Thema · Geschlechtliche Identität

„Falsche” Körper und „wahre” Identität

Tausend Stimmen sagen uns, was wir sind oder was wir nicht sind. Davon hat jede mehr oder weniger Einfluss auf unsere Identität: Eltern, Lehrer, Noten, Geschwister, Klassenkameraden, Freundeskreis, Uni, Medien und schließlich wir selbst. Aber welche Rolle spielt dabei unser Körper? Darf mein Körper, mein Leib, auch zu Wort kommen? Hat Gott als Schöpfer meines Körpers auch etwas dazu zu sagen? Was macht meine Identität letztlich aus? Darüber haben wir uns mit der Religionsphilosophin Dr. Beate Beckmann-Zöller unterhalten.

von Raphael Schadt · 25.09.2020

Foto: Kira auf der Heide / Unpslash

Credo: Warum ist die Frage nach geschlechtlicher Identität gerade heute so eine heiße Frage?

Dr. Beate Beckmann-Zöller: Wir erleben, dass die meisten Berufe sowohl von Männern als auch von Frauen ausgeübt werden können: Frauen können Kanzler, Männer Hausmann. Auch die Rollen in geschlechtlichen Beziehungen scheinen austauschbar zu sein: Lust kann Mann mit Mann oder Mann mit Frau erleben, beides wird unabhängig von der leiblichen Fruchtbarkeit inzwischen – nicht in der Kirche, aber in unserer Gesellschaft – gegen jegliche kulturelle Tradition weltweit „Ehe“ genannt. Vielleicht ist dann auch unsere geschlechtliche Identität austauschbar? Wenn ich mich mit meiner eigenen Geschlechtlichkeit seelisch nicht wohl fühle (Gender Disphorie, GD), mich (noch) nicht so akzeptieren kann, wie es meine leiblichen Organe vorgeben, bedeutet das vielleicht, dass ich eine andere „wahre“ Identität habe, also im „falschen Körper“ stecke? Hier ist Vorsicht geboten: Unsere Identität liegt nicht in den Gefühlen, sondern in unserem realen Sein.

Credo: Was hat das mit dem christlichen Verständnis von Leiblichkeit und Sexualität zu tun?

Dr. Beate Beckmann-Zöller: In unserem Leib ist uns unsere sexuelle Identität von Gott her mitgegeben: unsere geschlechtliche Weise, wie wir in Ergänzung von Mann und Frau eine neue Generation hervorbringen können. Diese Identität anzunehmen gelingt allerdings nicht automatisch. Dennoch sind wir auf leibliche Ergänzung angelegt: Männliche und weibliche Geschlechtsorgane passen anatomisch von der Form her, histologisch, vom Gewebe her und physiologisch, vom Leben der Zellen her zusammen. Penis und Vagina sind nicht irgendwie geformte Organe, sondern tragen durch ihre Ergänzung einen inneren Sinn in sich: die Lebensweitergabe. Hier spricht sich die Sprache unseres Leibes deutlich aus. Wenn es gelingt, dass ich Zugang zu meiner Weiblichkeit/Männlichkeit bekomme und mich dann auch vom Anderen – mir fremden, mich ergänzenden – angezogen fühle, dann liegt darin ein tiefes Glück: gemeinsam mit Gott und meinem Ehemann schreibe ich durch das Sakrament der Ehe Geschichte, für eine neue Generation. Gerade das Fremde lieben, das, was ich nicht bin, ist die Liebe, wie sie Gott uns gegenüber hat: Er liebt uns, obwohl wir nicht Gott sind, sondern erlösungsbedürftige Menschen. Daher spiegelt die Liebe zwischen Mann und Frau die Weite und Tiefe der Liebe Gottes wider: Wie Jahwe Israel liebt, wie Christus die Kirche liebt, die anders ist als er, so lernen sich Mann und Frau zu lieben, sich füreinander hinzugeben und immer wieder zu vergeben, wo sie sich aus Unverständnis für das Anderssein des anderen verletzen.

Credo: Das klingt in der Theorie nachvollziehbar. Aber was, wenn die Gefühle etwas anderes sagen?

Dr. Beate Beckmann-Zöller: Die Gefühle, ob ich mich als Mädchen oder Junge in meinem jeweiligen Leib wohlfühle oder nicht, ob ich mich zum gleichen oder anderen Geschlecht hingezogen fühle, diese Gefühle sind in der Entwicklungsphase für eine längere Zeit einem Wechselbad ausgeliefert und können sich ändern. Gott hat uns als Männer und Frauen geschaffen, d. h., unsere geschlechtliche Identität basiert auf unserem Leib, nicht auf den Gefühlen. Seit dem Sündenfall kommen immer auch Gefühlsweisen vor, die vom Ziel der Fruchtbarkeit – der Kultur des Lebens (Joh. Paul II.) – abweichen. Diesen Gefühlen müssen wir nicht folgen, dazu dürfen wir Tugenden der Selbstbeherrschung und Enthaltsamkeit lernen, um in Gottes guten Ordnungen ein gelingendes Leben zu führen. Gott wünscht sich, dass wir dem Sinn unserer leiblichen Organe folgen (das nennt man in der Philosophie „Naturrecht“): Unsere Geschlechtsorgane sind zur Weitergabe des Lebens in einer stabilen Familie gedacht – denn das brauchen Kinder als geistige verletzliche Kulturwesen am nötigsten.

Credo: Wie passen intersexuelle Menschen in diese Ordnung?

Dr. Beate Beckmann-Zöller: Menschen mit intersexuellen Leibern sind bisher tatsächlich zu wenig beachtet worden und verdienen unsere Achtung. Jedoch beweisen diese biologischen Varianten kein drittes Geschlecht, denn auch hier finden sich x und y-Kombinationen, kein z. Die Zweigeschlechtlichkeit kennt zwar biologische Varianten, in denen die Norm unterlaufen wird. Aber es gibt keine weiteren sexuellen Identitäten über Mann und Frau hinaus. Eine bestimmte geschlechtliche Vorliebe bringt keine neue sexuelle Identität hervor. Ein homoerotisch empfindender Mann bleibt ein Mann (Daniel C. Mattson, Warum ich mich nicht als schwul bezeichne. Wie ich meine sexuelle Identität entdeckte und Frieden fand).

Zwei oder drei Geschlechter? (Foto: ©nito - stock.adobe.com)

Credo: Siehst du als Religionsphilosophin eine Gleichsetzung von Biologie und sozialer Rolle in der Bibel begründet? Oder anders gefragt: Will der Gott der Bibel das Heimchen am Herd bzw. den strammen Helden?

Dr. Beate Beckmann-Zöller: Wir Menschen als Mann und Frau sind Ebenbild des Schöpfers, weil wir unter anderem durch unsere leibliche Verschiedenheit Leben hervorbringen können (Schöpfungsordnung). Für traditionelle Juden und Muslime ist daher die Lebensaufgabe von Männern und Frauen sehr eng an ihre Biologie gebunden. Im Alten Testament (nicht im Koran) gibt es aber bereits Frauen, die männliche Berufe ausüben (Richterin Debora, Prophetin Hulda): Die soziale Rolle (gender) weicht von der typischen Rolle des biologischen Geschlechts (sex; Muttersein) ab, weil sie von Gott eine spezielle Berufung über die biologische Aufgabe hinaus bekamen. Jesus Christus wird für seine Nachfolger noch radikaler in der Erlösungsordnung: Er begründet den Lebensentwurf der Ehelosigkeit. Dadurch ist der Lebensweg einer Christin nicht durch ihren Leib vorbestimmt, sie muss nicht Ehefrau und Mutter werden, wenn sie nicht dazu berufen ist. In der christlichen Ehe ist die Frau nicht mehr „Besitz“ des Mannes, sondern beide sind einander Geschenk. Das bedeutet u. a., dass man die Begabungen des anderen freisetzt, je nachdem, wie es mit der Beziehung des Ehepaares und ihren Kindern möglich ist.

Credo: Viele Menschen wollen sich nicht mehr durch die geschlechtliche Definition Mann oder Frau eingrenzen lassen. Dahinter steht oft ein langer Leidensweg. Muss man diese leidvollen Gefühle einerseits bzw. Gefühle des Begehrens andererseits als Basis für geschlechtliche Identität nicht ernst nehmen?

Dr. Beate Beckmann-Zöller: Ja, man muss Gefühle und jeden Menschen ernst nehmen. Die Frage ist, was sind die Gefühle, die sich auf die Wirklichkeit beziehen und uns als Menschen aufblühen lassen? Ein Mädchen fühlt sich zu dick und nimmt immer stärker ab. Sollen wir ihre Gefühle ernster nehmen als die medizinische Wirklichkeit ihres Untergewichts? Viele Jugendliche fühlen sich unwohl in Bezug auf ihr eigenes Geschlecht, sie fühlen sich schmerzhaft anders: Ich habe einen weiblichen Leib, fühle mich aber nicht so. Dieses Leiden kann man mit einer Situation vergleichen, in der man friert und meint, es könne einem nie mehr warm werden. Psychiater vergleichen Gender Disphorie zum einen mit Magersucht, zum anderen mit BIID (body integrity identity disorder): Ein Mensch fühlt sich behindert und ist fest davon überzeugt, dass z. B. sein linker Arm nicht zu ihm gehört. Obwohl er einen biologisch gesunden linken Arm hat, fleht er den Arzt an, ihm diesen zu amputieren. Einfühlsame Seelsorger und Psychologen können helfen, diese Gefühle ernst zu nehmen und nach den Ursachen in der Biographie zu suchen, um sich letztlich mit dem eigenen von Gott geschenkten Leib versöhnen zu können. Das erfordert – wie auch im Bereich der Magersucht – unsere ernsthafte, professionelle Zuwendung.

Credo: Du sprichst von biographischen Ursachen für Gender Disphorie. Kannst du Beispiele dafür nennen?

Dr. Beate Beckmann-Zöller: Oft geht es darum, dass ein junger Mensch sich von stereotypen Erwartungen unserer sexualisierten Gesellschaft unter Druck gesetzt fühlt. Eine besonders starke Ablehnung der eigenen Geschlechtlichkeit ist bei Mädchen und Jungen zu beobachten, die sexuell missbraucht wurden. Man möchte nicht mehr im Leib des Opfers stecken, das so schwer verletzt wurde. Auch wie man seine Eltern erlebt hat in ihrer Beziehung, oder meine Beziehung zu meinem gleichgeschlechtlichen Elternteil oder ob mein Vater mich in meinem Mädchensein bestärkt oder abgelehnt hat, all das kann die Annahme oder Ablehnung meiner eigenen geschlechtlichen Identität oder sexuellen Anziehung behindern oder fördern. Letztlich geht es darum, ein gesundes Selbstverhältnis zu entwickeln, um die eigene Berufung im Reich Gottes in Freiheit entdecken zu können. Wenn ich aus Verklemmtheit und Angst vor dem anderen Geschlecht Ordensfrau oder Priester werde, kann das nicht gut gehen und nicht zu einem Leben in Fülle führen, das Jesus uns in seiner Nachfolge – trotz „Kreuz-auf-uns-Nehmen“ – versprochen hat.

Credo: Welche Probleme siehst du bei der (Trans-)Genderbewegung als Antwort auf das Unbehagen mit dem eigenen Körper in der Gesellschaft?

Dr. Beate Beckmann-Zöller: Ein vorschneller Eingriff durch Pubertätsblocker, Hormone und chirurgische Operationen ist aus medizinischer und theologischer Sicht nicht zu empfehlen. Untersuchungen in den USA zu Transgender-Behandlungen zeigen, dass es vielen Patienten nach der Transition (Geschlechtsumwandlung) in ihrem ursprünglichen Leiden nicht besser geht, trotz „trans-freundlicher“ Gesellschaft. Es kommen neue z. B. gesundheitliche Probleme hinzu. Viele Transsexuelle bereuen die chirurgischen Eingriffe. Mediziner wie Dr. Alexander Korte (München) oder auch die Zeitschrift „Emma“ kritisieren, dass man aufgrund der Weltanschauung von (Trans-)Gender-Aktivisten (nicht denen, die tatsächlich leiden) heute kritiklos annimmt, dass ein Mann tatsächlich „fühlen kann, dass er in Wahrheit eine Frau ist“: wie kann er wissen, wie sich ein Zyklus anfühlt? Die Transgender-Bewegung hat praktische Auswirkungen im Frauen-Sport, wo Trans-Frauen Medaillen absahnen, da sie weiterhin – bis auf die Genitalien und Äußerlichkeiten – eine männliche Körper-Struktur (Muskulatur, Knochenaufbau usw.) haben. In einem UK-Frauengefängnis kam es bereits zu Vergewaltigungen durch eine Transfrau mit Penis. Die Meinungsfreiheit wird eingeschränkt, da es in einigen Ländern bereits strafbar ist, zu sagen, dass eine Trans-Frau keine wirkliche Frau im biologischen Sinn ist (Joanne K. Rowling). Das größte Problem ist jedoch für die Betroffenen selbst, dass oft die der Gender Disphorie zugrunde liegenden Traumata wie sexueller Missbrauch usw. nicht behandelt werden. Trotz „trans-freundlicher“ Umgebung kommt es unter Transsexuellen 19 mal öfter zu einem Suizid als in der übrigen Bevölkerung. Was von außen wie eine neue Freiheit aussieht, bringt neue Zwänge und Unfreiheiten hervor. Gott dagegen wünscht sich, so lehrt es die Kirche und so glaube ich selbst, dass wir uns durch seine Liebe erlösen, heilen und versöhnen lassen, mit Ihm, untereinander und mit uns selbst und unserem Leib.

Foto: privat

Zur Person: Dr. Beate Beckmann-Zöller ist promovierte Religionsphilosophin, freiberufliche Dozentin und Referentin in der Erwachsenenbildung.