, dass es nicht aufgearbeitete Probleme, Verwundungen oder Konflikte aus der Lebensgeschichte gibt. Manchmal wird das offen angesprochen. Oft spüre ich das oder kann es – wenn jemand nicht mehr sprechen kann – erahnen. Das Aussprechen ist oft eine große Hilfe und noch mehr, wenn es zu einer Aussprache oder Versöhnung kommt. Wenn ich spüre, dass jemand nicht mehr sprechen kann, aber den Drang hat, etwas loszuwerden, lege ich das – je nach religiösem Hintergrund – in ein Gebet und einen Segen hinein. Dabei ist auch wichtig zu bedenken, dass es nicht nur um die Gäste geht, sondern auch um deren Angehörige. Oft suchen auch diese das Gespräch und brauchen Beistand.

Credo: Fällt Ihnen dazu eine konkrete Begebenheit ein?

Pfr. Gössl: Ja. Ein Mann, er war sterbenskrank, tat sich sehr schwer mit dem Sterben. Er konnte einfach nicht gehen. Er hatte seinen Sohn nach einem Konflikt seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Der Sohn wohnte weit weg im Ausland. Man merkte eindeutig, es war noch etwas offen und es brauchte diese Begegnung. Durch die Vermittlung anderer kam der Sohn schließlich ans Sterbebett seines Vaters. Was genau die beiden besprochen haben und was noch an Austausch möglich war, weiß ich nicht. Jedenfalls fand eine Begegnung statt. Und bald darauf konnte der Mann gehen, bzw. sterben.

Oft sagen mir Angehörige: Meine Mama, mein Papa möchte noch etwas sagen. Aber es geht eben nicht mehr, weil der Mensch nicht oder kaum mehr reden kann. Dann kann es eine Beruhigung sein, wenn ich ein freies Gebet spreche, etwa „Herr, du siehst ins Herz von Herrn/Frau soundso, du siehst, was gelungen ist, aber auch, was offen und bruchstückhaft ist. Wir vertrauen dir dies und das an und bitten dich, dass du das Unvollendete vollendest.” Gerade in Kombination mit der Krankensalbung hat das oft eine sehr beruhigende Wirkung. Angehörige sagen mir dann, dasss ihre Mutter oder ihr Vater ruhiger geworden sei, nachdem ich gestern mit der Krankensalbung da war.

Credo: Kommt es vor, dass sich jemand mit Gott versöhnen möchte?

Pfr. Gössl: Ja, es kommt vor, dass um eine sakramentale Beichte gebeten wird – allerdings eher selten. Und selbst dann wird sie häufig noch geschoben. Manchmal wird bei der Beichte noch eine große Last abgelegt. Und natürlich wirkt das dann befreiend. Aber auch hier ist eine sakramentale Beichte oft schon wegen des Krankheitsbildes nicht mehr möglich. Häufiger ist der Wunsch nach der Krankensalbung, zu der auch die Bitte um Vergebung gehört.

Immer wieder erlebe ich, dass Menschen noch sehr belastet sind, sei es, weil sie an anderen schuldig geworden sind, oder andere an ihnen. Dann müssen Verletzungen noch heilen. Und oft muss man diejenigen auch erinnern, dass sie sich selbst vergeben dürfen. Gott schenkt auch jetzt noch eine neue Chance, einen neuen Anfang.

Pfarrer Ralf Gössl. Bild: Kevin Fischer.

Einmal begleitete ich jemanden, der aus der Kirche ausgetreten war. Dieses Thema kam während dieser Zeit immer wieder hoch, bis kurz vor dem Tod. Ich sagte: „Sie haben immer die Möglichkeit wieder einzutreten. Auch wenn es mit den dafür notwenigen Formalitäten zeitlich nicht mehr funktionieren sollte, gilt Ihr Wille.“ Diese Zusage hat ihm sehr gut getan. Dann ging es nicht mehr lange, bis er starb. Ich habe dann noch die Angehörigen und den Priester informiert, der die Beerdigung zelebriert hat.

Credo: Sie empfehlen also, möglichst vor dem Ende Frieden zu machen.

Pfr. Gössl: Wenn Leute zu mir kommen und sagen, sie können jemandem nicht verzeihen – und das kennt ja jeder – dann sage ich: Sie können sich dazu nicht zwingen. Vergebung ist ein Weg, ein Prozess. Sie können den Weg dazu bereiten, indem Sie für die betreffende Person beten, oder sie segnen. Und wenn Ihnen auch das schwer fällt, versuchen Sie dennoch diesen Menschen gut bzw. fair zu behandeln. Man muss ja nicht alle Menschen sympathisch finden.

Aber grundsätzlich: Die Sonne soll über eurem Zorn nicht untergehen, heißt es in der Bibel. Deswegen ist der Tagesrückblick, mit dem liebenden Blick auch auf Unvollendetes zu schauen, eine hilfreiche geistliche Übung. Da schläft man sicher besser. Und gerade am Ende des Lebens, so sagen viele Sterbeforscher, kommt ja noch mal alles auf den Tisch.

Credo: Vielen Dank für das Gespräch!