Thema · Digitalisierte Identität?

Gottes Schöpfung oder Homo Deus Digitalis?

Ein Leben ohne Smartphone, Smartwatch oder Cloud ist für die meisten von uns gar nicht mehr vorstellbar. Digitalisierung durchdringt unseren ganzen Alltag. Doch was macht das eigentlich mit unserer Identität? Darüber haben wir mit Ralf Lankau, Professor für Mediengestaltung und -theorie, gesprochen.

von Simone Zwikirsch · 06.11.2020

Foto: Rodion Kutsaev on Unsplash

Credo: „Wenn Algorithmen über das Menschsein bestimmen (sollen)“ ist der Titel Ihres Vortrags, den Sie am vergangenen Wochenende in Augsburg gehalten hätten – der aber coronabedingt leider ausfallen musste. Ist die Digitalisierung nicht schon längst Teil unserer Identität?

Prof. Lankau: Ich hoffe nicht, denn dann wären wir bereits auf dem Weg, selbst Pseudo-Apparate zu werden, wie es Technik-Evangelisten imaginieren, die den Menschen als fehlerhaftes Objekt definieren, das durch technische Upgrades aufgerüstet werden müsse. Sie selbst übernehmen dabei selbstredend die Schöpferrolle. Dahinter steckt die Hybris, nicht nur eine „bessere Welt programmieren“ zu können, sondern durch Technik auch einen besseren Menschen zu formen.

Ausgeblendet wird, dass hier zwei inkompatible Kategorien verschränkt werden sollen. Das eine ist die Digitalisierung, im Kern Automatisierungstechnik mit Hilfe mathematischer Modelle. Etwas zu digitalisieren ist ein technischer Vorgang: die Transformation von Information in Daten, d.h. in ein maschinenlesbares Format. Die wichtigsten Parameter für technischen Systeme sind Normierung und Standardisierung der Abläufe, der Schnittstellen und Formate.

Damit komplett inkompatibel ist die menschliche Identität, die sich dadurch auszeichnet, dass sie sich nicht standardisieren und normieren lässt, sondern sich individuell, wenn auch im Kontext von Sozialgemeinschaften, Lebensalter und kulturellem Umfeld entwickelt. Rechenergebnisse lassen sich personenneutral reproduzieren. Das ist sogar das Grundprinzip von Wissenschaft: Überindividualität. Die Identität einer Person hingegen ist an das Individuum und seine Lebensumstände gebunden.

Was wir allerdings erleben, ist eine umgangssprachliche Ungenauigkeit, bei der mit einer selten erlebten Penetranz vor so gut wie jeden Begriffe ein „digital“ gesetzt wird. Das Ziel ist, die Deutungshoheit über Begriffe und die gesellschaftliche Relevanz von Digitaltechnik als neue Heilslehre zu bekommen: Digitale Arbeit, digitale Kindheit, digitale Schule, digitale Zukunft … Das funktioniert kurioserweise mit allem, vom digitalen Wolkenkuckucksheim bis zum digitales Knallbonbon. „Digital“ ist mittlerweile eine werbepsychologische Leerformel der Digitalisten, um ihre Konsumermärkte zu bespielen.

Credo: Was macht Digitalisierung mit Identitäten?

Prof. Lankau: Für Rechen- und Dateiverarbeitungssysteme, die Nutzer- und Verhaltensdaten auswerten (Big Data Analytics, Personal Analytics, Learning Analytics), gibt es weder Personen noch Identitäten oder Individuen. Für Big-Data-Systeme sind wir alle lediglich Datensätze mit mehr oder weniger charakteristischen Merkmalen.

Was wir stattdessen benennen müssen, ist die Durchdringung auch des Privaten mit immer mehr digitalen Geräten und Diensten, die sich hinter dem euphemistischen Begriff „smart“ verbergen: Smart Home, Smart School, Smart City usw. Das heißt konkret: Überall zeichnen Sensoren menschliches Verhalten auf. Irritierenderweise geben sehr viele Menschen sehr private Daten preis. Sie trennen nicht zwischen Beruf und Privatleben und verschieben für ein bisschen Aufmerksamkeit permanent die Schamgrenze. So entstehen private bis intime Persönlichkeits- und Verhaltensprofile im Netz. Hier schließt sich der kommerzielle Kreis: Wer unsere Profile kennt (bzw. kauft), kann uns durch gezielte Angebote beeinflussen.

Die Aufmerksamkeitsökonomie des Web führt zu zweierlei: Zum einen werden die öffentlichen Profile immer „privater“, zugleich standardisierter. Es gibt viel mehr Menschen im Netz (mehr als 90%), die nachmachen, was ihnen Influencer, Trendsetter, Peers vormachen als solche, die eigene Ideen entwickeln. Zum anderen geben sie für ein paar Feedbacks und Likes ihre Privatsphäre und Intimsphäre auf. Wir wissen schon heute, dass es ein elementares Privileg des 21, Jh. sein wird, seine Privatsphäre zu bewahren, selbst entscheiden zu können, welche Daten von einem im Netz auftauchen.

Prof. Ralf Lankau ist Medienwissenschaftler an der Hochschule Offenburg und gilt als Kritiker der Digitalisierung. Er ist protestantisch erzogen und geprägt, und, wie er selbst sagt, als Wissenschaftler jeder vermeintlichen Wahrheit gegenüber kritisch. An der Frage des Glaubens arbeite er noch. (Foto: privat)

Credo: Gerade jetzt in der Corona-Zeit scheint Digitalisierung jedoch der Masterplan zu sein. Gefühlt alles findet online statt. Welche Probleme sehen sie aktuell?

Der Masterplan ist „digitale Transformation“ aller Lebensbereiche mit dem Ziel der digitalen Organisation von immer mehr, möglichst allen Lebensbereichen. Das ist kein Ergebnis von Corona, sondern eine Strategie seit Mitte der 1940er Jahren (Stichworte: Kybernetik und Methoden der Regelungstechnik für Sozialsysteme). Die aktuelle Informationstechnik mit Netzwerken wie WLAN, 5G und mobilen Endgeräten in der Hosentasche ist nur die technische Infrastruktur. Die Grundidee ist, dass man soziale Systeme und den einzelnen Menschen steuern kann wie maschinelle Systeme. Am Ende dieser Logik steht die umfassend überwachte und kontrollierte Gesellschaft wie in China. Statt Privatsphäre und Selbstverantwortung gibt es ein Sozialpunktesystem (Citizen Scoring), in dem mein Wohlverhalten darüber entscheidet, welche Arbeit und Wohnung ich bekomme, auf welche Schule meine Kinder gehen dürfen oder welche medizinische Versorgung die Eltern bzw. Großeltern bekommen. Der Mensch wird entmündigt und jeglicher Freiheiten beraubt. Die Techniken sind dazu alle einsatzbereit, die Geschäftsmodelle funktionieren. Aber die meisten Menschen realisieren nicht, was hinter den Displays und Touchscreens gerade aufgebaut und getestet wird. Es ist doch alles so bequem …

Credo: Sie sprachen anfangs von Technik-Evangelisten, die die Schöpferrolle übernehmen wollen. Was können junge Menschen, die an einen Schöpfergott glauben, diesen Prozessen entgegensetzen?

Das lässt sich am ehesten erkenntnistheoretisch bzw. philosophisch beantworten. Seit der Antike unterscheiden wir verschiedene Wissensformen: Die Wissenschaft (griech.: theorie, lat. scientia), die Meinung (griech.: doxa, lat.: opinio) und den Glauben (griech.: pistis, lat.: credo). Dazu kommen die Künste (technê, bzw. artes) als praktisches Wissen. Alle vier Wissensformen haben ihre Aufgabe, Berechtigung und Beschränkung. Gerade für junge Menschen ist es m.E. wichtig, neben dem wissenschaftlichen Weltbild und dem zunehmenden Technikdeterminismus aller Lebensbereiche ein human und demokratisch begründetes Menschenbild gegenüber zu stellen, zu dem wesentlich die Besinnung auf die christlichen Quellen unserer Kultur gehören. Es gibt weltweit keine Kultur ohne Glauben und Religion. Das ist m. E. der notwendige Konterpart zur Selbstüberhebung des technikgläubigen Menschen, der es in wenigen Jahren seit Beginn der Aufklärung geschafft hat, durch Industrialisierung und Kommerzialisierung unsere Lebensgrundlage zu zerstören, Stichwort Klimawandel. Noch wichtiger ist zu fragen, was wir von den ganzen Angeboten, Diensten und Techniken überhaupt brauchen. Denn ein Leben in Gemeinschaft gibt es nur analog, nicht im Netz. Wir müssen uns besinnen auf das, was den Menschen ausmacht. Technik ist es nicht.

Prof. Lankau war eingeladen, beim der Herbstvollversammlung des Diözesanrats der Katholiken, einen Vortrag zu halten. Dieser musste leider coronabedingt abgesagt werden.