Erinnerungen an eine schmerzhafte Kindheit
Wenn ich an meine Kindheit denke, steigen oft traurige Gefühle in mir auf. So sehr hätte ich mir eine Familie gewünscht, die in Harmonie und Frieden lebt. Stattdessen erinnere ich mich an geworfene Fernbedienungen, an Streit und Geschrei, an bestrafendes Schweigen und an quietschende Reifen.
Ich hätte mir Geborgenheit gewünscht. Einen Vater, auf dessen Schoß ich einmal hätte sitzen dürfen, der meine blonde Mähne streichelt und sich meine kleinen Erlebnisse anhört. Manchmal flüchtete ich mich deshalb in eine Traumwelt; eine Welt, in der all das möglich gewesen wäre.
Meine Mutter stemmte währenddessen das große Haus und den Garten. Mit drei Kindern jonglierte sie den Alltag. Überforderung, Resignation und das Gefühl, allein gelassen zu sein, begleiteten sie oft. Als Kind spürte ich ihre Emotionen sehr deutlich – und ich übernahm sie.
Flucht – auch in die Ferne
Nach dem Fachabitur versuchte ich, in eine andere Stadt zu fliehen. Doch mein schweres „Familiengepäck“ nahm ich mit. Ich bereiste später weit über fünfzig Länder – oft im inneren Fluchtmodus. Ferne Kulturen, neue Gerüche, fremde Köstlichkeiten: Sie gaben mir kurze Momente des Aufatmens, kleine Kicks der Freiheit. Doch die inneren Fragen reisten immer mit.
Ich fühlte mich ungerecht behandelt, missverstanden und gedemütigt. In meinem Herzen wuchs Bitterkeit. Nach außen versuchte ich stark zu wirken. Doch innerlich führte ich immer wieder dieselben Gespräche – voller Vorwürfe, voller Rechtfertigungen.
Begegnung vor dem Tabernakel
Ich erinnere mich an einen Moment, der mir bis heute lebendig vor Augen steht.
Ich kniete in einer Kirche vor dem Tabernakel. Das rote Ewige Licht brannte still, und ich wusste: Christus ist hier gegenwärtig. Doch mein Herz war unruhig. Ich sagte zu Jesus, dass ich nicht vergeben könne. Vielleicht wollte ich es theoretisch – aber nicht praktisch. Der Schmerz war zu groß.
Immer wieder kam mir ein Gedanke: Wenn Jesus denen vergeben hat, die ihn ans Kreuz genagelt haben und wenn Gott dir und mir vergibt – wie kannst du dann jemand anderem die Vergebung verweigern?
Der Weg der Vergebung
Vergebung bedeutet nicht, dass das Unrecht in meiner Familie gutgeheißen wird. Sie bedeutet auch nicht, dass Vertrauen sofort wiederhergestellt ist. Vergebung bedeutet vielmehr, den anderen nicht mehr unter das Urteil meines Herzens zu stellen – und Gott das letzte Wort zu überlassen.
Ich begann, ganz konkret für meinen Vater und für meine Mutter zu beten – für die Menschen, die mich verletzt hatten. Am Anfang fiel es mir schwer, überhaupt ihre Namen vor Gott auszusprechen. Doch ich tat es. Manchmal nur mit einem einfachen Gebet: „Herr, segne ihn.“ „Herr, segne sie.“ Oder: „Jesus, sorge du.“ Es war ein Prozess. Immer wieder kamen alte Gefühle hoch. Doch jedes Mal entschied ich mich neu: Ich will vergeben. Diese Großzügigkeit Gottes stellte auch mich in Frage. Ich merkte: Mein Herz war eng geworden, Gott aber wollte es weiten.
Heute kann ich sagen: Vergebung ist für mich ein Weg der Nachfolge Christi geworden. Sie ist kein einmaliger Akt, sondern oft eine tägliche Entscheidung. Ich bat Gott um Erkenntnis und begann zu verstehen: Niemand von uns ist vollkommen. Wir alle machen Fehler. Wir alle verletzen manchmal einander. Und doch hört die Freundschaft Gottes mit uns Menschen nie, nie, niemals auf.
„Vergib uns unsere Schuld“
Im Vaterunser beten wir: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ (Mt 6,12) Eigene Schuld zu erkennen und anderen zu vergeben ist nicht immer leicht. Doch nur so kann es allen Menschen wirklich gut gehen.
Jesus sagt: Wir sollen nicht nur siebenmal vergeben, sondern siebenmal siebenundsiebzigmal. Damit meint er: Vergebung hat keine Grenze. Wir sollen immer wieder neu bereit sein, einander zu verzeihen. Wer sich gestritten hat, sollte einander die Hand reichen.
Der Rucksack meines Lebens
Wenn ich heute als junge Frau weitergehe, trage ich immer noch einen Rucksack. Er ist nicht leicht, aber er ist inzwischen gefüllt mit vielen Gnaden: mit Schätzen des Himmels, mit Momenten mit dem Herrn, mit Begegnungen mit seiner Mutter Maria und mit dem heiligen Josef, ihrem treuen Bräutigam. Die Heilige Messe ist für mich zu einer echten Gnadenquelle geworden.
Ich fühle mich nicht mehr allein. Denn ich darf jederzeit die helfende Schar der Engel, meinen Schutzengel und unsere wunderbaren Freunde – die Heiligen im Himmel – um Unterstützung bitten.