Thema · Heavy Metal

Metal – Heraus­forderung an Gesell­schaft und Kirche

„Wir alle sterben in der Brutstätte der Versuchung“

Metal ist böse, und das ist gut so. Böse natürlich nicht im moralischen Sinne, sondern im künstlerischen, ästhetischen: Nicht das Machen, Hören und Unterstützen des Metals ist böse, sondern Metal-Musik und künstlerisches Drumrum stellen das Böse /als/ Böses dar. Das heißt, das dargestellte Böse wird (im besten Falle) durch die Art der Darstellung emotional erfahrbar. Dabei bejaht und verherrlicht Metal das Böse jedoch nicht. In diesem Sinne kann sich der Metal auch selbst als „böse“ verstehen. Am leichtesten lässt sich das an den Texten zeigen.

von Dr. Sebastian Berndt · 07.11.2016

Verherrlicht ein Sänger, der “Am I evil? – Yes, I am” singt, sich selbst als böse? Nein, und besonders deutlich wird das, wenn er in der Wiederholung singt: “Am I evil? – I am man, yes, I am. ” – „Ich bin ein Mensch, also bin ich böse.“

Selbst wenn man nicht bedächte, dass der Sänger mit dem lyrischen Ich nicht identisch ist, sollte einem klar werden, dass das Ich als Teil der Gattung Mensch als böse verstanden wird, nicht mehr und nicht weniger als andere Menschen auch. Bei genauerer Betrachtung wird einem auch auffallen, dass dabei durchaus eine gewisse Nachdenklichkeit mitschwingt, die diesen Zustand alles andere als erstrebenswert findet.

Jedoch sind Metaltexte immer vielschichtig, so dass verschiedene Interpretationen legitim möglich sind. Jede Deutung von Metaltexten sagt mehr über den Deutenden als das Gedeutete aus. Metaltexte kreisen häufig, beschreiben, verzichten aber auf Wertungen, wollen keine klare Welterklärung, sondern Anstoß zum Nachdenken geben, ohne die Richtung des Nachdenkens vorzugeben. Zumal die Thematiken sich häufig dem rein rationalen Verständnis entziehen.

 

Gustave Doré, Triumpf of Christianity over Paganism

Aus diesem Verständnis der künstlerischen Darstellung von Bösem als Böses lässt sich Metal als eine Form von Meditation über das Böse verstehen. Aber keine rein rationale, wie es dem wesenhaft irrationalen Thema auch nicht entspräche, sondern als eine ganzheitliche, nicht zuletzt emotionale Meditation.

Emotional aber auch nicht in dem Sinne, dass der Hörer sich (nur) dem Nervenkitzel des Gefährlichen oder gar Verbotenen aussetzen wollte (das spielt sicherlich /auch/ seine Rolle), sondern dass er sich in einer kontrollierten Situation den nur schwer kontrollierbaren negativen Emotionen aussetzt, die das Böse auslöst, um in der realen Konfrontation mit Bösen nicht von diesen Emotionen überrascht und überrannt zu werden, sondern möglichst Herr der Lage bleiben zu können.

Nur wenn das Böse konkret benannt wird, kann die christliche Botschaft wirksam werden.

Doch ausgerechnet dafür wird die Kirche recht selten kritisiert, und wenn, dann wehrt sie sich nicht besonders deutlich. Die Verkündigung bleibt oft weit hinter ihrem Anspruch zurück. Von einem ähnlich abseitigen Thema, nämlich dem Satanismus kommend, fragte sich Sylvia Mallinkrodt-Neidhardt schon vor 15 Jahren: „In manchen Gottesdiensten dagegen ist alles so aufdringlich positiv: Vom guten Gott bis zu freundlichen Menschen. Vielleicht ist Kirche oft deshalb so langweilig, weil sie immer nur ein und dieselbe Heilsgeschichte erzählt. Eine Heilsgeschichte, die auf Dauer unglaubwürdig wirken muss, weil das Böse darin gar nicht mehr vorkommt. Der Gottesdienst bringt auf diese Weise die Religion um ihre heilsame Macht. Anders ausgedrückt: Nur wenn das Böse konkret benannt wird, kann die christliche Befreiungsbotschaft wirksam werden“ (Satanische Spiele, Neukirchen-Vluyn, 2002, S. 15f.).

Wer das Böse ignoriert, braucht natürlich keine Erlösung und keinen Erlöser, da er nicht erkennt, wie mächtig und pervers das Böse ist, das selbst noch in seiner Vernichtung darauf angelegt ist, sich zu vermehren. Er hat auch keinen Bedarf für ein Gericht, es ist ihm eher unangenehm, da er ahnt, in ihm nicht bestehen zu können. Die Hölle ist für ihn überflüssig, da sie ja sowieso leer sein muss, ist doch die Welt im Großen und Ganzen in Ordnung (bis auf ein paar Kleinigkeiten, für die aber – s.o. – andere verantwortlich sind). Letzten Endes bräuchte er auch Gott nicht und keinen Anteil an Seinem ewigen Leben, da er ja schon in diesem Leben alles hat. So ganz sicher ist er sich da dann vielleicht doch nicht, aber die von Christus geforderte Radikalität erscheint ihm dann doch etwas übertrieben.

Anders, wer Opfer des Bösen wird und seine Übermächtigkeit erfährt, gegen die der Mensch nicht ankommt. Er /will/ von ihm erlöst werden, er /hofft/ auf das Gericht, in dem ihm endlich Gerechtigkeit wiederfahren wird, er erwartet die Wiederkunft des gerechten Richters, der den Neuen Himmel und die Neue Erde errichten wird, wo Gott alle Tränen abwischen wird (Offb 21), und er /weiß/, dass für den Menschen aus eigener Kraft die Hölle die einzig mögliche Realität ist.

Er weiß aber auch: „Barmherzigkeit triumphiert über das Gericht“ (Jak 2,13). Denn Barmherzigkeit überwindet schon in dieser Welt das Böse: Es macht aus Opfern Vergebende, die gerade so aus ihrer Opferrolle befreit werden, und aus Tätern demütige Büßer, die wissen, dass das von ihnen verursachte Böse nicht das letzte Wort haben wird. (Zum Untertitel vgl. “Temptation’s Nest” vom 2006er Album “In the Arms of Devastation” der kanadischen Death Metal-Band Kataklysm.)