Community · Podcast 05.02.20

Ohne Sex glücklich sein?

Kann man ohne Sex glücklich sein? Schwester Mechthild Steiner von den Dominikanerinnen in Wettenhausen hat bei „Jesus im Wohnzimmer” über die Berufung zur Ehelosigkeit und ihre ganz persönliche Berufung ins Kloster gesprochen. Den Podcast gibt es diesmal als Text zum selber lesen.

von Raphael Schadt · 06.02.2020

Sr. Mechthild Steiner bei ihrem Vortrag

Eine Frage zum Einstieg: Wer von Euch hatte heute schon Sex? (zurückhaltendes Schweigen) Und, lebt ihr noch? Natürlich kann man auch ohne Sex glücklich sein! So das war’s für heute, schön dass ihr zugehört habt. (Lachen)

Es ist ein Problem unserer Zeit, dass unsere Gesellschaft so stark sexualisiert ist: von der Werbung bis in die Erziehung. Sex sells, denn der Sexualtrieb ist leicht anzuregen und Menschen sind über den Trieb leichter zu beeinflussen als über die Vernunft. Das Thema ist so dauergegenwärtig, dass die Gesellschaft glaubt und sagt: „Wenn du keinen Sex hast, bist du nicht normal.” bzw. „keinen Sex zu haben ist ungesund und schädlich”. Und das ist Quatsch!

Auf Heimaturlaub habe ich mich einmal mit meinem ehemaligen Pfarrjugendleiter zum Quatschen getroffen. Der Weg führte uns durch ein Viertel, das tendenziell dem prekär-materialistischen Milieu zuzuordnen wäre und ein junges Teenager-Mädchen mit blassrosa gefärbten Haaren rief uns zu: „Boah, ne Nonne und n’ Priester! Seid ihr echt?“ „Ich bin echt, ja.” „Was macht man denn als Nonne?” „Wir leben in so einer Art WG.” „Hast du dann auch Kinder?” „Nein.” „Besorgt ihr es euch dann selbst?”„Nein, man kann auch ohne glücklich sein.” Die sehr offene Ansprache hat mir nichts ausgemacht, aber die Fragen zeigen, dass es für ein halbwegs normales Mädchen unvorstellbar geworden ist, auf das Ausleben des Geschlechtstriebs zu verzichten. Und das ist ein Phänomen speziell unserer Zeit und unserer Gesellschaft.

Keuschheit

Den Begriff „Keuschheit“ verwenden wir vor allem, wenn es um sexuelle Enthaltsamkeit geht. Aber eigentlich bedeutet er mehr: ein durch Vernunft gemäßigtes, moralisch gutes Verhalten im Bezug auf ALLE unsere Triebe (Essen, Schlafen, Fortpflanzung etc.). Dahinter steht ein Menschenbild, das feststellt: der Mensch besteht aus Geist, Leib und Seele. Der Geist kann lernen, über die Triebe zu herrschen. Das unterscheidet den Mensch vom Tier. Für Katzen z.B. gibt es kein Halten, wenn Sie läufig sind. Wer Katzen hat, kennt die nächtlichen Gesänge … Dagegen entspricht es der Würde und dem Wesen des Menschen, sich kontrollieren zu können.

Pizza im Basical Flur
Entspannte Unterhaltungen bei Pizza und Apfel-Schorle im Basical-Flur nach der Messe.

Dabei bezieht sich Keuschheit nicht allein auf (noch) ehelos lebende. Auch Verheiratete sind berufen, ihre Triebe zu kontrollieren. Man(n) kann nicht immer „ran” und muss lernen über sich zu herrschen. Hier liegt auch das Problem mit nicht natürlicher Verhütung, weil sie als Entschuldigung wirkt, diesen Trieb nicht beherrschen zu müssen. Egal in welchem Stand wir leben: Keuschheit ist eine Tugend, die von uns gefordert ist.

Übrigens, in allen Religionen gibt es Keuschheitsgebote. In Naturreligionen enthalten sich Männer z.B. vor der Jagd. Im antiken Rom gab es Vestalinnen – Jungfrauen, die als Priesterinnen der Gottheit Vesta geweiht waren. In ihrer Amtszeit waren sie unter Todesstrafe zu Enthaltsamkeit verpflichtet. In den großen Weltreligionen Hinduismus, Buddhismus, Judentum, Islam erfordert es kultische Reinheit – Fasten und sexuelle Enthaltsamkeit – um sich auf kultische Handlungen vorzubereiten.

Christliche Ehelosigkeit bei Maria

Wer hat die christliche Ehelosigkeit erfunden? Im Judentum gab es Ehelosigkeit als Berufung nicht. Nicht mal bei Nasiräern, zumindest nicht auf lebzeit. Erfunden hat es Gott mit Maria: Dort geschieht etwas neues. Maria ist Jungfrau und ganz bereit für das Wirken Gottes. Sie stellt sich Gott samt ihrer Leiblichkeit ganz zur Verfügung. Maria wird als Jungfrau fruchtbar. Sie empfangt das ewige Wort Gottes. Dabei wird sie auch Mutter der Kirche. Sie verzichtet auf die leibliche Fruchtbarkeit und dafür schenkt Gott eine geistliche Fruchtbarkeit, die die leibliche weit übertrifft. Gott ist es wert, dass ich ihm das schönste in meinem Leben schenke. Das geht allerdings mit einer Berufung einher. Wenn ich Gott auf diesen Ruf antworte, schenkt Gott eine Fruchtbarkeit, durch die die Kirche eigentlich lebt.

Ehelosigkeit bei Jesus und seinen Jüngern

Auch Jesus hat vollkommen jungfräulich gelebt und seine Jünger dazu aufgefordert, wie er zu leben. Petrus verlässt seine Frau und lässt seine Ehe ruhen. Jesus sagt: Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche werden von Menschen dazu gemacht (Eunuchen, vgl. Mt 19). Aber der Ruf Jesu ist, freiwillig auf eine Familie zu verzichten um des Himmelreiches willen, um ganz Gott anzuhangen. Freiwilligkeit ist zentral. Es geht um Ganzhingabe aus Liebe.

Jesus erklärt den Sadduzäern, die ihm die Fangfrage mit den sieben Brüdern stellen: „Im Himmel wird man nicht mehr heiraten: im Himmel leben wir wie die Engel.” Die christliche Ehelosigkeit ist ein prophetisches Zeichen: So wie Jesus lebt, so werden wir mit Gott leben. Alles wird auf ihn hingeordnet sein. Denn auch die Ehe ist noch nicht unsere letzte Bestimmung.

Paulus faltet das nochmal im Korintherbrief auf: Der Zölibat ist kein Muss, „aber ich wünschte ihr wärt alle so (ehelos) wie ich.” (1 Kor 7,7) Man kann sich unverheiratet freier um die Sache des Herrn sorgen. Ich werde verfügbarer für Gott, wo er mich einsetzen will. Die Ehe bindet mich an einen bestimmten Ort. Als Ehefrau kannst du nicht sagen, ich lass euch mal und geh als Missionarin nach Neuseeland.

Wer ins Kloster eintritt, sollte natürlich menschlich in der Lage sein, eine Beziehung zu führen. (Auch wenn tatsächlich eine Beziehung geführt zu haben nicht empfohlen wird.) Aber wer sagt „Ich hab halt keinen abgekriegt und geh dafür ins Kloster“ ist nicht gut beraten. Viele erleben auch, dass just wenn sie sich entschieden haben, Jesus ehelos nachzufolgen, der Traummann auftaucht. Da wird unsere Entscheidung oft auch nochmal geprüft.

Adienne Von Speyr sagt: „Die geistliche Fruchtbarkeit der Kirche hat ihre Wurzel im jungfräulichen Leben.” Gott hat dieses Erdreich gestiftet. Er hat es so gewollt und die Kirche auf diese Weise fruchtbar gemacht. Wir reißen aktuell die Wurzeln aus diesem Erdreich raus. Deshalb ist die aktuelle Diskussion um die Abschaffung des Zölibats so schädlich, man kann sich kaum erfolgreicher selbst abschaffen. Das Geschenk der Ehelosigkeit tränkt die Erde. Dadurch zieht Gott Menschen, wie das Mädchen aus meiner Heimat, an sich. Bist du bereit, zum Geschenk für die Kirche zu werden?

Basical Mädels lächeln freundlich in die Kamera

Frage: Hast du die Entscheidung, ehelos zu leben je bereut?

Äh, nö! Die Entscheidung kam ja auch nicht unüberlegt. Ich habe über Jahre für meinen zukünftigen Ehemann gebetet: „Jesus ich schenk dir mein Herz, hebe es auf, bewahre es, um es ihm zu schenken.“ Und mit der Zeit hat sich das Gebet gewandelt: Ich schenk es dir, wenn du willst, darfst du es (wenn du unbedingt willst) an jemanden weiter schenken. Gott hat mein Herz genommen und bewahrt und schließlich ist er selbst der Bräutigam geworden. Es war eine gereifte Entscheidung.

Frage: Was, wenn man leibliche Fruchtbarkeit um der geistlichen willen aufgibt, aber Vorgesetzte hat, die die geistliche ausbremsen?

Mein Ziel im Ordensleben ist ja erst einmal, Gottes Willen zu tun. Alle anderen Ziele und Ambitionen treten dahinter zurück. Dann muss ich Gott auch die Kontrolle überlassen, damit er seine Ziele durch mich verwirklichen kann. Gerade geistliche Fruchtbarkeit beruht auf meinem Ja. Selbst ein Ja zum Verbot, kann wieder Fruchtbarkeit hervorbringen. Man kann trotz des Ringens mit einem Nein zu einem Ja zu Gott finden: „Ich schenke es dir für dein Reich.”
Dabei kann ich mir auch nicht anmaßen, meine geistliche Frucht zu ermessen, sie ist eventuell etwas völlig anderes oder weiteres, als das, was ich mir vorgestellt oder erwartet habe. Unfruchtbarkeit kommt dann, wenn ich nicht mehr zu meinem Ja komme. Grenzenlose Verfügbarkeit ist, was grenzenlose Fruchtbarkeit ermöglicht. Das ist das Ja Marias.

Frage: Wie bringt man seiner Familie und seinen Freunden schonend bei, dass man ins Kloster eintreten will?

Viele meiner Freunde hatten es sich schon gedacht. Für meine Familie war es zunächst nicht so leicht. Wenn jemand eintritt verliert die Familie gewissermaßen jemanden. Aber die Familie gewinnt auch jemanden. Man kommt in eine andere Beziehung zu seiner Familie. Wir tauschen uns heute auf tieferem Niveau aus. Ich bin ja nicht verloren für meine Familie. Dafür stehe ich vor Gott für sie ein. Du musst aber wissen, warum du es tust: Jesus – das ist der Hauptgrund. Und wenn du begeistert bist: Hau es raus! Nicht erst nach 5 Jahren. Der Ruf ist dringlich. Wenn du verliebt bist, wartest du ja auch nicht fünf Jahre, um es dem/der Liebsten zu sagen. Andersherum lässt du jemanden ebenso wenig warten – es verlangt eine Antwort. Aber wenn man sich jemandem anvertraut, mit dem Wunsch, ins Kloster zu gehen, sollte man vielleicht nicht bei den kritischsten Menschen anfangen.

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