Thema · Wege aus der Verbitterung

Wenn der Groll dich auffrisst

Verbitterte Menschen sind sich selbst und ihrer Umwelt oft eine schwere Last. Sie werden als lästige Querulanten abgetan oder isolieren sich selbst. Wie kommt man aus der Verbitterung wieder heraus, wenn einem Schlimmes zugestoßen ist?

von Raphael Schadt · 26.05.2026

Illustration einer verbitterten Person mit finsterem Blick
Verbitterung. Illustration: stock.adobe.com, BigJoy.

Die meisten von uns erinnern sich spontan an Erlebnisse, die bitter waren und uns gekränkt haben. Lange denkt man beispielsweise noch darüber nach, wie man hätte schneller kontern oder sich hätte wehren sollen. Manchmal kommen Rachegedanken dazu. Die meisten kommen darüber aber wieder hinweg. In schlimmen Fällen, in denen Menschen darüber eben nicht mehr hinwegkommen, spricht man von ausgeprägter Verbitterung oder dem posttraumatischen Verbitterungssyndrom (PTES).

Der Berliner Psychologe Michael Linden stellt fest: Menschen, die nach einem traumatischen Erlebnis verbittert sind, kann man jahrelang erfolglos therapieren, wenn man sie z. B. fälschlicherweise als depressiv einstuft. Verbitterung mobilisiert besondere Kräfte und hilft, in aussichtslosen Situationen eventuell doch zu überleben. Sie ist Aggression, die bereit ist, Selbstzerstörung in Kauf zu nehmen. Verbitterte können also über das „Querulantentum” hinaus in der Tat auch gefährlich werden. Es ist eine Sackgasse, aus der man leider oft schwer wieder herauskommt.

Plötzlich gekündigt

Einen Fall beschreibt Linden als grundlegend für seine Forschung: Eine Patientin, 49 Jahre alt, wird unerwartet in ihrem Job als Küchenleiterin eines Seniorenheims gekündigt, obwohl sie ihren Job durchweg mit vollem Einsatz erledigt hat und sie ein gutes Verhältnis zu ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hat. Als Kündigungsgrund werden „erhebliche Arbeitsmängel“ angegeben. Für die Küchenleiterin, die sich als ungelernte Küchenhilfe über Jahre hochgearbeitet hat, ist das ein völlig ungerechter und niederträchtiger Vorwurf.

Es tritt das ein, was Michael Linden als PTES – Posttraumatische Verbitterungsstörung – beschreibt: In den darauffolgenden Tagen bricht die Stimmung der Frau immer wieder völlig ein. Ärger und Wut drücken sich immer wieder in heftigem Weinen aus. Hoffnungslos und resigniert zieht sie sich aus ihrem sozialen Leben zurück und verliert jegliche Lebenslust. Sie ist erschöpft, nimmt ab, hat diffuse Schmerzen und meidet ängstlich alles und jeden, der mit ihrer Arbeit zu tun hat bzw. an die Kündigung erinnert. Sie wirft sich selbst vor, dass sie sich so fleißig und treudoof hat ausbeuten lassen und selbst noch ihren Nachfolger ausgebildet hat.

Michael Linden, *1948, deutscher Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychosomatische Medizin, ist als Psychotherapeut tätig und engagierter Katholik.

Gerichtlich wird später bestätigt, dass der Kündigungsgrund nicht gerechtfertigt ist, aber das bringt der ehemaligen Küchenleiterin den Job nicht zurück. Zudem sitzt die Enttäuschung über den mangelnden Rückhalt der ehemaligen Kolleginnen und Kollegen, die natürlich mit der neuen Leitung klar kommen müssen, tief.

Wenn Gerechtigkeit nicht wiederhergestellt werden kann

Was hilft bei derartigen Ohnmachtsgefühlen? Was tun, wenn man nicht vergeben kann und Gerechtigkeit nicht mehr herzustellen ist? Was, wenn man unfähig ist, das erlittene Unrecht loszulassen und zu vergeben? Zur Behandlung von Verbitterung, oder in der verschärften Ausprägung PTES, schlägt Michael Linden die von ihm entwickelte Weisheitstherapie vor. Sie bedeutet, Weisheitskompetenzen zu vermitteln, um komplexe oder unlösbare Lebenssituationen besser bewältigen zu können, statt zu versuchen, das Problem, das die Verbitterung ausgelöst hat, direkt zu lösen.

Die erste Herausforderung besteht in der Regel darin, dass Verbitterte ihr Problem naturgemäß in der Ungerechtigkeit und nicht bei sich selbst sehen. Die Kunst des Therapeuten oder Mitmenschen besteht darin, den Verbitterten oder die Verbitterte erkennen zu lassen, dass die Lösung nicht in der Wiederherstellung einer Gerechtigkeit (oder der Vorstellung davon) besteht, sondern darin, sich die Frage zu stellen, was eine angemessene, unabhängige Reaktion darauf sein kann.

Dazu hilft es, die Geschichte der Verletzung zu erfahren, um zu verstehen, welches die vitalen Werte sind, die verletzt wurden. Wenn ich also beispielsweise mein ganzes Leben in meine Karriere als Köchin investiert habe, darüber vielleicht sogar Gesundheit und Familie vernachlässigt habe, dann ist die Verletzung dieses Wertes besonders schmerzlich.

Selbst- und Werterelativierung

Nun gilt es, Weisheitskompetenzen zu fördern: Man reflektiert etwa über fiktive unlösbare Probleme und Szenarien, in denen die oder der Verbitterte verschiedene Perspektiven einnimmt und so lernt, nicht ausschließlich aus der eigenen Perspektive zu denken, sondern sich auch in andere hineinzuversetzen bzw. ein- und mitzufühlen. Auch zu prüfen, aus welcher Anspruchshaltung heraus er oder sie verletzt ist, ist wichtig: Habe ich Anspruch auf eine glatte, risikofreie Karriereleiter? Selbst wenn der Glaube an eine gerechte Welt unser menschliches Miteinander organisiert: Letztlich gibt es kein naturgegebenes Anrecht auf Gerechtigkeit.

Finde ich in der Tragik auch etwas Komisches, Lustiges oder gar einen tieferen positiven Sinn? Kann ich lernen, über mich selbst zu lachen? Erlaube ich mir, den Verlust zu fühlen, zu betrauern und loszulassen und anschließend eine neue Unbeschwertheit und Gelassenheit zu entfalten? Kann ich damit leben, dass die Welt nicht sicher ist? Kann ich mein Leben so gestalten, dass es wie bei Aktienanlagen breit aufgestellt, diversifiziert ist und ein Scheitern oder Unrecht bei der einen Aktie nicht gleich mein ganzes „Vermögen”, meinen Lebensentwurf, ruiniert?

Das Verharren im Anprangern der erlebten Ungerechtigkeit, wenn etwa der Job weg ist oder die Frau über alle Berge, anstatt die Endgültigkeit der Situation zu akzeptieren bzw. sich anzupassen, ist eine Sackgasse, in der es oft professionelle Hilfe braucht, um herauszukommen. Das Problem ist ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht die Person, die mir unrecht getan hat, sondern, dass ich es nicht loslassen kann und mich damit selbst bestrafe. Der Fluch von dem ich möchte, dass er den Übeltäter trifft, frisst mich selbst auf. Loszulassen ist hier der erste Schritt zur Selbstheilung und zur Loslösung vom Übeltäter.

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