Thema · Rückkehr zur Kirche

Gott ja, Kirche nein?

„An Gott glaube ich schon. Aber wozu brauche ich die Kirche?” oder „Jesus verkündete das Reich Gottes – gekommen ist die Kirche” (Alfred Loisy). Solche Sätze hört man immer wieder von kirchlich sozialisierten Kirchenfernen. Ich bin als evangelischer Pfarrer zu der Überzeugung gekommen, dass es keinen gerechtfertigten Grund gibt, sich von der Gemeinschaft mit der katholischen Kirche fernzuhalten. Deswegen konvertierte ich 2012 in die katholische Kirche und wurde 2018 zum Priester geweiht.

von Andreas Theurer · 09.08.2022

Schaf vor Ruine
Symbolbild: Schaf ohne Herde. Bild: MarieTherese, stock.adobe.com

„Kann man nicht auch ohne Kirche glauben?” Natürlich! Alles Mögliche sogar. Dass grundsätzlich alle Menschen nach dem Tod in den Himmel kommen und dann Engel werden, dass Gott allen immer alles verzeiht, dass ich Gott genauso gut in der Natur verehren kann, dass es genügt, wenn ich an Weihnachten in die Kirche gehe, usw.. Glauben kann ich, was ich will, und ich brauche dazu auch nicht die Kirche. 

Wenn ich aber Sehnsucht danach habe, Jesus kennenzulernen und glauben will, was Jesus gelehrt und gewollt hat, dann komme ich um die Kirche nicht herum. Denn wir haben uns unseren Glauben nicht selbst ausgedacht. Auch die Bibel ist in der Kirche entstanden, nicht ohne sie. Das Alte Testament ist die heilige Schrift der Juden. Und das Neue Testament ist eine Sammlung bestimmter Schriften für den Gottesdienst-Gebrauch. Wir stehen mit unserem Glauben am Ende einer langen Kette von „Übergaben und Überlieferungen“, lateinisch Tradition. Ohne die Kirche der Vergangenheit gäbe es heute keinen christlichen Glauben.

Die Kirche vermittelt uns das Heil. 

Für Protestanten etwa ist das ein absolut kritischer Punkt. Für sie ist ganz wichtig, dass niemand zwischen ihnen und Gott steht. Dass sie – wie sie sagen – direkten Zugang zu Gott haben und dafür keinen Priester brauchen und auch keine Kirche. Und es ist ja auch viel Wahres dran: Jeder von uns kann und darf mit Gott direkt reden und darf zu ihm „Papa“ sagen – zum Herren des Universums, dem Schöpfer der Welt. Dass das so ist, wissen wir freilich nur durch die Kirche, weil sie es uns überliefert hat – erlaubt hat es uns natürlich nicht die Kirche, sondern Gott selbst.

Aber die Kirche vermittelt uns das Heil. Warum? Weil Jesus es so gewollt hat. Weil er ihr Kernteam, die 12 Apostel, als solche eingesetzt und beauftragt hat, zu taufen, zu lehren, die Eucharistie zu feiern, die Vergebung der Sünden zuzusprechen – und, falls nötig, übrigens auch zu verweigern! – für die Kranken zu beten und sie zu salben und schließlich: diese Vollmachten an ihre Nachfolger weiterzugeben. 

Jesus sagte beispielsweise zu den Aposteln: Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben. Und umgekehrt. Genau dazu brauchen wir die Kirche. Weil Gott ihr die Vollmacht gegeben hat, die Vergebung auszuteilen – an jeden, der aufrichtig darum bittet. Wir brauchen das Sakrament der Beichte, denn wir können uns nicht selbst vergeben. Weil wir uns unser Heil nicht selbst verdienen können. Weil wir nötig haben, dass Gott es uns schenkt. Dazu hat er die Kirche gegründet und beauftragt. Gott sei Dank.

Die eine heilige Kirche?

Ist die Kirche überhaupt glaubwürdig? Heilig war sie ja nicht immer. 2000 Jahre Kirchengeschichte sind nicht nur eine Reihe vorbildlicher Heiliger und glänzender Siege gegen das Böse in der Welt. Zu oft stand die Kirche auf der falschen Seite, wie wir heute – z. T. nach vielen Jahrhunderten – mit hochrotem Kopf sagen müssen. Verbrechen im Namen der Kirche gab es viel zu viele. 

Eins ist sie auch nicht. Es gibt unzählige Spaltungen in Konfessionen, Sekten, Gruppen und Grüppchen, die alle meinen, die richtigste Form von Christentum entdeckt zu haben. Wen meinen wir denn ganz praktisch, wenn wir sagen: die „Kirche Jesu Christi“? Welche ist die Kirche, die Jesus gegründet und in die Welt gesandt hat?

Die Bibel spricht von der Kirche als „Leib Christi“ – mit Christus als Kopf; als „Herde“ und Jesus als „Guten Hirten“; als „Volk Gottes auf der Wanderschaft durch die Zeit“. Das Bild vom „Leib Christi“ macht ja deutlich, dass man diesen Leib nicht in mehrere lebensfähige Leiber zerteilen kann und dass man entweder dazugehört, oder nicht. Abgetrennte Glieder sind tot. Aus der Herde wiederum kann ein Schaf auch fortlaufen und wie das verlorene Schaf im Gleichnis auch vom Hirten wiedergefunden werden. Das Volk Gottes kann sich verlaufen und sich aufspalten in verschiedene Gruppen, die sich über den richtigen Weg nicht einigen können. 

Jedes dieser biblischen Gleichnisse hat natürlich seine Richtigkeit und Berechtigung aber auch seine Grenze, wo es nicht mehr passt: Heutzutage würde wohl kein katholischer Würdenträger sagen, Protestanten bspw. gehören nicht zur Kirche Christi, weil sie sich von seiner irdisch sichtbaren Kirche getrennt haben. Hier hat das Bild vom Leib Christi seine Grenze. Aber dass sich jeder quasi selbst zum Papst machen kann, der entscheidet, was er glauben will und was nicht, kann doch auch nicht der Weg der Nachfolger Jesu sein!

Wer und was ist denn nun die Kirche?

Die Kirche besteht nicht nur aus Papst, Bischöfen und Pfarrern. Kirche sind alle, die getauft und in den Leib Christi eingegliedert sind. Kann man dann sagen: „Gott ja, Kirche nein“? Kann ich Gott folgen auf einem ganz anderen Weg als dem, den seine Kirche einschlägt?

Natürlich gibt es solche Situationen: dass wir mit einzelnen Entscheidungen des Papstes oder der Kirche nicht zufrieden sind. Dass es uns schwer fällt, ihnen zu folgen. Aber wenn ich wirklich zu Jesus gehören will, weil er mir wichtig ist, dann kann ich deshalb nicht seine Kirche ablehnen. Dann gehe ich auch dann mit der Kirche, wenn meiner Meinung nach ein anderer Weg der bessere, bequemere oder kürzere wäre. Ich kann meine Meinung zurückzunehmen. Schließlich ist es ja denkbar, dass ich mich irre und nicht die Kirche. 

Wenn ich Gott liebhabe, werde ich mich auch darum bemühen, ihm zu gefallen und das zu tun, was er mag. Wenn ich Gott liebhabe, werde ich zu ihm dazugehören wollen. Und mich nicht hochmütig abwenden von den anderen Gliedern seines Leibes, die in ihrem Glauben nicht auf meiner Wellenlänge liegen oder mir peinlich sind. Wenn ich Gott liebhabe, werde ich mich mit seinem Leib mitfreuen und mitleiden. Aber niemals kann ich dann sagen: „Gott ja, Kirche nein!“