Thema · Die Provokation der Vergebung

Ich habe den Tätern verziehen!

„Ich habe den Tätern verziehen! Nicht weil sie es verdienen, sondern weil ich es verdiene!“ Eva Kor, Überlebende der medizinischen Experimente im Konzentrationslager Auschwitz, spricht diesen Satz viele Jahrzehnte später während eines Gerichtsprozesses aus und löst damit Irritationen und Diskussionen aus. Was bedeutet es, zu vergeben?

von Reiner Hartmann · 13.02.2026

Symbolbild: Eine zerbrochene Büste, die im Kintsugi-Stil mit Gold wieder wiederhergestellt und aufgewertet ist. (Bild: Natsumae, stock.adobe.com. Bearbeitung: Credo Redaktion.)

Dieser provozierende Satz hat mich vor einigen Jahren sehr bewegt. Als Eva Kor, zu diesem Zeitpunkt über 90 Jahre alt, diesen Satz aussprach, stellte sie damit eine unbequeme Frage in den Raum: Ist Vergebung ein Verrat an den Opfern – oder ein Akt radikaler Selbstbefreiung?

Eva Mozes Kor (1934-2019) links bei der Befreiung von Auschwitz, zweite von rechts – halb verdeckt. Bild: Alexander Voronzow, commons.wikimedia.org. Rechts: Eva Mozes Kor beim Holocaust Remembrance Day 2011. Bild: Christina Blust, commons.wikimedia.org

Ich empfinde eine große Achtung vor allen Menschen, die ehrlich vergeben können. Genauso vor allen, die sich ehrlich eingestehen können, wo sie verletzend waren oder einander etwas schuldig geblieben sind. Beides: Schuldeingeständnis UND Vergebung, sind nötig, damit Versöhnung zwischen Menschen möglich werden kann.

Die Provokation der Vergebung

Für Jesus ist Vergebung ein provozierendes Herzensanliegen. An Petrus appelliert er: „Nicht siebenmal, sondern 77-mal sollst du vergeben!” (Mt 18,21-22) – also immer wieder! Denn es ist tragischerweise „ganz normal“, dass wir Menschen einander verletzen oder unfair werden. Oder: „Shit happens!“. Im Vaterunser heißt es deshalb sehr realistisch: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.” (Mt 6,15)

Ich bin in meiner katholischen Kindheit früh mit der Beichte in Berührung gekommen. Dabei habe ich gelernt, mein Gewissen zu prüfen, Dinge auszusprechen und Erleichterung zu erfahren. Später habe ich als Seelsorger viele Menschen erlebt, die durch die einseitige Betonung ihrer, oft vermeintlichen Schuld, in sehr destruktive Spiralen der Selbstabwertung getrieben wurden und depressive Muster ausgebildet haben. Bis heute wird dabei häufig der Mensch als potenzieller Täter bzw. potenzielle Täterin betrachtet, während der Blick auf diejenigen, denen Gewalt angetan wurde, fehlt.

Was Vergebung wirklich bedeutet

Vergebung richtet den Blick genau auf diese Perspektive: Auf die Verletzung, die jemand erlitten hat und auf die Möglichkeit, trotzdem innerlich heil werden zu werden. Was kann ich tun, wenn mich jemand verletzt hat – verbal oder körperlich? Wie gehe ich um mit meinen biografischen Wunden aus der Kindheit? Was wird, wenn ich in einer Beziehung jahrelang ausgeliefert war und mich nicht wehren konnte?

Vergebung ist kein moralischer Imperativ, sondern ein psychologischer und spiritueller Prozess. Oft wurden Gefühle wie Wut, Ärger, Schmerz und Trauer lange unterdrückt. Genau diese Emotionen würden aber helfen, sich aus belastenden Situationen zu befreien. Werden sie nicht „zu Ende gespürt“, beginnt das bekannte „Nachtragen“: Unsere Gedanken kreisen ständig um die Person, die uns verletzt hat. Wir verurteilen sie – oder rechtfertigen sie sogar. Wir wünschen ihr innerlich alles Mögliche an den Hals. Doch was passiert dabei? Wir bleiben emotional an diese Person gebunden und geraten in eine Abwärtsspirale, die uns weiterhin unserer Freiheit beraubt.

Vergeben bedeutet innere Arbeit

Vergebung ist ein intensiver innerer Prozess. Ich stelle mich dabei meinen Gefühlen, schaue die Wunde an und würdige, was ich erlebt und erlitten habe. In Kursen – wie denen, die wir im Haus Tobias anbieten – arbeiten Menschen anhand des Modells von Dr. Konrad Stauss. Beschrieben hat er diese in den beiden Büchern: „Selbstvergebung durch Schuldkompetenz“, „Die heilende Kraft der Vergebung“. Der anspruchsvollste Teil des Vergebungsweges ist schließlich der Perspektivenwechsel: Neben der Empathie für das eigene Erleben, braucht es dann Empathie für die Beweggründe der Person, die verletzt hat.

Für mich persönlich wurde die spirituelle Dimension zu einem wichtigen Perspektivwechsel. Sie zeigt sich in einer „inneren Haltung der Barmherzigkeit“. Der heilige Ignatius von Loyola spricht von „Gott in allen Dingen“. Auf dem Vergebungsweg bedeutet das dann ganz konkret: Ich richte einen barmherzigen Blick auf mich selbst und meine Verwundungen. Dann weite ich ihn auf die andere Person, auf dessen Motive und Geschichte. Das übersteigt alles, was unserem spontanen Empfinden entspricht. Barmherzigkeit wirkt geradezu als „übermenschlich“, ist deshalb göttlich und trotzdem „menschenmöglich“.

Früchte der Vergebung

Klar ist: Vergebung darf niemals von außen eingefordert werden – schon gar nicht von Tätern bzw. Täterinnen. „Vergib doch endlich, damit wieder Frieden ist!“ ist eine gefährliche Erwartung, die Opfer erneut entmachtet. Vergebung kann nur eine freie Entscheidung eines Menschen sein, der seine Würde zurückgewonnen hat.

Vergebung bringt paradoxerweise Stärke: Sie beendet den Hass, der Opfer und Täter innerlich aneinanderbindet. Wer den Weg der Vergebung geht, entdeckt einen Raum persönlicher Freiheit. Wichtig dabei: Für Vergebung braucht es keine Begegnung mit der Person, die verletzt hat. Sie ist ein innerpsychischer und spiritueller Prozess, den man allein, in Begleitung oder in einer Gruppe gehen kann. Versöhnung hingegen braucht das Gegenüber – und dessen ehrliches Eingeständnis und Bereuen der Schuld.

Nelson Mandela hat nach Jahrzehnten in Haft unter dem Apartheidregime mit erhobenem Haupt das Gefängnis verlassen. Sein Fazit zu seinem Vergebungsprozess lautet: „Der Kapitän meiner Seele bin ich selbst… Rache ist wie eine Säure, die dich von innen auffrisst. Wenn ich sie in mir behalte, dann hat das Regime sein Ziel erreicht.“

Was bleibt?

Vergebung ist kein weichgespültes Ideal, sondern ein lohnender Weg, der Ehrlichkeit, Mut und Achtsamkeit verlangt. Sie schützt nicht Täter bzw. Täterinnen, sondern stärkt Opfer. Sie beendet die emotionale Bindung an das Unrecht und eröffnet einen Weg zur inneren Unabhängigkeit. Und manchmal ist genau das der entscheidende Schritt zurück ins eigene Leben.

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