Thema · Bibelgraffiti an der Kirchenmauer in Kempten
Aus Stein wird Herz, aus Zecke Ezechiel
von Sonja Heider · 06.05.2026
Eine Idee für die Kirchenmauer
Auf der sehr langen Mauer um St. Anton in Kempten haben sich über die Jahre einige Graffitis angesammelt. Das größte unter ihnen war das Wort „Zecke“ und mit zwei Metern Höhe und vier Metern Breite weithin sichtbar. Ein Wort, welches in rechtsextremen Kreisen als Beleidigung verwendet wird. Meine Freundin Catharina ärgerte sich sehr über die Graffitis, sprach immer wieder davon sie entfernen zu wollen. Mir fielen sie gar nicht mehr so stark auf. Die Überlegungen zur Entfernung schienen mir auch alle etwas aufwändig für den Erfolg einer kurzfristig graffitifreien Mauer.
Tatsächlich gab es ja auch bereits zu diesem Zeitpunkt ein kleineres gewolltes Graffiti an einer Tür in der Kirchmauer mit dem Heiligen Geist in Form der Taube. Also warum nicht auch bei der „Zecke“ etwas schöneres, christliches drübersprayen. Ich recherchierte und kam zu der Idee aus „Zecke“ könne man relativ gut „Ezechiel“ machen. Kaum war die Idee einmal ausgesprochen, sagte mir die erste Person: „Nein, das wird nicht gehen“.
Mit Gott am Wirken
Ich hatte die Sache daher mehrere Monate nicht weiterverfolgt. Irgendwann erzählte ich dem Mesner Johannes von dieser Idee. Statt aber einfach nur über die Anekdote zu schmunzeln, ermutigte er mich sie wieder aufzunehmen. So begann ich eine konkrete Bibelstelle für eine Skizze und einen Sprayer zu suchen.
Der Bibelvers in dem Gott spricht, dass er uns ein neues Herz geben möchte, sprach mich besonders an. Wenige Minuten später zog ich genau diese Bibelstelle aus einem großen Korb diverser Bibelverse. Einige Tage später am Palmsonntag stellte mir meine Freundin eine Graffitiflasche vor die Nase. Ich erklärte, dass ich bereits eine Bibelstelle hätte und sie sagte, sie hätte auch eine: Ezechiel, die mit dem neuen Herz.
Allerdings fehlte mir immer noch jemand der Erfahrungen mit dem Sprayen hatte. Da mischte sich ein guter Freund von uns Shreyas in das Gespräch mit ein und meinte, er könne sich vorstellen die gezeigte Skizze zu sprayen. So machten wir uns bereits Dienstag nach Ostern ans Werk und haben erstmal Schablonen geschnitten, dann gesprayt, mit der Polizei alles abgeklärt, weiter gesprayt, eine lange Pause gemacht und am Samstag alles fertig gesprayt.
Im Rückblick staune ich darüber, wie wenig ich eigentlich selbst „gemacht“ habe. Vieles hat sich einfach ergeben: zur richtigen Zeit die richtigen Menschen, dieselbe Bibelstelle unabhängig voneinander, offene Türen statt Widerstand. Es fühlte sich viel mehr an, als hätte ich bei etwas mitgearbeitet, als selbst die treibende Kraft zu sein.
Zuspruch und Gegenwind
Die Mauer von St. Anton steht an einer relativ belebten Straßen, sodass unsere Aktion natürlich Aufmerksamkeit erregte. Eine Zeit lang waren Kinder da, die Graffitsprache kennenlernen wollten. Einmal kamen auch Jugendliche und haben gefragt, ob wir ihre beiden Anfangsbuchstaben sprayen können. Gerade bei der älteren Generation fand ich den Zuspruch überraschend und es freute mich sehr, wenn sie ihr Wohlwollen dazu äußerten.
Das Gegenteilige, die Empörungen und das Nachfragen, ob es denn erlaubt sei, waren im eigentlichen Prozess etwas störend, aber im Rückblick war es genauso erfreulich zu sehen, wie viele sich unabhängig davon, ob es Gemeindemitglieder waren oder nicht, über die Kirchenmauer ereiferten.
Ein Bibelvers als Leitsatz für die Pfarrei
Ich gebe euch ein neues Herz und einen neuen Geist gebe ich in euer Inneres. Ich beseitige das Herz von Stein aus eurem Fleisch und gebe euch ein Herz von Fleisch. (Ez 23,26)
Die Worte stammen aus dem Buch Ezechiel und richten sich an das Volk Israel im Exil, welches Zerbruch und Schuld erfahren hat. Gott verheißt dort keinen bloßen Neuanfang von außen, sondern eine innere Verwandlung: Er nimmt das „Herz aus Stein“ und schenkt ein „Herz aus Fleisch“, sowie einen neuen Geist. Gemeint ist ein erneuertes, empfängliches Inneres, dass wieder fähig ist zu Beziehung und Vertrauen mit ihm und anderen Menschen. Im größeren Zusammenhang geht es um Wiederherstellung und Versöhnung zwischen Gott und seinem Volk. Nicht nur das Zerbrochene und Verletzte wird betrachtet, sondern der Mensch selbst wird von innen her neu gemacht.
Das beschriebene Geschenk vom steinernen Herz zum neuen aus Fleisch ist eine Zusage, an die wir uns auch als Pfarrei anlehnen möchten. Leben und Wirken in Gemeinschaft ist nie ganz einfach. Immer wieder geschehen Verletzungen, selbst wenn sich alle Mühe geben. Gott spricht genau da rein, dass er das Kalte, Harte und Verletzte wegnehmen möchte und ein neues, warmes und lebendiges Herz geben möchte. Inzwischen stelle ich mir regelmäßig folgende zwei Fragen: Wo in meinem Leben könnte ich „übersprayen“ statt zurückschlagen? Und wo halte ich an Kaltem fest, statt es Gott zu übergeben? Vielleicht bedeutet Vergebung genau das: nicht einfach zu übersehen was war, sondern es verwandeln zu lassen.