Thema · Contest Klassentreffen

Mein Haus, mein Auto, meine …

Weihnachtsfeiertage, Heimaturlaub, Elternbesuch – da ist auch das Klassentreffen nicht weit. Für mich waren Klassentreffen immer von einem mulmigen Gefühl begleitet: „Mein Haus, mein Auto, meine Frau. Und du?” So lautet in etwa die Albtraum-Frage. Kann ich in diesem Männlichkeitscontest bestehen?

von Raphael Schadt · 04.01.2021

Mein Haus, mein Auto, meine Frau. Albtraum „Männlichkeitscontest beim Klassentreffen”. Symbolbild: stock.adobe.com, abelena.

Nach dem Abitur steht einem die Welt offen. Die große Freiheit – für mich vor allem eine Freiheit von Plan. Mit Begabungs-Test und einer sehr hohen moralischen Latte hielt ich Ausschau nach adäquaten Betätigungsfeldern. Der perfekte Beruf sollte etwa die Kreativität und Popularität von Rockstars bei gleichzeitiger moralischer Integrität von Mahatma Ghandi bedienen. So ein Beruf kam in der Berufs-Informations-Broschüre vom Arbeitsamt leider nicht vor.

Schmerzliche Vergleiche

Schon vor längerer Zeit habe ich einmal von einer Studie gehört, die nach Ursachen dessen suchte, was Hausfrauen (damals noch kein Schimpfwort bzw. im bürgerlichen Milieu noch akzeptierte und ehrbare Norm) einen Beruf außer Haus ergreifen ließ. (Leider hab ich sie auf Google nicht gefunden.) Jedenfalls stellte diese Studie fest, dass die Wahrscheinlichkeit, dass eine Hausfrau/Mutter eine Lohnerwerbsarbeit anfing, besonders dann signifikant anstieg, wenn das Einkommen des Haushaltest ihrer Schwester – sprich des Schwagers – deutlich höher als das ihres Mannes war. Laut dieser Studie, war der VERGLEICH mit der Schwester, anders gesagt der Neid, das stärkste Motiv, das Familienmütter in den Arbeitsmarkt trieb.

Warum ist der Vergleich ausgerechnet mit den Geschwistern so mächtig? Vielleicht, weil man zusammen gestartet ist und sich daher zumindest genetisch die gleichen Voraussetzungen zugestehen muss? Dieser Vergleich wirft die Frage auf, ob man selbst gute Entscheidungen getroffen hat und ob es das Leben gut mit einem gemeint hat, oder weniger.

Mit manchen meiner Klassenkameraden habe ich dreizehn Jahre die Schulbank gedrückt und obgleich uns weder Genetik noch Familienprägung verbinden, empfinde ich zumindest einen ähnlichen Vergleichsdruck. Der Sparkassen-Werbespot – erstmals in den Neunzigern ausgestrahlt – bringt die Situation satirisch auf den Punkt: „Mein Haus, mein Auto, mein Boot” halten sich die ehemaligen Schulfreunde, die sich zufällig in einer Bar treffen, entgegen und knallen dabei die Beweisfotos ihres Erfolgs auf den Tisch.

Wer hat die Welt gesehen oder noch nie die Provinz verlassen? Sein Haus gebaut oder gar abbezahlt? Wer hat geheiratet oder ist schon wieder geschieden? Wer hat seine Träume oder seinen hohen Anspruch tatsächlich verwirklicht? Jedenfalls fällt mir auf, dass der direkte Vergleich mit Geschwistern, Freunden und Bekannten schmerzlicher wird, je näher sie einem stehen. Die Nähe suggeriert Vergleichbarkeit. Vielleicht heißt es deshalb: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten …“ Was jene besitzen, mit denen ich nichts zu tun habe, ist mir zumindest ziemlich egal.

Ist Begehren das Gleiche wie Sehnsucht?

Eigentlich wissen wir nicht, was wir wollen sollen. Schon als Kind wollen wir am liebsten das, was unser Bruder oder unsere Schwester gerade hat. Die Geburtsstunde des Neids. Der französische Philosoph René Gigard spricht von mimetischem (nachahmendem) Begehren. Und auch später ändert sich da nicht so viel. Als ich ein Teenie war, gab es C-Netz Mobiltelefone: Ein Aktenkoffer mit einem Hörer dran. Das hatten Konzern-Vorstände und Bundeskanzler Helmut Kohl, vielleicht. Brauchte keiner! Heute: „ALLE in meiner Klasse haben ein iPhone, NUR ICH NICHT!!!“

Der Nokia Talkman von 1984. Wer es nicht hatte war deswegen kein Außenseiter. Bild: commons.wikimedia.org, krystof.k, CC 3.0 BY.

Aber was liegt hinter dem Wunsch nach Karriere? Ist das jetzt Sehnsucht, Begierde oder Neid? Was ist mit der Sehnsucht, aus seinem Leben etwas Sinnvolles zu machen? Das ist doch legitim, oder? Was ist mit schmerzlich erfahrener, unerfüllter Sehnsucht, die so manchen von Klassentreffen fernhält: Partner- oder Kinderlosigkeit, oder eben kein (angesehener, erfüllender) Job?

Menschliche Sehnsucht kann im Sinn, im Entdecken ihres Sinns, wie es Victor Frankl sagt, Erfüllung finden. Kürzlich habe ich gelesen: „Zwei der wichtigsten Tage in deinem Leben: 1. Der Tag an dem du geboren wurdest 2. Der, an dem du erkennst, wofür.” Mir scheint, das ist der Tag, an dem ich nicht mehr will, was andere wollen, sondern weiß, was meins ist, wofür ich mich einsetze und verschenke. Mir scheint auch, dass es zwischen Menschen, die wissen, was ihres ist, keinen Neid gibt. Wer sich das vor Augen hält, geht vielleicht auch entspannter ins nächste Klassentreffen.