Vor Gericht – Wegen christlicher Überzeugungen?

Credo: Was ist ADF International?

Sophia Kuby: Wir sind eine christliche Rechtsorganisation und arbeiten an Grundfreiheitsfragen und Menschenrechtsfragen. Bei uns arbeiten vor allem Juristen und Anwälte, aber ich z.B. bin Philosophin. Wir existieren, um die Tür offen zu halten für das Evangelium in der Gesellschaft und noch grundlegender, damit das Recht aufrechterhalten bleibt, die Wahrheit sagen zu dürfen und nach der Wahrheit leben zu können.Das Problem äußert sich weltweit in einem gewissen Druck, den man spürt, wenn man seine Meinung sagt – besonders in Deutschland. Das ist durch Studien belegt und zeigt sich anhand von Gesetzen. Es besteht eine Tendenz, die Meinungsfreiheit sowie die Freiheit, nach meinem Gewissen zu leben und zu handeln, einzuschränken. Auf persönlicher wie auf institutioneller Ebene. Also etwa bei der Frage: Darf ein katholisches Krankenhaus nach katholischen Prinzipien funktionieren?

Da geht es um rechtliche Fragen, die einen philosophischen und theologischen Unterbau haben: Wie möchten wir zusammenleben in der Gesellschaft? Welche Freiheiten sind unabdingbar für eine Demokratie und für eine freie und gerechte Gesellschaft? Dazu gehören gewisse Grundrechte und Grundfreiheiten, die vorpolitisch sind, die wir einfach haben, weil wir Menschen sind. Und an der Aufrechterhaltung und zum Schutz dieser Grundfreiheiten und Grundrechte arbeiten wir. Das machen wir weltweit, derzeit in circa 100 Ländern.

Credo: Das heißt, bei euch arbeiten hauptsächlich Juristen?

Kuby: Unsere Mission ist hauptsächlich rechtlicher Art. Allerdings nicht nur. Um eine Organisation aufzubauen und zu betreiben, braucht es natürlich mehr. Wir arbeiten alle zu 100 % spendenfinanziert. Wir haben den Bereich Ausbildung der nachfolgenden Generation, den ich leite. Ich schule Christen in gesellschaftlichen Verantwortungspositionen, das christliche Menschen- und Weltbild in der Arbeit und im Alltag konsequent einzubeziehen.

Credo: Kann es in Deutschland schwierig werden, sich als Christ zu bekennen?

Kuby: Wir haben in der westlichen Welt ein kulturelles Klima, das zu einem Säkularismus tendiert, der weit über Trennung von Kirche und Staat hinausgeht und zu einer Ersatzreligion wird. Ein Säkularismus, der mehr und mehr das Christentum als Menschen- und Weltbild ersetzt. 2009 gab es am Europäischen  Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) ein Urteil zur Frage der Neutralität von Kruzifixen an öffentlichen Schulen. Einer atheistischen Mutter, die forderte, dass ihr Kind nicht unterm Kruzifix lernen müsste, war zunächst Recht gegeben worden. Die letzte Instanz aber, die Große Kammer des EGMR, korrigierte und stellte klar: ein Kreuz ist legitim. Die Begründung war natürlich sehr komplex, aber der Kernsatz war: Die weiße Wand ist nicht neutral.

Dieser Säkularismus, der sich als Ersatzmenschen- und -weltbild versteht, der bildlich gesprochen das Kruzifix von der Wand nimmt und die Wand weiß lässt, ist ja nicht neutraler als das Christentum. Als Christen haben wir auch über die Kirchenmauern hinaus eine spezifische Sicht auf verschiedenste Bereiche der Gesellschaft: Finanzen, Wirtschaft, Sozialsystem, Gesundheit etc. – Perspektiven, die dem Gemeinwohl dienen. Diese zugunsten einer säkularen Perspektive zu verlassen, ist nicht neutraler. Zu sagen: „Diesen Gott, den ihr postuliert, gibt es nicht. Wir glauben, dass an dieser Stelle nichts ist.” ist ja kein neutrales Menschen- und Weltbild, sondern wird selbst zu einer – übrigens ziemlich dogmatischen – Haltung zu Grundwahrheiten.

Diese Fragen betreffen den Alltag vieler Menschen. Rechtlich ist klar: Religionsfreiheit garantiert nicht nur privaten Glauben, sondern schließt sichtbare Glaubenspraxis und gemeinschaftliche Ausübung ein. Trotzdem wird das nicht überall so gesehen. Seit 2024 müssen große Plattformen nach dem EU Digital Services Act Inhalte moderieren. Dadurch können legitime religiöse Äußerungen vorschnell entfernt werden – und es entsteht Unsicherheit: Was ist noch erlaubt?

Für Christen wird es kulturell auch deshalb enger, weil wir echte Standpunkte haben und nicht: „Jeder wie er will”. Wir sagen: „Wir haben etwas anzubieten. Wir glauben, dass das die Wahrheit ist.“ Wir wollen sie ja niemandem aufzwingen. Aber der öffentlichen Diskurs wird verengt und die Liste dessen, was zu sagen nicht mehr legitim ist, wird länger. Und das ist eine problematische Entwicklung. Deswegen ist die Meinungsfreiheit eines unserer Kernthemen.

Aktuell ist dabei die große Frage, was ist „Hassrede”? Ist das Evangelium „Hassrede”? Wir haben Fälle, wo genau das von Gerichten entschieden wurde. Und in der Konsequenz fühlen wir das alle. In Deutschland sagen derzeit weniger als die Hälfte der Menschen, dass sie ihre politische Meinung frei äußern können.

Credo: Meinungsfreiheit erodiert also in Deutschland?

Kuby: Nicht nur in Deutschland, auch international. Ein Beispiel: Die finnische Abgeordnete Päivi Räsänen hatte es gewagt, öffentlich zu fragen, ob ihre lutherische Kirche die Pride‑Parade sponsern sollte. Mit einem Bibelvers stellte sie das auf Twitter/X in Frage.

Es folgte eine Prozessgeschichte von fast sieben Jahren. Zweimal gab es Freispruch, bis sie im März 2026 der Obersten Gerichtshof dann doch verurteilte – übrigens für eine gut 20 Jahre alte Kirchenbroschüre. Man sieht, wie schnell religiöse Meinungsäußerungen unter Druck geraten – und wie leicht heute Überzeugung als angebliche Hassrede gedeutet wird. Sogar rückwirkend.

Credo: Vertretet ihr auch jemanden aus Deutschland?

Kuby: Ja, ein sehr interessanter Fall war z.B. ein Berliner Apotheker und protestantischer Christ, der aus Gewissensgründen keine Medikamente mit abtreibender Wirkung – konkret, die Pille danach – verkaufen will. Das ging vor Gericht mit der Frage: Ist es legitim, dass jemand diese Gewissensentscheidung fällt? Dahinter steht die Frage: Darf ich das persönlich glauben – niemand würde ihm ja absprechen, persönlich christliche Überzeugungen zu haben – aber dann auch danach handeln? Deswegen ist unser Mission-Statement: „Wir verteidigen die Freiheit, die eigene Überzeugung nicht nur äußern zu dürfen, sondern auch danach handeln und leben zu dürfen.” Denn darum geht es: Darf ich im Einklang mit meinem Gewissen glauben und auch danach handeln, auch im öffentlichen Bereich, im beruflichen Leben? Es betrifft genau diese öffentliche Dimension der Religions- und Gewissensfreiheit, die rechtlich geschützt ist, die aber in der Diskussion unter Beschuss steht.

Credo: Wie kann man als Individuum mit dieser Einengung sinnvoll umgehen?

Kuby: Ich glaube, eine Kernaufgabe von Christen in der Gesellschaft ist das Gemeinwohl. Als Christen dürfen wir uns nicht als eine Interessengruppe unter anderen sehen, sondern wir sind „Licht der Welt und Salz der Erde”. Das heißt, wir wirken in der Gesellschaft zum Wohl aller, auch derer, die nicht unsere Überzeugungen teilen. Wir gehen in diese Auseinandersetzung bewusst hinein und sagen: Das ist, was unsere Gesellschaft braucht. Wir müssen um die richtigen Ideen, um das Gute ringen.

Außerdem müssen wir als Christen das Missverständnis ablegen, zu glauben, es gäbe einerseits eine christliche Sicht auf die Dinge und andererseits eine „neutrale”. Solange wir uns das nicht klar machen, stehen wir mit dem Rücken zur Wand.

Wir müssen in allen Bereichen, in die wir gestellt sind, das Wohl unserer Gesellschaft suchen und dafür im Zweifel auch in die juristische Auseinandersetzung gehen. Das ist übrigens auch das Schöne an unserer rechtlichen Arbeit bei ADF, denn wenn Dinge vor Gericht gehen, gehen wir auf eine grundsätzlichere, tiefere Ebene – unabhängig von Medienstürmen oder politischen Debatten – und klären: Wie möchten wir denn zusammenleben? Was soll erlaubt sein, was nicht? Was empfinden wir als gerecht oder ungerecht? Das erreicht man vor Gericht, denn dort musst man sehr grundlegend argumentieren.

Schließlich gilt es bei Buzzwords wie „Hassrede”, nicht vorschnell zuzustimmen. Denn vielleicht braucht es genau diese Auseinandersetzung für unsere Gesellschaft. Zu oft sind wir Christen da oberflächlich und scheuen die Kontroverse. Das Ringen um das Gute, die richtige Form des Zusammenlebens, gehört zu unseren Kernaufgaben. Wenn Schlagwörter wie „Hassrede” auftauchen, müssen wir einen Schritt zurück tun und fragen: Worum geht es? Und dann geht es darum, eine nüchternere Stimme mit Distanz zu lauten Schlagzeilen etc. zu sein.

Oder das Buzzword „Polarisierung”: „Wir leben in so einer polarisierten Welt”. Ja, natürlich. Man muss nur auf Twitter X sein, um das täglich zu sehen. Das ist aber nicht das größte Problem. Das größte Problem ist, dass wir verlernt haben, etwas durchzuringen, anderer Meinung zu sein und das mit einem gemeinsamen Bekenntnis zum Guten durchzuringen. Die Lösung ist nicht zu sagen, mehr Peace and Tolerance usw. sondern, dass wir wieder lernen, unterschiedlicher Meinung zu sein und uns dabei nicht als Feinde zu betrachten. Der andere bleibt ein Mensch wie ich, mit demselben Wert, der eine andere Meinung vertritt und eine andere Vision fürs Gute hat.

Credo: Wie siehst du die Entwicklung international. Dreht sich der Wind zum Guten oder siehst du schwarz für die Zukunft?

Kuby: Wir sind Menschen, die mit Hoffnung leben. Aber jede Lösung fängt damit an, das Problem zu verstehen. Deswegen brauchen wir keine Angst davor zu haben, hinzuschauen auf das, was schlecht läuft.

Ich sehe, dass sich Trendwenden anbahnen. Beispielsweise in der feministischen Bubble, in der aktuell starke Kontroversen toben. Louise Perry [Anm. d. Red.: Eine prominente Stimme auf der konservativen Seite des feministischen Spektrums], die sich übrigens erst kürzlich zum Christentum bekehrt hat, sprach kürzlich bei einer unserer Veranstaltungen. Sie stellt fest, das vieles im Argen liegt: Die Gender- und Transthematik, die Entkopplung von Identität und biologischer Realität, letztlich der gnostische Ansatz, der sagt: Der Geist ist alles, was zählt. All das nimmt uns unsere raison d’être. Wenn es keine Frauen mehr gibt, dann haben wir – laut Perry – nichts mehr, wofür wir uns einsetzen. Die stärksten Stimmen gegen die Auswüchse der Transideologie kommen aus dem feministischen Lager.

Langfristig sehen wir, dass ein ultraliberaler, letztlich nihilistischer Gesellschaftsentwurf zum Ende kommt. Es ist ein Gesellschaftsentwurf, in dem als einziger Wert und zum einzigen Ziel gilt: „Jeder so, wie er will”, in dem das Gute sowie das Wahre dem weichen muss, was ich will. Über das Ende des Liberalismus gibt es sehr interessante Bücher von Autoren, die das zum Beispiel auch für den wirtschaftlichen Bereich voraussagen – mit guten und schlechten Konsequenzen, im Übrigen. Ich behaupte nicht, dass nun die glorreiche, schöne Welt anbricht, aber ich glaube, dass wir das Ende einer großen Lebenslüge erleben, die sagt: Du bist einfach nur autonom.

Wir sind und leben in sozialen Gefügen. Wir sind in Familien, ob sie gut oder schlecht sind. Wir leben in einem kulturellen Moment, in dem sich diese Lebenslüge langsam aber sicher zeigt. Jetzt ist die Frage: Wie antworten die Christen darauf? Sind wir auf eine Welt vorbereitet, auf eine Kultur, in der mehr und mehr Menschen Flüchtlinge des Nihilismus sind und irgendwo Heimat suchen – wie man etwa an den stetig wachsenden Zahlen an Erwachsenentaufen sehen kann? Wollen wir diese Menschen willkommen heißen und sagen: Ja, wir haben echte, schönere, bessere, wahre Antworten? Das ist die Aufgabe der Christen. Deswegen liebe ich es, bei meiner Arbeit Christen, die in der Öffentlichkeit stehen, vorzubereiten und fit zu machen für die Verantwortung hier und jetzt.

Credo: Vielen Dank für das Gespräch!