Thema · Credo Talk mit Dr. Raphael Bonelli

Kein Frieden ohne Verzeihen

Der Wiener Psychiater und Neurowisschenschaftler Raphael Bonelli ist bekennender Katholik, prominenter Autor psychotherapeutischer Bestseller und erlangte in seiner deeskalierenden Rolle in der Corona-Zeit noch breitere Bekanntheit. Wir wollten von ihm wissen, welche Rolle Reue und das Verzeihen spielen, um Frieden wiederherzustellen, im Kleinen wie im Großen.

von Raphael Schadt · 14.04.2026

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Raphael Schadt im Gespräch mit Raphael Bonelli. Thumbnail: Bildkollage Credo Redaktion, mit Bild von Ed Us, unsplash.com

Credo: Ist zu vergeben psychologisch vorteilhaft?

Bonelli: Es ist durch viele Studien belegtes Wissen, dass Vergeben assoziert ist mit einer höheren Lebensqualität. Das nennen wir Forgiveness. Es beschreibt nicht den Vergebungsvorgang von etwas Speziellem, sondern die Haltung der Vergebungsbereitschaft, über kleine und große Schweinereien, die einem zustoßen, hinwegzusehen. „Eine Fünf auch mal gerade sein lassen”, wenn etwa der Gastwirt noch etwas draufschlägt, oder ein Landarbeiter pfuscht, zu sagen: Okay, das sind Kleinigkeiten. Da nicht auszurasten, das macht die Lebensqualität aus.

Das Gegenteil davon ist Verbitterung. Der verbitterte Mensch kann nicht vergeben und sagt: „Ich bin ungerecht behandelt worden. Das geht nicht. Der Gastwirt hat ein Schnitzel zu viel verrechnet. Und jetzt prozessiere ich!” Das sind dann oft Dauergäste beim Rechtsanwalt, die immer wieder auch Prozesse gewinnen. Mit denen will aber niemand mehr zu tun haben. In meiner Praxis sehe ich häufig Menschen, die mit Empörung und Überheblichkeit sagen: „Ich hätte so etwas nie gemacht bzw. nie gesagt.” Und ich glaube, es verhalten sich heute viele so.

Die Gelassenheit „Mal eine Fünf gerade sein lassen” gegenüber der Fehlerhaftigkeit anderer oder die Empathie mit dem Mitmenschen, die sagt, „Das hätte mir auch passieren können”, das tut gut und man kommt besser zurande – natürlich ohne, dass man sich deswegen ängstlich und schüchtern alles gefallen lässt.

Credo: Wie kann es nach den Entzweiungen der letzten 15 Jahre – über Einwanderung, Corona, Ukraine, Israel etc. – ein gesellschaftliches Zusammenkommen bzw. Versöhnung geben?

Bonelli: Diese Themen bekommen zu viel Bedeutung. Ein guter Freund schrieb mir ein recht aggressives WhatsApp, wegen eines meiner Videos zu Corona. Er fühlte sich persönlich angegriffen. Was gar nicht meine Intention gewesen war. Ich antwortete: Lieber X, wir sind in 98 % einer Meinung. Bei diesen unbedeutenden Themen offensichtlich nicht. Aber das darf doch unserer Freundschaft nicht schaden. Er schreib zurück: Du hast ganz recht. Und seither sind wir Freunde wie zuvor.

Dieses Corona-Thema zahlt sich nicht aus. Masken ja oder nein – ist doch letztlich S****egal. Die Bedeutung, die dem gegeben wurde, ist erschreckend und zeigt mir, dass es die wirklich wichtigen Dinge für die Menschen gar nicht mehr zu geben scheint. Für mich zeigt das einen Verlust der wirklichen Werte, eine Art von Glaubensverlust. Wenn eine Weltanschauung religiöse Dimensionen annimmt, eine Ideologie zur immanenten Ersatzreligion wird, werden diese Sachen gefährlich: „Wenn du nicht meiner Meinung bist, dann bist du böse.”

Was ist heute etwa vom 30-jährige Krieg zwischen Katholiken und Protestanten mit vielen Millionen Toten übrig? Heute können Katholiken, Evangelische und auch Evangelikale wieder ganz gut miteinander, sogar heiraten. Letztlich können wir zu den aktuellen Streitthemen nicht viel dazu tun und deswegen leiste ich mir bei vielen Dingen den Luxus, keine Meinung zu haben. Wenn wir die Bedeutung vieler Dinge runterschrauben, sagen wir viel leichter: Okay, er hat eben eine andere Meinung. Noch vor 20 Jahren hat man auch hitzig diskutiert, aber niemand sagte: Wenn du das sagst, muss ich aufstehen. Mit so jemandem will ich nichts zu tun haben. Kontaktschuld gab es damals nicht.

Credo: Beim Psychologen zu sitzen ist ja heute wie ein Ersatz geworden für das, was früher die Beichte war.

Bonelli: Ist natürlich nicht ganz so, aber lassen wir es einmal so stehen.

Credo: Was leistet die Beichte anderes als die Psychotherapie?

Bonelli: Die Beichte ist sozusagen ein psychologisches Epiphänomen. Sie vergibt Sünden. Ich hatte vor kurzem eine junge Frau, die ihren Mann betrogen hatte. Sie litt fürchterlich. Ich fragte sie, ob sie religiös sei – nein, leider nicht. Sie tat mir so leid und ich hätte ihr so gern gesagt: Ego te absolvo – Ich spreche dich frei von deinen Sünden. Aber als Therapeut kann ich das eben nicht. Ich kann aber auch nicht sagen: „Ist ja nicht so schlimm, macht doch jeder” – wie mache Therapeuten es tun.

Die katholische Beichte dagegen sagt: Was du getan hast war schlimm, aber Jesus ist für dich am Kreuz gestorben und deswegen, vom Kreuz herab, spricht er dich frei davon. Bzw. der Priester in seinem Namen.

Schuld zu bagatellisieren, wie es viele Therapeuten wohlmeinend tun, hat natürlich ideologische Hintergründe: Sigmund Freud anerkannte keine Schuld. Für ihn war alles nur Konsequenz frühkindlicher und gesellschaftlicher Prägeereignisse. Damit bleibt allerdings keine Freiheit für den Menschen. Diese Ideologie tut dem Menschen in der Realität nicht gut und so fühlen sich Patienten häufig nicht ernst genommen. Sie gehen dann nicht beruhigt nach Hause, sondern suchen sich einen anderen Therapeuten, bei dem sie ernst genommen werden. Der Menschen will ernst genommen werden, auch in seiner Schuld, gerade wenn er sie einmal zugibt.

Credo: Und bereut.

Bonelli: Das Schlimme ist ja, wenn einer nicht bereut: Jemandem zu vergeben, der nicht bereut, ist das Schwierigste. Da braucht es viele Meta-Ebenen. Aber das alltägliche ist ja, dass jemand daneben tritt, es später von Herzen bereut und um Verzeihung bittet. Das Gegenüber mag sich vielleicht schwer tun, aber schließlich sagt es: es sei dir vergeben.

Und da gibt es zwei Ebenen. Zum einen die Entscheidung zu vergeben, die Vergebung des Herzens, die man meistens auch noch nicht spürt: Die ausgesprochene Bereitschaft zu vergeben: Ich will dir das vergeben. Die zweite Ebene ist die emotionale Vergebung, jene, die ich spüren kann. Die Erste muss der Zweiten aber vorausgehen. Daran arbeite ich mit meinem Patienten.

Verzeihung ist auch leichter zu spüren, wenn man den „reuigen Sünder” sieht. Deswegen ist die Reue so gut für uns. Das habe ich als Psychiater oft beobachtet. Und auch die Beichte ist ja nur gültig mit der Reue – was für mich absolut Sinn macht – denn man kann nicht verzeihen, was nicht bereut wird. Nicht einmal Gott verzeiht, was nicht bereut wird. Deswegen gibt es ja auch die Hölle.

Credo: Ja, eine volle Versöhnung setzt Reue voraus. Aber kann ich nicht für meinen Teil jemanden loslassen und vergeben?

Bonelli: Aber den will man dann nicht mehr sehen. Das ist kein Verzeihen im Sinne von „wir sind jetzt Freunde wie vorher”. Es ist lediglich raus aus meinem Kopf, aus meinen Emotionen. Eine gewisse Gleichgültigkeit. Die meisten Missbrauchsopfer, mit denen ich gearbeitet habe, gelangen an einen Punkt, an dem sie sagen: „Okay, ist mir wurscht, aber ich muss mit dem nicht wieder zu tun haben.” Aber das wirkliche, göttliche Verzeihen bedeutet doch eine Wiederherstellung der Beziehung.

Credo: Vielen Dank für das Gespräch.

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