Wenn ich über das Wort Vergebung und seinen Gebrauch im Alltag nachdenke, stelle ich fest, dass ich es tatsächlich nur selten höre. Zwar beten wir in der Kirche bei jedem Vaterunser: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Doch wie wird Vergebung in unserem Leben konkret? Für mich bedeutet Vergebung, sich bewusst auf einen Prozess einzulassen, der immer mit Handeln verbunden ist. Das heißt, wir müssen unsere passive – und vielleicht auch bequeme – Haltung aufgeben.
Wie kann Vergebung stattfinden?
Dazu möchte ich von einer Erfahrung berichten. Ich war nicht selbst Hauptbeteiligte, aber dem Geschehen sehr nah. Es geht um eine Beziehung zwischen zwei Personen, die schon länger zerrüttet war. Streitereien und Missgunst bestimmten den Alltag. Es war deutlich spürbar, wie sehr die Situation beide Seiten zermürbte. Die anhaltende Disharmonie wurde zu einer Bremse im eigenen Leben. Die Konflikte schaukelten sich immer weiter hoch und ein Weiterkommen oder Wachsen in der Beziehung war kaum noch möglich. Schließlich wurde die Situation so belastend, dass auch andere Beziehungen darunter litten.
Ein Prozess der Vergebung musste beginnen
Die Wende kam, als eine Person die Reißleine zog und sich bewusst und aktiv auf den Weg der Vergebung begab. Unterstützung erhielt sie dabei von verschiedenen Priestern auf Pilgerreisen. Sie setzte sich intensiv mit ihrem eigenen Leben, ihren Fehlern und den entstandenen Verletzungen auseinander. Entscheidend waren am Ende aber die eigene Buße und die Erfahrung von Gottes Barmherzigkeit. Durch Gottes Vergebung fand sie die Kraft, dem anderen Menschen zu verzeihen.
All die Anstrengungen hatten sich gelohnt
Zu einer vollständigen Versöhnung zwischen den beiden Personen kam es letztlich nicht. Dennoch veränderte sich vieles: Die Lebenseinstellung wurde spürbar positiver und die zynische Haltung dem anderen gegenüber verschwand. Was konnte ich daraus lernen? Vergebung ist nicht einfach ein beiläufiges „Es ist nicht so schlimm“. Sie ist ein ernsthafter Prozess, bei dem man sich mit dem entstandenen Schaden auseinandersetzt. Dieser Prozess kann kräftezehrend und herausfordernd sein – und zugleich sehr wertvoll. Denn Vergebung löst innere Blockaden, löst die Bremsen im Leben und ermöglicht, dass wieder etwas Neues wachsen kann.