Bischof Dr. Stefan Oster im Credo Talk mit Raphael Schadt.
Thema · Interview mit Bischof Stefan Oster beim „Mission is possible“-Kongress
Freude an der Evangelisierung
von Raphael Schadt · 24.06.2026
Credo: Herr Bischof, bei Ihrer Antrittsrede als Bischof von Passau haben Sie gesagt: Ich träume von einer Kirche, in der die Freude lebendig ist und wo Menschen über uns Christen sagen: Wir wollen mit euch gehen, denn In euch lebt die Freude, die von Jesus kommt.” Für jemand, der sie nicht kennt: Was ist diese Freude, die von Jesus kommt?
Oster: Ich bin Salesianer und mein Ordensvater, der heilige Johannes Bosco, war ein Apostel der Freude. Einmal sagte er zu Dominikus Savio, einem seiner berühmtesten Schüler, der als junger Kerl sehr intensive asketische Übungen machte, hungerte, auf dem nackten Boden schlief usw.: „Wir lassen unsere Heiligkeit in der Fröhlichkeit bestehen.“ das ist sehr prägend für uns und für mich geworden.
Die Freude, von der wir sprechen, kommt aus der persönlichen Christusfreundschaft, aus der beständig gepflegten Verbindung mit ihm. Das hat mit Schweigen zu tun. Wenn wir ihm das offene Herz hinhalten, formt das nach und nach in leiser Grundierung das Herz hinein in den Frieden und in die Freude. Das ist das Geheimnis, das uns Christen auszeichnen sollte.
Credo: Das nehme ich mal für uns Gläubige als Auftrag zur Selbstevangelisierung. Aber selbst für katholisch sozialisierte junge Leute droht das eine Floskel zu bleiben. Kann man diese Freude überhaupt verbal vermitteln?
Oster: Schwierige Frage. Ich erinnere mich an ein Wort von Joseph Ratzinger, der einmal, nachdem die Messe in die Sprache des Volkes übersetzt war, sagte: „Die Messe in die Sprache des Volkes hineinzuübersetzen ist nicht so die Schwierigkeit. Die große Schwierigkeit ist die Übersetzung ins Geheimnis.“ Und das, wovon wir jetzt reden, hat etwas mit der Übersetzung ins Geheimnis zu tun. Dies kann man nicht so einfach machen.
Wir können versuchen, Räume zu öffnen. Bzw. selbst für den anderen ein Raum sein, sich anbieten, den Herrn anbieten, in einer bescheidenen Weise, unaufdringlich, ohne überzustülpen.
Ich habe neulich eine Frau auf einer Veranstaltung getroffen, in der Gegenwart eines anderen Mannes, ein frommer Mesner in Niederbayern. Die Frau sagte zu mir: „Stellen Sie sich vor, ich habe mich bekehrt, weil ich diesen Herrn beim Kloputzen erlebt habe. Er war dabei so froh und sang dabei. Und ich dachte, das will ich auch!” Sie fragte ihn, wieso er bei einer so besch***enen Tätigkeit wie dem Kloputzen singt. Er fing an, von Christus und seinem Glauben zu erzählen. Sie fand Zugang zum Glauben und sagt: „Manchmal, wenn ich das Klo putze, fange ich jetzt auch an zu singen.“
Jesus sagt so oft: „Fürchtet euch nicht, habt keine Angst, ich bin es.” Eine Grunddimension unseres unerlösten Lebens ist die Angst. Gemeint ist nicht die berechtigte Angst, etwa wenn große Gefahr droht. Aber wir leben ja auch in vielen anderen Ängsten: Sind wir genug versorgt? Bleibe ich gesund? Ängste, die mich in meiner Freiheit beschränken. der aber Herr nimmt die Angst.
Die Frage ist: Kann ich innerlich jetzt schon in eine Erfahrung kommen, die sagt: „Ich bin zu Hause und im Grunde kann mir nichts passieren?“ Wie die Geschichte, die man von Johannes Paul II. erzählt. Als sein Körper gewissermaßen kollabierte und er starb, schaute die Welt gespannt zu und seine letzten Worte waren: „Ich bin froh. Seid ihr es auch!” Er lebte in einer Dimension, in der er das sagen konnte. Das ist schon in dieser Welt möglich.
Credo: Sie haben gestern Søren Kierkegaard zitiert: „Wäre ich nicht zugrunde gegangen, wäre ich zugrunde gegangen.” Im Sinne von: Der Angst auf den Grund gehen. Er spricht da für sich als Individuum. Lässt sich das übertragen auf eine Gruppe oder auf die Kirche als Gesamtes? Muss die Kirche zugrunde gehen?
Oster: Also tatsächlich ist das eine Frage. Ich war kürzlich in Malawi – einem der ärmsten Länder der Welt. Der Staat ist marode: Infrastruktur, Energieversorgung, Politik, Korruption und erbärmliche Umstände … Eigentlich haben sie keine Hoffnung. Gleichzeitig erleben wir bei der Messfeier, im Gesang, im sich Bewegen eine große Freude des Glaubens. Der Glaube ist der letzte Halt. Die Freude an Gott und an der Präsenz Jesu unter all diesen miesen Umständen, hält sie am Leben.
Als Westler aus einer reichen Kirche kommt man dann mit dem Gestus der Überlegenheit, mit dem, was man alles hat: Strukturen, Personal, Geld usw. … Aber plötzlich spürt man, wie sehr sich die Menschen dort um die Inhalte des Glaubens bemühen und wie viel besser sie es organisiert bekommen als wir. Menschen in den Glauben zu führen, da sind wir am hilflosesten. Sie haben nichts von all dem und trotzdem ist dort ganz viel Glauben da. Und wir kommen mit all unseren Möglichkeiten und spüren, wie uns darunter der Glaube verdunstet. Mehrmals kam mir das Wort Jesu: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher ins Reich Gottes.” Lieber Herr Jesus, gilt das auch für Kirchen? Dort sind die Menschen innerlich zu Hause. Das hat mich zutiefst beschäftigt.
Credo: Kann dieser Weg der Freude der Evangelisierung großkirchlich gelingen, oder nur in kleinen Gruppen?
Oster: In der Kirchengeschichte ging es immer eher von Einzelnen aus als von Gruppen. Von Einzelnen verbreitet es sich dann hoffentlich in Gruppen. Die großen Liebenden unserer Kirche hatten auch einen großen „Liebesradius”. Die Jungs, die zu Don Bosco gingen, als er sein Oratorium eröffnete, sagten ja nicht: „Wir gehen nach Turin, in die Wallstraße zehn, da gibt es ein Institut”, sondern sie sagten: „Wir gehen zu Don Bosco”. Das heißt, er hat mit seiner Herzensöffnung den ganzen Raum erfüllt. Und der war auch noch da, wenn er nicht da war. Die Jungs haben sich wohlgefühlt in dieser geistlich geprägten Atmosphäre und in der Nähe von freudigen Menschen. Wenn man sich darauf einlässt, wird man selbst ein freudiger Mensch.
Credo: Sie haben gestern von der Freude des Evangeliums gesprochen und dabei Johannes 15 zitiert: „Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist.” Wenige Verse später hießt es: „Wenn die Welt euch hasst, dann wisst, dass sie mich schon vor euch gehasst hat.” Auch in den Seligpreisungen ist “selig, wer um der Gerechtigkeit willen verfolgt wird (Mt 5,10).“ Also eine Freude im Angesicht von hartem Konflikt.
Oster: Das heißt nicht, dass wir den Konflikt suchen sollen, um froh zu werden. Das wäre eine Pervertierung des Gedankens. Aber wenn Sie zum Beispiel an den Pfingsthymnus denken, da singt die Kirche:,“ in der Arbeit schenkst du ruh, hauchst in Hitze Kühlung zu, spendest Trost in Leid und Not.“ Mitten darin. Die Christen kennen das Geheimnis, dass wenn es echt schwierig wird, Friede und Freude trotzdem bleiben können.
Ist es nicht so, dass man nach intensivem Sport, bei dem man sich selbst überwunden hat, nach Hause kommt und so eine Art wohlige Erschöpfung spürt? Wenn ich im geistlichen Leben etwa Menschenfurcht habe und sie überwinde, dann spüre ich: das war jetzt richtig. Ich komme in den Frieden, obwohl mich Menschen jetzt vielleicht für einen Idioten halten. Das ist, glaube ich die Spur, die man im geistlichen Leben finden kann, die in eine echte Freudenerfahrung führen kann.