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Mission is Possible

Otto Neubauer ist Theologe, Leiter der Akademie für Dialog und Evangelisation in Wien und Sprecher beim Kongress Mission:is:Possible, der am 19. und 20. Juni 2026 in Augsburg stattfindet. Wir wollten von ihm wissen, wozu es heute Mission braucht und wie sie heute möglich ist.

von Raphael Schadt · 15.05.2026

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Raphael Schadt im Gespräch mit Otto Neubauer.

Credo: Herr Neubauer, Sie sind Autor des Buchtitels „Mission Possible”. Da klingt natürlich der Blockbuster mit Tom Cruise Mission IMpossible an. Ist der Titel als Widerrede gegen eine Resignation zu verstehen?

Neubauer: Bei Mission Impossible geht es ja darum, durch Tricks und Geheimwege das Unmögliche zu erreichen. Mission Possible dagegen meint im Grunde, dass die Botschaft nicht nur für Fortgeschrittene, besonders Fromme oder Konservative etc. ist, sondern jeden erreichen kann und dass Mission für jeden möglich ist. Ich finde den biblischen Satz stark: Alle Zöllner und Sünder kamen zu Jesus. Alle, also das Volk. Es begreift spontan: Ja, diese Botschaft brauche ich, die sättigt meine Seele. Insofern der Kontrapunkt zu Mission Impossible. 

Credo: Warum funktioniert Verkündigung in Europa dann so schleppend?

Neubauer: Die Geschichte einer zu übermoralisierenden erzieherischen Religion in Europa hat Spuren hinterlassen. Moral allein, obgleich unbestritten wichtig und gut, rettet nicht. Paulus sagt: „Das Gesetz rettet nicht. Die Gnade rettet.” „Weißt du nicht, dass die Güte Gottes dich zur Umkehr treibt?” Die Freude über die Erfahrung der Güte Gottes verwandelt. Moral, ob strenger oder liberaler, ist nicht die Frage, sondern vielmehr: Kann man Gott begegnen und wenn ja, wie?

Credo: Heutzutage bringen Unternehmen ihre „Vision und Mission” in einem Satz formuliert auf Social Media. Welchen Satz würden Sie für die Mission der Kirche formulieren?

Neubauer: Die eigentliche Revolution ist, dass Gott, dass Jesus gekommen ist, damit wir Freunde bzw. Geschwister werden und es Nähe gibt. Denn Freundschaft ist etwas persönliches und schafft gleichzeitig eine Kultur. Wenn man eine gastfreundliche Familie hat, strahlt das aus in die Gesellschaft. Das Ziel der Mission ist, wie das Zweite Vatikanische Konzil sagt, dass die ganze Menschheitsfamilie heim kommt zur Familie Gottes. 

Credo: Sie sind selbst sehr aktiv in verschiedensten Formen von Evangelisierung. Welches ist die Top-Fünf der Evangelisationskiller?

Neubauer: Der Blick der Verurteilung des anderen: Schubladisierung. Damit versperre ich das Herz. Zweitens den anderen verändern oder bekehren zu wollen. Mutter Theresa sagte einmal mal: „Ich dachte, dass ich die anderen bekehren soll. Dann verstand ich, dass ich zuerst lieben soll. Die Liebe bekehrt, wen sie will.” Das klingt schön, ist aber sehr konkret. Ein wichtiger Lernprozess für mich. Nichts vom anderen zu wollen und frei zu schenken.

Ein weiterer Killer ist, auf andere herabzuschauen. Papst Franziskus sagt: Wir können nicht vom Balkon herunter evangelisieren. Im Philipperhymnus heißt es: Er, der Gott gleich war, hat sich entäußert und ist ein Sklave und ein Mensch geworden, so wie wir. Also nicht einmal „auf Augenhöhe” wie wir oft sagen. Jesus hat die Füße gewaschen und schaut damit sogar auf den anderen hoch. Paulus sagt: „Ich schätze den anderen höher ein als mich selbst.” Innerlich auf die anderen herabschauen ist ein no-go. Jetzt werden viele denken: Das mache ich nicht. Ich gestehe, dass ich das viel zu oft gemacht habe.

Ein Killer schlechthin ist, wenn Großartiges, mit viel Einsatz passiert, aber ohne Liebe. Ich freue mich z.B. wenn tatsächlich Heilungen geschenkt werden, aber selbst das ist nicht das Entscheidende, sondern die Größe der Liebe Gottes konkret werden zu lassen. Wer nicht liebt, liegt weit daneben. Bei Hochzeiten hören wir oft den Korintherhymnus: Wenn ich alle Sprachen reden könnte und Glauben besäße, der Berge versetzt, hätte aber die Liebe nicht, ist es Blech!” (vgl. 1 Kor 13) Das ist radikal!

Und noch eines: Zuhören. Zuhören, bis ich den Schatz im anderen entdecke. Denn jeder Mensch trägt einen Schatz, einen Samen in sich und jeder ist berufen, Kind Gottes zu sein. Das zu entdecken ist wichtig. Deswegen scheint mir eine der schönsten Formen der Mission, die Gastfreundschaft zu sein. Jesus hat einfach die eingeladen, die es vor allem gebraucht haben und durften erfahren, dass sie von Gott gesehen sind bzw. dass auch sie Schätze sind.

Credo: Daher auch der Erfolg der Alphakurse.

Neubauer: Ich habe viele Abendessen mit Kardinal Schönborn erlebt mit Menschen, die nichts mit der Kirche zu tun haben, etwa aus der Kulturwelt etc.. Und mich hat immer wieder fasziniert, wie viel der Kardinal zuhörte und wie wenig er sprach. Er ging dann meistens etwas früher. Ich blieb noch etwas und die Gäste sagten dann oft: „Boah. Wahnsinn. Unglaublich, der ist so beeindruckend.” Ich dachte: Was hat er überhaupt erzählt? Er hörte zu und nahm sie ernst. 

Credo: Welche Rolle spielt Dialog?

Neubauer: Wir haben bei Evangelisierung in Pfarreien immer wieder die Frage gestellt: Wo würde Jesus heute hingehen? Zunächst eher als Spiel, aber dann merkten wir, das ist eigentlich ernst. Das Ergebnis war voller Begegnungen. Vor allem in Räumen, in denen es gut tut, sich zu begegnen: zu Hause, in Kaffeehäusern, in Bars, in Gasthäusern. Wo die Schwelle hinzugehen niedrig ist.

Allerdings haben wir Dialog dann oft quasi inszeniert, als Veranstaltungen mit Menschen, die unterschiedlicher Meinung sind. Schließlich kamen wir drauf: Wir erwarten einen Dialog, in dem WIR sagen, wo es langgeht. Wir geben Zeugnis und die anderen können reagieren. Und wenn sie dagegen waren, waren wir beleidigt. Aber das ist ja kein Dialog. Dialog bedeutet echten Austausch, aushalten zu können, dass der andere vielleicht eine andere Meinung hat bzw. einen anderen Zugang hat. Die Wahrheit wirkt für sich selber, wenn es stimmt, wenn es gut ist. Ich muss nicht gewinnen.

Papst Leo sagte kürzlich: Wenn wir nicht in den Dialog gehen, sondern in unserer Bubble, in unserem Spiegelsaal bleiben und keinen Dialog mehr führen, sehen wir am Ende nur noch uns bzw. unsere Gruppe. So werden die anderen langsam zur Bedrohung. Nicht, weil sie tatsächlich eine wären – auch wenn das nicht gänzlich ausgeschlossen ist – sondern weil sie mir mit ihrer Lebensweise und ihrem Denken immer fremder werden.

Credo: Vielen Dank für das Gespräch.

 

Der Kongress Mission:is:possible findet am 19. und 20. Juni findet im Augsburger Kongresszentrum statt mit Sprechern wie Bischof Bertram Meier, Bischof Stefan Oster, Johannes Hartl, Otto Neubauer und Reinfried Rimmel. Herzliche Einladung dazu. Hier gehts zur Anmeldung.