Thema · Sehnsucht

Sehnsuchtswesen: Gott und Mensch

In der aktuellen Ungewissheit und den unterschiedlichsten Meinungen tritt doch auch etwas Verbindendes deutlich zutage: Es ist die Sorge um Weihnachten. Trotz aller Einschränkungen lässt sich die Sehnsucht nach einem möglichst normalen, vertrauten Weihnachten mit Familie und Freunden nicht unterkriegen – gerade jetzt am Ende eines befremdenden Jahres.

von Pfarrer Daniel Rietzler · 01.12.2020

Junger Mann vor Graffiti mit Jesus
Symbolbild. Foto: Gift Habeshaw, Unsplash

Fragende Sehnsucht

Wie ist es nun um meine ganz persönliche Sehnsucht bestellt? Ist in mir Sehnsucht lebendig oder habe ich mich ohne sie eingerichtet, ernüchtert, abgestumpft, herzenskahl, weil ich die hohen Sehnsüchte des Lebens wie Blätter abgeworfen habe? Mit diesen Fragen eröffnet sich ein Weg, der uns vielleicht ganz unverhofft hinführt zu echter Lebendigkeit. Überhaupt scheinen die tiefergehenden Fragen der Sauerstoff der Sehnsucht zu sein. Wer keine Fragen mehr zulässt, nicht mehr staunend fragt nach dem Geheimnis der Schönheit, wer sich nicht immer wieder angesichts der Verletzlichkeit allen Seins infrage stellen lässt, dem geht schnell der Atem aus, wird kurzatmig und so anfällig für die Angst. Fragen können uns die Sehnsucht lehren und sie lebendig halten. Noch mehr gilt das für fragende Menschen, die auf der Suche sind und es bleiben, wenn sie mit einer Teilantwort beglückt worden sind. Auch wir Christen, die wir in besonderer Gefahr sind, es uns nach dem Pharisäer-Motto „Wir wissen schon“ bequem zu machen, brauchen das Zeugnis der unruhig Suchenden.

Der Mensch als Sehnsuchtswesen

Dass wir als Menschen Sehnsuchtswesen sind, müssen wir als Kinder nicht von außen her mühsam lernen, sondern dies findet sich auf geheimnisvolle Weise in unser Inneres eingeschrieben. Und doch braucht es genau dort, wo die Sehnsucht hervortritt und in unterschiedlichen Stimmen Erfüllung wittert, aufmerksame Begleitung und lebenserfahrene Deutung. Die innewohnende Sehnsucht ist ein tiefes Naturgesetz des Menschen, uns bestimmt nicht nur die „Erdanziehung“ des Leibes, sondern auch die „Mehr-Anziehung“ der Seele. Liegt in uns als Geschöpfe nicht ein „Mehr“, weswegen uns die Sehnsucht sagt: Die Welt ist nicht genug? Sie bezeugt unsere Größe und zugleich unsere Gefährdung. Ja, die Sehnsucht birgt Sucht in sich, sie kann sich verlieren, kann den Menschen von sich und dem Mitmenschen entfremden, kann das Sehnsuchtswesen Mensch erniedrigen. Am Schluss ist er dem Tier ähnlich, das nur noch nach Befriedigung körperlicher Bedürfnisse lechzt.

Palmen vor Nachthimmel mit Milchstraße
Symbolbild. Foto: ©Talga – stock.adobe.com

Der sehnsuchtsvolle Gott

Die Sehnsucht aber kann den Menschen auch einen Weg in die Höhe führen. Aber wie kommt nun bei der Sehnsucht Gott ins Spiel? Mit einem für mich fast schon floskelhaften „Gott allein erfüllt all deine Sehnsüchte“ ist es nicht getan. Welch schäbiges Gottesbild wäre ein Gott als bloßer „Erfüllungsgehilfe“ dessen, was ich will und wünsche. In der echten Sehnsucht nach Gott, bleibt ER in seinem Anderssein ein Geheimnis. Wenn ich ihn begreife, zu „haben“ meine, habe ich den lebendigen Gott verloren und bin allein mit meinem selbstgemachten „Göttlein“ und so darin verloren. In der biblischen Offenbarung und der christlichen Mystik begegnet uns jedoch ein ganz anderer Aspekt, welcher der Sehnsucht eine ganz neue Tiefe eröffnet und uns in die Mitte des biblischen Gottesbildes führt. Zahlreiche Männer und Frauen sprechen davon, dass sich zuerst Gott in ihrem Leben wirksam bemerkbar macht und sich erfahren lässt als einer, der sich nach dem Menschen sehnt und so im Menschen die Sehnsucht, letztlich die Sehnsucht nach Gott und einem „ewigen Mehr“ weckt. „Nicht darin besteht die Liebe, das wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat“ (1Joh 4,10). Auf die Sehnsucht übertragen könnte es heißen: Nicht darin besteht die Sehnsucht, dass wir uns nach Gott sehnen, sondern darin, dass er sich nach uns sehnt.

Bei der Rede von Gott als Sehnsuchtswesen ist jedoch eines unbedingt zu beachten: Bei uns Menschen steht Sehnsucht doch auch immer in Verbindung mit einem erfahrenen Mangel. Gerade dort, wo uns etwas schmerzlich fehlt, bricht sich die Sehnsucht Bahn. Gott ist jedoch nicht voll Sehnsucht aus einem Mangel, sondern aus seiner göttlichen Überfülle heraus, letztlich aus dem inneren Antrieb der Liebe. Ihn, der das lebendige Wasser ist, dürstet, er sehnt sich nach Begegnung, nach Gemeinschaft mit seinem Geschöpf.

Zwei Streichhözer berühren sich vor einer farbigen Flamme
Symbolbild. Foto: Umesh R. Desai, Unsplash

Alles beginnt mit der Sehnsucht

Auf großartige Weise ist das in den wenigen Zeilen des Gedichts „Alles beginnt mit der Sehnsucht“ (Nelly Sachs, Gedichte) ausgedrückt. Gerade folgender Satz, eine einfache Frage, könnte uns in dieser dunklen Zeit wie ein Leitstern sein, um uns vom Ereignis der Weihnacht neu berühren zu lassen: „Fing nicht auch Deine Menschwerdung, Gott, mit dieser Sehnsucht nach dem Menschen an?“ Wir könnten diese Frage mit in den Advent nehmen, sie hören, betrachten, in der Stille und im Gebet beantworten. So werden wir sicher zur Krippe geführt, an der sich die Sehnsucht des Menschen nach Gott und die Sehnsucht Gottes nach dem Menschen treffen und ein stilles Fest feiern.

Möge es in diesem Sinne für alle „Sehnsüchtigen“ Weihnachten werden, am dunklen Jahresende 2020, und immer wieder neu im Alltag 2021!