Thema · Why Pfarrei?

Why Pfarrei?! Wozu ist eine Pfarreien­gemeinschaft da?

Eine Sache ist in den letzten Monaten verstärkt klargeworden und da gibt’s auch nix schönzureden: Die Anzahl der Kirchenmitglieder schrumpft. In den nächsten Jahrzehnten wird es laut aktueller Prognosen nur noch halb so viele Christen geben, die sich in der Kirche beheimatet fühlen wie heute. Hinsichtlich dieser Entwicklungen scheint eine Frage berechtigt und vielleicht ist sie auch ein Lösungsansatz, um den Kerngedanken von Kirche wieder hervorzuheben: Wozu ist eine Pfarrei eigentlich da?

von Domvikar Dr. Florian Markter · 18.09.2019

Jesus überträgt Petrus den Primat. Tabgha. Bild: Lauren Lorincz (Unsplash)

Antwortmöglichkeiten sind schnell gefunden: als Wirkungsort für verschiedene Gremien und Kreise, als Dienstleistungsort für eine schöne Erstkommunionfeier oder für würdige Beerdigungen, als Ort, wo sich Jugendliche in ihren Räumen treffen können und, und, und. Ja, das ist alles nicht falsch. Nur, sind das nicht alles eher Bausteine, die zu einem funktionierenden Pfarreileben beitragen – aber nicht der Kern? Fragen wir konkret nach dem Sinn einer Pfarrgemeinde, lohnt es sich, dorthin zurückzugehen, wo Kirche beginnt. Zurück zum Anfang der Kirche bedeutet, zurück zu Petrus und der Frage: Wozu ist Petrus da? Die Antwort auf diese Frage lesen wir in Joh 21, wo Jesus den Primat der Kirche an Petrus überträgt und ihn sendet.

Drei Antworten werden da gegeben. Und sie geben uns auch Hinweise darauf, wozu eine Pfarrei existiert.

1. Um Jesus zu lieben.
Dreimal stellt Jesus Petrus die Frage, ob er ihn liebe. Muss also irgendwie wichtig sein. Denn wer liebt, sieht die ganze Wahrheit eines Menschen. Nicht nur einen Teil von ihm oder was man gerne oberflächlich sehen würde. Wenn ich einen Menschen liebe, sehe ich etwas, was andere nicht sehen. Weil ich ihn in Liebe anschaue. Jesus möchte ganz konkret wissen, ob Petrus fähig ist, ihn in seiner ganzen Wahrheit zu sehen und anzunehmen. Nicht nur als Freund, sondern als den auferstandenen Herrn, als den Retter. Petrus ist also dazu da, Jesus zu lieben und ihn als den Auferstandenen wahrzunehmen und diesen Kern-Glauben der Kirche als Erster der Apostel zu bezeugen.

Genauso ist es auch bei unseren Pfarreien. Wir Christen sehen mit Jesus als dem Auferstandenen eine Realität, die andere nicht sehen oder noch nicht sehen können. Darum ist besonders eine Pfarrei dazu berufen, Jesus so zu lieben, wie auch Petrus ihn geliebt hat, und diesen Glauben der Kirche nach innen und außen zu bezeugen. Die Pfarrei ist der Raum schlechthin, in dem Jesus als der Auferstandene lebendig und die Mitte ist. Besonders durch die kontinuierliche Beschäftigung mit der Hl. Schrift, durch die Feier der Sakramente und durch intensive Phasen der Anbetung ist diese Wahrheit des Glaubens erfahrbar.

Die beiden Säulen Hl. Schrift und Anbetung helfen, eine persönliche Beziehung zu Jesus aufzubauen. Und ich bin überzeugt: wer eine solche persönliche Freundschaft zum Herrn Jesus pflegen kann, wird in der Kirche bleiben. Weil er Schritt für Schritt in die Liebe Jesu hineinwächst. Weil er Schritt für Schritt ein Jünger Jesu wird. Denn die Jüngerschaft ist nicht nur etwas für wenige Auserwählte, sondern das Prinzip der Nachfolge, ja das Prinzip der Liebe. Wer mehr und mehr ein Jünger Jesu wird, entdeckt nicht nur eine persönliche Beziehung zu ihm, sondern weiß sich auch von einer vertrauten Gemeinschaft um ihn getragen. Solche Gemeinschaften um Jesus gibt es schon seit mehr als zweitausend Jahren: Es sind die Pfarrgemeinden. Die Mitte einer PG ist Christus. Und alles, was eine PG tut, muss letztlich zu Christus führen. Wer zum Jünger Jesu wird, erlaubt Jesus weiter, ihn zu formen. Damit ist nicht eine Deformierung gemeint (etwas, was ich gar nicht will). Wenn ich Jesus erlaube, mich zu formen, dann wird er mehr und mehr all die Charismen und Fähigkeiten zum Leuchten bringen, die Gott in mich hinein gelegt hat. Zu meiner Selbstverwirklichung. Und zur Christusverwirklichung. Denn darum geht es ja: dass ich am Ende des Tages und am Ende meines Lebens nicht mich selbst in den Mittelpunkt gerückt habe, sondern Jesus die Chance gegeben habe, durch mich in den Herzen der Menschen zu wirken. Und ihnen dadurch die Tür zum Himmel und zur Auferstehung öffne. Wir brauchen unsere Pfarreien, um uns gegenseitig und alle Leute unseres Ortes immer tiefer in die ganze Wahrheit Jesu hinein zu lieben.

Junge Erwachsene bei der Anbetung
Junge Erwachsene bei der Anbetung in Marienfried. Bild: Joshua Golde

2. Um alle zu weiden.
In Joh 21 führt die Liebe zum Auftrag. Jesus beauftragt Petrus dreimal, seine Schafe und Lämmer zu weiden. Die Schafe als derjenige Teil der Herde, der schon da ist, und die Lämmer, so könnte man es deuten, als derjenige Teil, der neu in die Herde hineingeboren wird. Mit seinem Weideauftrag an Petrus hat Jesus also alle Menschen im Blick. Besonders auch jene, die noch nicht Teil der Herde sind. Alle sollen die realistische Möglichkeit haben, in die Herde Gottes hineingeboren zu werden. Nichts anderes bedeutet der Begriff Evangelisierung, den Papst Franziskus in fast jedem Dokument verwendet.

Wie für Petrus ist es auch heute eine wichtige Aufgabe der Kirche und jeder Pfarreiengemeinschaft, Weideplätze für die zu schaffen, die noch nicht oder nicht mehr Teil der Herde Gottes sind. Oder mit den Worten von James Mallon ausgedrückt: „Wenn Kirche ein Club wäre, dann der einzige auf der Welt, der für diejenigen existiert, die nicht Mitglieder sind.“ Pfarreien sind also dazu da, mit ihren Amtsträgern Jesu Weideauftrag an Petrus weiterzuführen. Sprich: Mit denen, die wir haben, Weideplätze für diejenigen zu schaffen, die wir nicht haben – durch die Liturgie, durch die Verkündigung, durch die Diakonie, durch mein konkretes Zeugnis. Uns nicht um uns selbst zu drehen, sondern um Christus. Und mit ihm eine Mission für die Menschen zu sein.

3. Um geführt zu werden.

Wer Jesus liebt, d.h. seine ganze Wahrheit sieht, und anfängt, solche Weideplätze für alle zu schaffen, der wird mehr und mehr merken, dass er geheimnisvoll geführt wird. Weil Jesus die Führung übernimmt. Nachfolge bedeutet immer, Jesus ähnlich zu werden, Jesus zu imitieren. Dabei kann es passieren – und das muss man in Kauf nehmen –, dass die eigenen Bedürfnisse und Vorstellungen und auch die Dienstleistungsansprüche an die Pfarrei erstmal in den Hintergrund treten. „Wenn Du alt geworden bist, wird ein anderer dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst.“ Petrus wird durch die geheimnisvolle Führung Jesu der erste Papst der Kirche. Und er wird ins Martyrium geführt: mit dem Kopf nach unten wird er gekreuzigt. Auch eine Pfarreiengemeinschaft führt Jesus manchmal dahin, wohin sie zunächst einmal gar nicht hin will, weil sie sich bestens eingerichtet hat und irgendwie ja funktioniert. Aber keine neuen Schafe und Lämmer dazugewinnt.

Eine PG ist dazu da, um durch Jesus geheimnisvoll geführt zu werden. In vielen Köpfen hat sich die Überzeugung verankert: Was habe ich von Jesus? Die Frage sollte in diesem Zusammenhang  aber vielmehr lauten: „Was hat Jesus von mir?“ Wie kann ich unter der Führung Jesu meinen Platz in einer PG finden und sein Zeuge sein, der andere zu Jesus führt? Ich muss keine Hl. Mutter Teresa oder ein Hl. Franziskus sein. Ich muss nur ich sein und die Charismen Jesus zur Verfügung stellen, die er mir gegeben hat. Wie die fünf Brote und zwei Fische. Die haben nämlich ausgereicht, dass Jesus ein Wunder tun konnte, weil der kleine Junge in Joh 6 sie Jesus gegeben hat, während alle anderen strategische Problemlösungen gesucht haben. Wenn unsere Pfarreiengemeinschaften von der Kraft Jesu geführt werden, reichen die fünf Schwächen und zwei Stärken eines jeden Pfarreimitglieds aus, damit Gott heute Wunder tun und uns in die Zukunft führen kann, zu der wir als Gemeinde berufen sind.

Also: Why Pfarrei?

Um uns gegenseitig vor Ort immer tiefer in die ganze Wahrheit Jesu hinein zu lieben, die die Kirche erkannt hat und hütet. Um mit denen, die vor Ort da sind, Weideplätze für die zu schaffen, die nicht da sind. Um uns miteinander vor Ort der geheimnisvollen Führung Jesu anzuvertrauen.