Thema · Interview mit Kathi Hauser
Geistliche Armut: „Die Kirche hat mich reicher gemacht“
von Samuel Bittner · 20.10.2026
Kathi, bist du arm oder reich?
Katharina Hauser: Wenn arm einen Zustand des Mangels beschreibt und reich einen Zustand der Fülle, dann vermutlich beides.
Du kennst sicher das Gleichnis von der Perle (Matth 13,44-46), in dem ein Mann eine Perle findet und danach alles verkauft. Was ist diese Perle?
Hauser: Ich glaube, die Perle ist das Reich Gottes. Aber das Reich Gottes ist ja nicht nur ein Ort, an dem wir irgendwann einmal sein werden und auf den wir in der Zukunft hoffen, sondern es ist schon mitten unter uns – überall dort, wo Jesus ist. Deswegen ist die Perle auch Jesus selbst.
Wir sind hier beim Adoratio-Kongress. Es geht um die Eucharistie. Und ich würde sagen, auch die Eucharistie ist diese Perle, weil die Eucharistie Jesus ist und eine ganz konkrete Weise, in der das Reich Gottes mitten unter uns gegenwärtig ist.
In welcher Hinsicht hat die Kirche und Jesus dich reicher gemacht? Oder haben sie dich ärmer gemacht?
Hauser: Summa summarum auf jeden Fall reicher. Die Kirche hat mich reicher gemacht an Hoffnung, an innerem Frieden, an Freude, an einer großen Gemeinschaft mit vielen Menschen auf der ganzen Welt und vor allem auch an Sinn in meinem Leben. Es ist unfassbar, wie viel Sinn wir durch die Kirche und durch Jesus finden können.
Ärmer gemacht hat sie mich vielleicht an bestimmten Illusionen, also an bestimmten Lügen – zum Beispiel an der Lüge oder der Illusion, dass ich irgendwie alles selbst schaffen und alles kontrollieren muss, dass ich die letzte Sicherheit in mir selbst finde oder dass meine Wahrheit die einzig richtige ist. Da hat die Kirche mir gezeigt: Okay, es gibt etwas Größeres, es gibt eine Wahrheit, unter die du dich stellen kannst. Du musst nicht der letzte Bezugspunkt sein. Letztlich ist es Gott, der uns durch die Kirche vermittelt wird. Hoffentlich werde ich auch ärmer an Lieblosigkeit und Egoismus.
Diese demütige, hingebende Haltung sieht man oft auch im Leben von Ordensschwestern. Warum wählen sie bewusst diesen Lebensstil der Armut?
Hauser: Ich glaube, sie haben eben genau die Perle im Acker gefunden. Sie haben den gefunden, um den es im Kern geht und durch den dann auch viele, ich sage mal, weltliche Bedürfnisse nach Reichtum, Geld, Ansehen, Erfolg und so weiter in den Hintergrund rücken. Wenn ich weiß, dass Jesus wirklich das größere Glück für mich will, dann gebe ich manche Dinge auf, von denen ich dachte, dass sie mich glücklich machen.
Gab es einen bestimmten Moment in deinem Leben, in dem Gott dich bereichert hat? Eine Art Gottesbegegnung?
Hauser: Ein Moment fällt mir spontan ein, weil ich darüber in letzter Zeit viel nachdenke. Und zwar war das vor 13 Jahren in Israel, am See Genezareth. Da waren wir in Tabgha, also an dem Ort der Brotvermehrung. Dort haben wir eine Messe direkt am See gefeiert.
Nach der Kommunion habe ich kniend auf dem steinigen Boden gebetet. Da habe ich so richtig gemerkt, wie Jesus durch die Eucharistie in mir einen Frieden herstellt, den ich überhaupt nicht in Worte fassen kann. Das war ein so schönes Erlebnis der Gegenwart Jesu und des Friedens, den er uns schenkt. Ich wusste damals: Ganz egal, was das Leben in den nächsten Jahren bringen wird – er ist da, er kümmert sich. Und es war einfach eine ganz große Ruhe in meiner Seele.
Zu diesem Ort kehre ich auch im Gebet in letzter Zeit sehr oft zurück. Dann bin ich gedanklich wieder in Tabgha. Ich stelle mir vor, wie Jesus damals am See Genezareth herumgelaufen ist, wie die Brotvermehrung war und so weiter. Dabei stellt sich auch immer wieder dieses Gefühl des tiefen Friedens ein.
Was wäre dein persönlicher Rat für junge Menschen, die ein reiches, erfülltes Leben suchen, aktuell aber vor allem inneren Mangel empfinden?
Hauser: Papst Johannes Paul II. hat einmal gesagt: „Es ist Jesus, den ihr sucht, wenn ihr vom Glück träumt.“ Und ich glaube, diese Suche sollten wir nie aufhören und nie aufgeben. Der Mangel ist nicht umsonst da, sondern verweist uns auf etwas Größeres: auf die Liebe Gottes, die er uns schenken möchte und in die er uns hineinlieben möchte.
Mein Tipp wäre: Gib Gott eine neue Chance. Geh auf ihn zu, klopfe bei ihm an. Ich glaube, er wird ganz sicher antworten.
Danke für das Gespräch!