Thema · Why Pfarrei?

Buch-Tipp: “Rebuilt”

von Dekan Ludwig Waldmueller · 31.03.2017

Credo: Herr Dekan Waldmüller, Sie haben sich intensiv mit dem Buch „Rebuilt“ von Michael White und Tom Corcoran auseinandergesetzt. Darin wird die Erfolgsgeschichte einer wachsenden katholischen Gemeinde in Baltimore/USA erzählt. In Deutschland ist nicht gerade von einem Wachstum der Kirche oder einem Aufbruch des Glaubens die Rede. Der allgemeine Trend scheint in Europa eher in Richtung Verwaltung des Priester- und Gläubigenrückgangs zu weisen; Papst Franziskus spricht von einer „Erosion des Glaubens“. Was machen Pfarrer Michael White und sein Pfarrassistent Tom Corcoran anders, dass ihre Gemeinde nicht nur sozusagen den Bestand erhält, sondern sogar wächst?

Dekan Waldmüller: Nun, da kann ich mich natürlich nur auf das verlassen, was sie selbst schreiben. Ich denke, das Grundprinzip, das sie anlegen, ist: nur das Eigentliche tun, das unsere Aufgabe als Pfarrei ist – und das bestmöglich tun. Das bedeutet natürlich, dass man so einiges sein lassen muss, was man sonst halt immer weiter betreibt, ohne zu wissen, warum und wie das leistbar sein soll. Oft bemühen sich die Menschen in der Pastoral, so viel wie möglich zu machen, so viel mit aller Gewalt am Leben zu halten, was vielleicht schon lange eigentlich nicht mehr funktioniert. Und genau da haben die beiden angesetzt: Sie konzentrieren sich auf das, was ihre eigentliche Aufgabe ist.

Credo: Worauf legen White & Corcoran ihre Schwerpunkte, was steht im Mittelpunkt?

Dekan Waldmüller: In der „Nativity Church“ wird der Akzent klar auf das Wochenende gesetzt. Denn da, so sehen es die beiden, liegt die wirkliche Hauptaufgabe eines Pfarrers und seiner direkten Mitarbeiter. Es geht also um den Sonntagsgottesdienst und dessen Zentralität. Daraus soll alles andere sein Leben bekommen. Das bedeutet auch, dass die Menschen in der Pfarrei alle Mitglieder von kleinen geistlichen Gemeinschaften sind, dass sie mit anderen Christinnen und Christen aus der Pfarrei zusammen das Wort Gottes lesen, beten und so ganz bewusst das Christsein leben.

Credo: In so manchen Gemeinden macht sich Ratlosigkeit über den Verfall der Gemeinschaft breit. Welches sind laut White und Corcoran Schritte, die Gemeinden gehen können, um Voraussetzungen für neue Belebung herzustellen?

Dekan Waldmüller: Ich denke, dass man sich an mehreren Dingen ein Beispiel nehmen kann: Weg vom Konsumenten-Sein der Gemeindemitglieder hin zum aktiven Christen. Seinlassen von Dingen und Angeboten, die sowieso nicht mehr funktionieren. Konzentration auf das Wesentliche. Exzellenz, das heißt sehr gute Leistung, in den Dingen, die uns angehen – zuallererst ein deutlicher Blick auf die Zentralität der Botschaft, des Inhalts und der Verkündigung. Und dann, glaube ich, ist es wirklich auch eine Willkommenskultur für die Menschen auf allen Ebenen: Da gibt es den Tipp: „Wenn Sie Familien wollen, putzen Sie Ihre Kinderecke!“ Oder auch den Hinweis, dass Musik, die Menschen nicht gefällt und einfach schlecht ist, die Menschen aus der Kirche heraushält (sie erzählen da die Story von einer Sängerin, deren Gesang nur ihr selbst gefiel …). Also, mit einem Wort: Es geht um den Inhalt und die Akzentsetzung auf die Qualität all dessen, was wir tun. Und das hat viel mit Konzentration zu tun.

 

(Bild: Dekan Ludwig Waldmüller)

Credo: Das Erfolgsrezept von „Rebuilt“ funktioniert offenbar auf dem kulturellen Hintergrund der Vereinigten Staaten, und im Buch wird auch die historische Entwicklung der katholischen Kirche in den USA gestreift. Welche Elemente von „Rebuilt“ könnten Ihrer Ansicht nach in Deutschland, oder sagen wir konkret: in einer Allgäuer Gemeinde greifen? Wo sind kulturelle Parallelen bzw. Differenzen?

Dekan Ludwig Waldmüller: All das, was ich eben gesagt habe, kann, wie ich meine, auch im Allgäu greifen. Natürlich ist der große Unterschied der, dass wir kulturell und traditionsgemäß eine ganz andere Stellung als Pfarrei haben. Da ist ganz viel Erwartung, die einfach gestellt ist, „weil es immer schon so war“. Das macht es natürlich viel schwieriger als in einer US-amerikanischen Großstadt, in der all das viel relativer und mobiler ist. Die Menschen in einer Gemeinde in den USA haben oft ihre Wurzeln genau nicht in dieser Gemeinde, weil sie schon mehrfach umgezogen sind, religiös auf der Suche waren etc. Zum anderen funktioniert das System dieser amerikanischen Kirche, weil sich das Team um ihre eine Gemeinde mit ihrer einen Kirche kümmern kann, darf und muss. Bei uns aber ist die Realität, dass wir uns um mehrere Kirchen und Gemeinden gleichzeitig zu kümmern haben, und dass hier sofort natürlich innergemeindliches Konkurrenzdenken und das Gefühl, allen gerecht werden zu müssen, eine große Rolle spielen.

Credo: Sehen Sie pastorale oder theologische Unterschiede, die sich einer Eins-zu-eins-Übernahme des Modells von „Rebuilt“ widersetzen würden? Wenn Sie Anpassungen des Modells für den süddeutschen Raum formulieren sollten, wie könnte das aussehen?

Dekan Ludwig Waldmüller: Eine Eins-zu-eins-Übernahme ist meiner Meinung nach nicht möglich. Wir sind keine Gemeinde in Baltimore. Wir müssen unseren Weg finden, in unserer pastoralen Situation, mit unseren Menschen … Aber: Ich denke, dass die Erfahrungen aus dieser amerikanischen Gemeinde für uns eine gute Gewissenserforschung sein können.

Credo: Haben Sie in Ihrer Gemeinde, in Ihrem Dekanat Erfahrungen gemacht, die in eine ähnliche Richtung weisen könnten? So etwas wie Knospen, die einen neuen Frühling für den Glauben ankündigen könnten?

Dekan Ludwig Waldmüller: Oh ja, gerade in meiner eigenen Pfarrgemeinde sind wir da auf einem guten Weg. Wir haben beispielsweise die Landschaft der Gremien überarbeiten können und eine Form gefunden, die uns eine größere Handlungsmöglichkeit gibt. Wir haben verstanden, dass es auf Willkommenskultur und eine Konzentration auf die Diakonie ankommt, weil wir auch leben müssen, was wir verkünden. Und wir haben gesehen, dass durchaus langsam Dinge gelassen werden dürfen, die nicht mehr gut ankommen, um Raum für Neues zu haben. Auch die Konzentration auf das Wesentliche und die Betonung der Exzellenz, der Qualität ist ein Schritt, der bei uns langsam möglich ist. Eines wäre mein Wunsch: Ich träume von kleinen Gemeinschaften, aus denen unsere Gemeinden leben. Aber was mich mit großer Hoffnung erfüllt: Wir haben seit einiger Zeit eine Anbetungskapelle in St. Josef in Memmingen, die so gut wie nie leer ist. Das Gebet, die zentrale Beziehung zum Herrn, bekommt wieder einen großen Stellenwert. So, finde ich, können wir hinausfahren auf den See, wie Jesus aufruft.

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