Raphael Schadt im Credo Talk mit Diakon Michael Wielath.
Thema · Credo Talk mit Diakon Michael Wielath
Ein langer Weg der Versöhnung nach dem Völkermord in Ruanda
von Raphael Schadt · 13.02.2026
Credo: Vor wenigen Jahren hat Radio Maria in Kibeho in Rwanda eine Ableger gegründet und morgen fliegst du wieder dort hin. Was ist das Besondere an diesem Ort?
Diakon Michael Wielath: Ruanda ist das Herz von Afrika, es liegt schon geographisch in der Mitte. Viele denken bei Ruanda erst einmal an den Genozid von 1994. Aber Kibeho z.B. ist der einzige anerkannte Marienerscheinugnsort auf dem afrikanischen Kontinent. Maria hat sich dort von 1981-89 drei jungen Frauen als die Mutter des Wortes offenbart und eine Warnung ausgesprochen, dass sich ein furchtbares Morden ereignen würde, wenn die Menschen nicht umkehren.
Credo: Das Morden griff dann 1994 um sich. Was ist damals passiert und warum?
Wielath: Die Ursachen zu nennen ist schwierig. Die Spannungen waren nicht religiöser, sondern eher politischer Natur, letztlich war es aber eine Stammesfrage. In Ruanda gibt es vor allem zwei große Stämme: Die Hutu und Tutsi. Die Tutsi waren in der Minderheit und grundsätzlich privilegierter, wohlhabender und an der Regierung. Es wurde gezielt Hass geschürt, die Bevölkerung aufgebracht und schließlich der unerklärliche und grausame Völkermord planvoll und organisiert durchgeführt.
Credo: Europa war auch nicht ganz unschuldig?
Wielath: Ja. Ruanda war bis vor dem ersten Weltkrieg ein deutsches Protektorat und wurde danach an Belgien abgegeben. Die Stämme zu spalten und gegeneinander aufzubringen, war ein Mittel sie zu beherrschen. Ohne dieses wäre die Kolonisation sicherlich nicht so möglich gewesen. Daher finde ich, tragen wir mit Schuld.
Credo: In Südafrika gab es nach der Apartheid in den 90er Jahren eine Politik der Versöhnung. Gab es so etwas auch in Ruanda?
Wielath: Wir sind mitten drin. Seit ein paar Jahren kommen die Täter, die vor 30 Jahren verhaftet wurden, frei. Bisher ist der Genozid kaum aufgearbeitet. Ein Beispiel: Eine Bekannte von mir, hat als Vierjährige überlebte, weil der Mörder kam, als alle noch im Bett schliefen. Bei ihr schlug er daneben und hielt sie für tot. Nun ist der Mörder aber ihr Nachbar und kommt jetzt aus dem Gefängnis frei. Das ist eine riesige Herausforderung.
Kirchen und Ordensgemeinschaften suchen Wege der Versöhnung inmitten dieser schmerzhaften Begegnungen. Wenn ein Täter freikommt, wird er gefragt, ob er den Weg der Versöhnung gehen möchte. Ebenso werden die Überlebenden der Familien, die er ermordet hat, oder Überlebende, die selbst noch von ihm gequält wurden, gefragt, ob auch sie diesen Weg gehen wollen. Getrennt voneinander werden sie drei Monate lang auf eine erste Begegnung vorbereitet. Das sind intensive Gespräche: Es gilt genau anzuschauen, wem was zugefügt wurde. Vieles wird ja verschwiegen, nicht einmal, um es verdeckt zu halten, sonder schon um den Schmerz nicht erneut zu erleben. Am Ende dieser Zeit findet in einem betreuten, geschützten Rahmen eine Zusammenführung statt, bei der gegenseitige Vergebung ausgesprochen wird.
Für diese Arbeit baut die Kirche Versöhnungszentren, wo Menschen aufeinander zugeführt werden. Wo ihnen bewusst gemacht wird, auf welcher Grundlage diese Versöhnung stattfinden kann: Ein wichtiges Fundament dafür ist unser Glaube: Die Würde des Menschen, auch die Würde, die wir durch die Taufe empfangen.
Aber auch diese Begegnungen sind erst ein Anfang. Im Alltag muss das beständig wiederholt werden. An Jahrestagen des Genozids, an Geburtstagen Verstorbener etc. kommt oft der Schmerz wieder hoch und man muss erneut vergeben. Aber mit der ersten Vergebung beginnt ein Heilungsprozess.
Credo: Wie geht es weiter?
Wielath: Ich kenne zum Beispiel eine Kirchengemeinde, da entsteht ein neues Miteinander: Dort kehren aktuell 40 Straftäter zurück. Nach über 30 Jahren Gefangenschaft haben sie nichts: Keine Arbeit, kein Geld, keine Krankenversicherung. Die Gemeinde sammelt für diese Menschen: für eine Krankenversicherung, eine Ziege und einen Sack Reis. Damit kann man überleben.
Das ist ein gemeinsamer, aber auch ein schwieriger Weg. Denn immer wieder kommt der Schmerz hoch und man muss wie gesagt beständig Schritte gehen. Es ist auch ein Weg, sich sagen zu lassen: „Du darfst jetzt wieder Heil werden.” Und das dauert ein Leben lang.
Credo: Welche Rolle spielt Radio für das Land?
Wielath: Also Fernsehen, Zeitung etc. gibt es kaum. In Ruanda ist das Radio Informationsquelle Nummer eins. Auch auf dem Land hören alle übers Handy oder kleine Radios, die oft über Solarzellen aufgeladen werden. Deswegen ist auch Radio Maria dort eine wichtige Stimme, eine Stimme des Friedens: Radio Maria – Voice of Peace. Wir senden dort ähnlich wie in Deutschland Liturgie, Katechismus und Bildung. Vorträge zu Spiritualität, aber auch Praktisches, Landwirtschaftliches: ”Wie halte ich erfolgreich ein Schwein, ohne dass es stirbt.” Das sind dort überlebensnotwendige Fragen. Schließlich beteiligt sich Radio Marie auch am Versöhnungsprozess im Land.