Thema · Vergebung in einer Freundschaft
Wie die Frage „Verzeihst du mir?“ alles verändert hat
von Franziska Mertens · 05.03.2026
„Verzeihst du mir?“ – diese Frage habe ich, soweit ich mich erinnern kann, erst einmal gestellt bekommen.
Unstimmigkeit beim Skifahren
Eine Freundin und ich waren gemeinsam Skifahren. Doch es lief nicht alles nach Plan: Wir hatten unsere Stöcke vergessen, mussten lange anstehen, um neue auszuleihen, und dann kam sie kaum in die Skier hinein. Für ihr zweites Mal auf Skiern war die Piste außerdem ziemlich steil, und sie traute sich lange nicht hinunter. Schließlich sagte sie, sie wolle es für heute lassen – obwohl es erst 11 Uhr war und wir eine Tageskarte hatten. Ich muss ehrlich sagen: Ein bisschen genervt war ich schon.
Nach einer Weile probierte sie es auf einer anderen, leichteren Piste noch einmal, während ich in der Zwischenzeit ein paar Abfahrten allein machte. Etwa eine halbe Stunde später trafen wir uns wieder. Bei ihr lief es nun besser, worüber ich mich sehr freute. Trotzdem war die Stimmung zwischen uns noch etwas verhalten. Dann fragte sie plötzlich: „Verzeihst du mir?“
Die Bitte um Vergebung war entscheidend
Diese Frage hat mich überrascht und tief berührt. Ich hatte sie nicht erwartet – und doch war sie genau das, was es gebraucht hat. In diesem Moment habe ich mehrere Dinge gespürt:
Erstens, dass es ihr wirklich leidtat.
Zweitens, dass ihr bewusst war, dass ihr Verhalten unsere Beziehung beeinflusst hatte.
Drittens, dass ihre Frage von Herzen kam und nicht nur dahingesagt war.
Und viertens wurde mir klar, dass mich die Situation mehr geärgert hatte, als ich mir eingestehen wollte.
Mit großer Freude konnte ich antworten: „Ja, ich verzeihe dir.“ Ich fand es mutig von ihr, nicht nur „Es tut mir leid“ zu sagen, sondern konkret um Vergebung zu bitten. Darin liegt ein Unterschied. Wer fragt „Verzeihst du mir?“, macht sich verletzlich. In dieser Frage steckt die echte Bitte um Versöhnung. Natürlich war es kein großer Streit und keine tiefe Verletzung. Aber etwas stand zwischen uns. Und es brauchte diesen Schritt, damit es wieder leicht werden konnte.
Vergebung befreit
Mir ist dadurch neu bewusst geworden, wie befreiend Vergebung ist. Wenn wir nicht vergeben oder nicht um Verzeihung bitten, obwohl wir wissen, dass wir etwas falsch gemacht haben, fühlt es sich an wie ein Elefant im Raum. Jeder spürt ihn – aber niemand spricht ihn an.
Vergebung bedeutet für mich, anzuerkennen, dass etwas nicht gut gelaufen ist. Es heißt, Fehler beim Namen zu nennen – und sich dann bewusst zu entscheiden, weiterzugehen. Weder die Beziehung noch sich selbst über diesen Fehler zu definieren. Oft ärgere ich mich auch über mich selbst: über falsche Reaktionen, über Schwächen oder über Situationen, in denen ich wieder „gefallen“ bin. In letzter Zeit lerne ich, dass ich nicht nur Gott um Verzeihung bitten darf, sondern auch lernen muss, mich selbst anzunehmen. Meine Schwächen gehören zu mir. Ich bin nicht perfekt – und das ist in Ordnung.
Sich in der eigenen Schwäche anzunehmen, hat viel mit Selbstannahme zu tun. Sie ist die Grundlage für das, was Jesus sagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (Mk 12,31). In der Bibel wird deutlich, dass Selbstliebe kein Egoismus ist, sondern die Voraussetzung dafür, andere wirklich lieben zu können. Vielleicht beginnt echte Versöhnung daher nicht nur mit den Worten „Verzeihst du mir?“, sondern auch mit der bewussten Entscheidung: „Ich nehme mich selbst an.“