Vor Ort · Bungee Jumping – Spiel mit der Angst

Der Kick ins Glück? 

Seit meiner frühen Kindheit bin ich begeistert von Adrenalinkicks. Das Gefühl von Geschwindigkeit, das Kribbeln im Bauch, die Wucht, mit der ich in Achterbahnen in den Sitz gedrückt werde, all das liebe ich, seitdem ich denken kann. Keine noch so steile Rutsche, Boxautos oder Fahrgeschäfte auf dem Plärrer habe ich ausgelassen.

von Jonas Bühler · 02.10.2023

Jonas beim Bunjee Jump
Jonas beim Bungee Jump. Bild: Privat. Bearbeitung: Credo-Reaktion.

Als ich sieben Jahre alt war, verbrachten meine Familie und ich Urlaub in Italien. Beim Besuch im dortigen Wasserpark Aqualandia sah ich dann zum ersten Mal einen Bungee Turm. Wieso stürzen sich Menschen dort herunter? Diese Frage stellte ich mir und erahnte die Antwort – vermutlich geht es um das unbeschreibliche Gefühl des freien Falls. Angezogen von diesem Anblick fasste ich den Entschluss, einen solchen Sprung auch selbst einmal zu wagen.

„Damals war ich noch zu jung“

Mehrere Jahre später – den Turm von Aqualandia noch vor Augen – begegnete ich einem weiteren Bungee Jump Spot: dem James Bond 007 Golden Eye Bungee Jump. Dort durchströmten mich alleine beim Blick hinab in die Tiefe Schaudern und Faszination zugleich. Ist doch die natürliche Reaktion des Menschen nicht wirklich, sich in die Tiefe zu stürzen. Damals war ich noch zu jung, einen solchen Sprung alleine zu versuchen. Außerdem waren meine Eltern dabei und die waren nicht allzu begeistert von der Idee. 

Die Kühltürme von Soweto in Südafrika. Ein beliebter Bungee-Jump Spot. Bild: Michael Schofield, unsplash.com.

Dennoch blieb die Faszination: sämtliche Versuche, die ich unternahm, ließen mich mit dem Gefühl zurück, nicht den „richtig großen Kick“ erfahren zu haben und ich dachte mir, dass es da doch noch mehr geben müsste.

Die „Big Swing“ in Südafrika

Nach dem Abitur verbrachte ich ein Auslandsjahr in Südafrika. Mit im Gepäck: Der feste Entschluss, einen Bungee Jump zu wagen. Mir war dabei immer klar, dass ich genau das wollte: Adrenalin, Action, keine Grenzen. In Südafrika war es schließlich so weit. Im Fußballstation von Durban hängt die „Big swing“.

Und plötzlich stehe ich dort auf dem Plateau: 106 m über dem gefühlt zwei Zentimeter großen Fußballtor. Der Countdown beginnt, hinter mir wird heruntergezählt. „Fünf, vier …“ genau an diesem Punkt wird mir klar, dass es jetzt kein Zurück mehr gibt. Gleich wird der Guide das Seil loslassen und dessen Gewicht wird mich in die Tiefen ziehen. Mir kommt der Gedanke: Was mache ich hier? Was, wenn das nicht gut ausgeht? Ist das Ganze sicher? Mir wird auf eine seltsame Weise der Wert meines Lebens bewusst „drei …”. Was soll’s, denke ich, zurück geht es jetzt sowieso nicht mehr. „zwei, eins …“ Ich springe ab. Kräftig, bewusst, aber auch mit gemischten Gefühlen.

Jonas beim Bunjee-Jump
Jonas beim Jump von den Kühltürmen in Soweto, Südafrika. Bild: Privat.

Doch die Zweifel sind sofort wie weggeblasen. Ich werde immer schneller, der Mittelkreis des Fußballfeldes kommt rasend schnell näher und ich habe das Gefühl zu platzen. Der Druck in meinem Körper nimmt immer mehr zu. Dann greift das Seil und ich pendle durch das Stadion, 220 Meter hin und her. Schließlich komme ich neun Meter über dem Mittelkreis zum Stillstand. Voller Glück, beseelt und stolz. Doch ich merke sofort: So schnell wie mein Körper auf 150% war, so schnell ist der Rush auch wieder vorbei. Fast müde hänge ich im Seil und warte darauf, wieder hochgezogen zu werden. Und direkt ertappe ich mich bei den Gedanken: War das wirklich alles? Geht da nicht noch mehr? Ich will dieses Gefühl nochmal erleben!

Adrenalinsport ist suchtgefährdend

Innerhalb des Jahres probierte ich verschiedene Angebote in Johannesburg aus, jedes Mal mit dem gleichen Effekt: Ein krasser, heftiger Rausch – aber nur für wenige Sekunden. Die Lösung: Wiederholt springen. Ich genieße es jedes Mal. Ich springe mit Anlauf, mit Salto, immer mehr, immer höher, immer verrückter. Doch ich merke deutlich: je öfter ich springe, desto abgestumpfter werde ich. Nicht umsonst ist Adrenalinsport extrem suchtgefährdend. Der Körper gewöhnt sich an den Kick und verlangt nach mehr.

Was mir von diesen Erfahrungen im Leben bleibt? Zum einen die Erinnerung an den Adrenalinkick. Noch beim Schreiben dieses Textes schlägt mein Herz höher. Doch auch das Gefühl der Leere danach schwingt mit. Denn egal wie hoch der Sprung, egal wie intensiv der Rausch, es erfüllt mich nicht. Nicht dauerhaft. Das, was ich im Adrenalinsport eigentlich suchte, fand ich dort nicht. Ganz im Gegenteil. Je höher der Sprung, desto lauter schrie danach die Leere.

Vom Kick zur Verantwortung

Auf dem Plärrer, einem Volksfest in Augsburg, gibt es ein Fahrgeschäft, das Best XXL heißt. Darin wurde ich schon als Kind – mich um die eigene Achse drehend – 45 Meter hoch durch die Luft gewirbelt. Ich war damals hin und weg. Vor etwa zwei Jahren kam ich auf dem Heimweg von der Arbeit am Plärrergelände vorbei. Mein Blick fiel auf dieses Fahrgeschäft und mich überkam die Lust, das Ganze nochmals auszuprobieren, das Gefühl des Adrenalinrausches wieder wachzuküssen und den kleinen Kick im Alltag mitzunehmen.

Gesagt, getan. Ich sitze auf meinem Sitz, das Gerät setzt sich in Bewegung. Doch etwas ist anders. Ich werde nachdenklich. Mir wird die Höhe bewusst. Und mir kommen wieder die Gedanken, die ich vor meinem allerersten Sprung in Durban im Stadion hatte: „Was ist, wenn jetzt etwas passiert? Doch dieses Mal kommt kein „Was solls“ Gedanke. Im Gegenteil, meine Freude ist verflogen. Ich halte mich am Sicherungsbügel fest, fühle mich unwohl und warte nur darauf, dass es vorbei ist. Was war anders?

Jonas Bühler
Jonas Bühler. Bild: privat.

Andauernde Erfüllung

Inzwischen bin ich verheiratet. Und in diesem Moment denke ich an meine Frau, die gerade mit unserem ersten Sohn schwanger ist. Ich fühle eine Art Verantwortungsbewusstsein, das ich so bisher nicht kannte. Es steht zu viel auf dem Spiel und kein Adrenalinkick kann dieses Risiko rechtfertigen.

Dem Adrenalinsport habe ich deswegen mittlerweile auch den Rücken gekehrt. Juckt mich ab und zu der Gedanke, noch einmal zu springen? Sicher! Aber im Laufe der Jahre habe ich eine Tiefe und eine Ruhe im Glauben, in meiner Beziehung zu Jesus gefunden, die mir das gibt, was ich eigentlich gesucht habe: Sinn, Bestätigung und volle, ganzheitliche und andauernde Erfüllung.