Samuel und Kirill von der Credo-Redaktion unterwegs in der Augsburger Innenstadt mit der Frage: „Was ist ein einer Familie unverzeihlich?”.
Thema · Straßenumfrage zum Thema „vergeben und verzeihen“
Was ist einer Familie unverzeihlich?
von Samuel Bittner · 12.02.2026
Man muss nicht nur auf die großen Konflikte der Weltpolitik blicken. Schon im engsten Kreis, in der eigenen Familie, erfahren Menschen Zerbruch und Leid. In unserer Umfrage nannten viele der Befragten zunächst erwartbare Antworten auf die Frage, was sie in einer Familie oder Beziehung als unverzeihlich empfinden: Stehlen, Lügen, Verrat – klassische moralische Grenzüberschreitungen, wie man sie bei einer solchen Frage vermuten würde.
Besonders berührend war die Begegnung mit einer älteren Frau, die uns freundlich auf der Straße ansprach und wissen wollte, was wir genau tun. Im Gespräch erzählte sie, dass sie seit vielen Jahren allein lebt und früher von ihrem Mann geschlagen wurde. Diese Offenheit hat uns sehr bewegt. Auf die Frage, was hätte geschehen müssen, damit sie ihrem Mann vergeben könne, wusste sie aber keine Antwort.
Ein orthodoxer Christ brachte in seiner Antwort die Spannung zum Ausdruck, mit der wir es als Christen zu tun haben: den klaren Ruf zur Vergebung – und zugleich die Erfahrung, dass Vergebung, wenn man ehrlich ist, alles andere als leicht ist. Auch insgesamt zeigten die Reaktionen auf die Frage, was geschehen müsse, damit man vergeben könne, wie herausfordernd dieses Thema ist. Die Spannbreite reichte von einem resignierten „Ich glaube nicht, dass ich vergeben kann“ bis hin zu einem vorsichtig optimistischen „Wenn sie sich ehrlich entschuldigen“.
Überraschend war schließlich die Antwort eines katholischen Religionslehrers, den wir als Letzten befragten und der unserer Umfrage gewissermaßen ein Schlusswort gab. Als Einziger betonte er, dass es nichts gebe, was unverzeihlich sei. Er zeigte sich überzeugt, dass durch Kommunikation und bedingungslose Annahme viele Konflikte – gerade in der Familie – gelöst werden können. Diese Bedingungslosigkeit, so seine Überzeugung, sei besonders im engsten Kreis gefragt.
Auffällig war zudem, dass einige Passanten sich zunächst bereit erklärten, an der Umfrage teilzunehmen. Als wir jedoch erwähnten, dass wir für die katholische Kirche arbeiten, entschieden sich manche dagegen. Für andere wiederum war das Thema Vergebung schlicht überraschend – vielleicht, weil viele spürten, wie persönlich dieses Thema ist. Vergebung berührt das Innerste des Menschen. Und vielleicht verdrängt man solche Fragen lieber, als sich ihnen wirklich zu stellen.