Gemeinsam mit Markus Weiland, Diplomtheologe und Bibelreferent im Bistum Augsburg, haben wir anhand konkreter Geschichten aus der Heiligen Schrift fünf Aspekte herausgearbeitet, die uns in unseren persönlichen Alltag helfen können.
Wer sehnt sich nicht nach einer Welt, in der alle Menschen in Frieden und Harmonie zusammenleben? Ohne Krieg, ohne Streit – eine Welt, in der einfach alles gut ist. Mit dem Bild vom Garten Eden erzählt die Bibel, dass ein solcher Zustand am Anfang tatsächlich Realität war. Doch mit der bewussten Entscheidung des Menschen, Gott zu misstrauen, wird sichtbar, wie das Böse das menschliche Herz wie ein Virus befällt. Seitdem ringt der Mensch darum, mit den Folgen dieses Dramas umzugehen
No. 1
Vergebung braucht Einsicht (Gen 25–33)
Diese Verführbarkeit des Menschen wird schon zu Beginn des Alten Testamentes in der Geschichte von Jakob und Esau besonders deutlich. Jakob erlangt durch Täuschung den Erstgeburtssegen seines Vaters – einen Segen, der ihm eine Führungsrolle im patriarchalen Familiensystem sichert. Sein Bruder Esau, dem dieser Segen eigentlich zugestanden hätte, fühlt sich zutiefst hintergangen. Fast zwanzig Jahre lang haben die beiden keinen Kontakt.
Schließlich kommt es zum entscheidenden Wiedersehen am Fluss Jabbok. Mit Geschenken und respektvollem Auftreten versucht Jakob, das Wohlwollen Esaus zu gewinnen. Esau erkennt Jakobs Reue. Statt Vergeltung folgen Kuss und Umarmung. Die Geschichte macht deutlich: Wer Verantwortung für eigenes Fehlverhalten übernimmt, dem kann ein Neuanfang geschenkt werden.
No. 2
Vergebung braucht Zeit (Gen 37–45)
Auch die Geschichte von Jakobs Sohn Josef und seinen Brüdern wenige Kapitel später ist dramatisch und emotional. Weil Josef der Lieblingssohn seines Vaters ist und dies auch offen nach außen trägt, werfen ihn seine Brüder in eine Zisterne und verkaufen ihn schließlich sogar in die Sklaverei. Obwohl Josef zahlreiche Krisen durchlebt und zeitweise im Gefängnis sitzt, gelingt es ihm durch seine treffenden Vorhersagen über die kommende Hungersnot, zum zweitmächtigsten Mann Ägyptens aufzusteigen.
Als seine Brüder wegen der Hungersnot nach Ägypten kommen, vergibt er nicht vorschnell. Er prüft, ob sie noch dieselben sind wie damals. Gleichzeitig hilft ihm ein neuer Blick auf das erfahrene Unrecht, die Vergangenheit ruhen zu lassen: „Ihr hattet Böses im Sinn, aber Gott hat Gutes bewirkt, um das zu erreichen, was heute geschieht: viele am Leben zu erhalten (Gen 50,20).“ Zeit heilt sicherlich nicht einfach alle Wunden, doch zeitlicher Abstand und eine sinngebende Perspektive können den Weg zur Vergebung öffnen
No. 3
Vergebung ist etwas Übernatürliches (Lk 15,11–24)
Vergebung ist nicht einfach, sondern etwas zutiefst Übernatürliches, ja Göttliches. Wie groß die Vergebungsbereitschaft Gottes gegenüber den Menschen ist, erklärt Jesus im Neuen Testament in einer seiner zentralen Bildreden, dem Gleichnis vom verlorenen Sohn. Mit der Geschichte von einem Vater, der seinen Sohn, der sein ganzes Erbe verschleudert hat, wieder willkommen heißt, zeigt Jesus, wie radikal der Vater im Himmel die Menschen in ihrer Fehlbarkeit annimmt und liebt.
Das Verhalten des Sohnes mindert die Liebe des Vaters nicht. Im Gegenteil: Gerade darin kommt sie zum Ausdruck.
Diese Liebe zu den Menschen ist auch die Motivation Jesu, später den Kreuzweg zu gehen, um Gott und Mensch wieder zu vereinen und die Menschen von ihrer Schuld zu befreien.
No. 4
Vergebung erzeugt Widerstand (Lk 15,25–32)
Interessanterweise erfährt der ältere Sohn im Gleichnis bei genauerem Lesen nichts von der reuigen Haltung seines Bruders. Als er aber mit eigenen Augen sieht, dass der Vater eine Party für seinen Bruder schmeißt, wird er wütend und will nicht in das Haus hineingehen. Dieser Widerstand gegen Vergebung ist nachvollziehbar, wenn die Übernahme von Verantwortung durch den Schuldigen scheinbar fehlt. Vergebung bedeutet nicht „Schwamm drüber, es war alles nicht so schlimm”.
Der Vater begegnet dem Zorn seines Sohnes jedoch nicht mit Härte, sondern mit Sanftmut. Er bittet den älteren Sohn, nicht das Verhalten in den Vordergrund zu stellen, sondern die Person. Auch heute noch kann das Reden Gottes in unser Herz hinein uns die Kraft schenken, unseren Mitmenschen zu vergeben.
No. 5
Vergebung ist eine Entscheidung (Lk 23,26–43)
Springen wir noch einmal zurück zur Szenerie des Kreuzwegs. Besonders eindrucksvoll ist, dass Jesus am Kreuz den Vater bittet, den Menschen zu vergeben, die ihm solch entsetzliches Leid zugefügt haben: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34). Als außerdem ein mit ihm gekreuzigter Mann ihn lediglich darum ersucht, an ihn zu denken, wenn er in sein Reich kommt, verspricht er ihm das ewige Leben.
Inmitten aller Emotionen trifft Jesus eine bewusste, ja übernatürliche Entscheidung. Das Unrecht wird dadurch nicht einfach weggewischt, sondern von ihm selbst getragen. An dieser Liebe können wir uns auch heute noch ein Beispiel nehmen.