Was mich unbedingt angeht

Die Unterscheidung zwischen Wichtigem und Unwichtigem. Von Andreas Theurer 

Neulich saß ich in einer Sitzung, die Gedanken schweiften ab, ja – ich gebe es offen zu: ich langweilte mich! Was da so verhandelt wurde, interessierte mich einfach nicht. Weil ich das Gefühl hatte, das betrifft mich nicht, das geht mich nichts an. Und so kam mir jener alte Schwabe in den Sinn, der auf seinem Sterbebett lag. Seine drei Söhne standen um ihn herum und begannen zu diskutieren, wohin man zum Leichenkaffee gehen sollte ...

Der älteste sagte: „I moin, mr sott ins Lamm gao“.
Darauf der mittlere: „Noi, ins Lamm setz i koin Fueß mea. Seit d‘ Wirte mr derletscht de Hafe henterdrei gschmisse hot, isch der Lade für mi ärledigt. I dät in de Bäre gao.“
Nun der jüngste: „Wie wär’s mitm Lindewirt? Do gfallt’s mr allweil am beschte!
Schließlich der Vater mit ersterbender Stimme: „I dät au sage, ganget zom Lindewirt!“
Darauf wieder der älteste: „Halt du de da raus, du goscht eh net mit!“

Es ist ja auch wirklich manchmal eine Plage, wie die Leute meinen, unbedingt mitschwätzen zu müssen, obwohl das Thema sie gar nichts angeht. Immer wieder engagiere ich mich für Fragen und Probleme, die mich schlicht nichts angehen, kümmere mich um Probleme, zu denen mich niemand um Rat gefragt hat und gebe Tipps und Weisheiten von mir, die keinen interessieren. Dabei gäbe es ja genug Themen, um die ich mich kümmern sollte, weil sie mich etwas angehen. Und dann gibt es noch Fragen, die sich mir geradezu aufdrängen, ob ich mich damit befassen will oder nicht.

Der protestantische Theologe Paul Tillich sprach von Gott als dem, „was mich unbedingt angeht“. Eine etwas sperrige Formulierung. Aber eine, die auch sehr schön deutlich macht, warum ich mich an Gott nicht einfach herummogeln kann. Warum ich zu ihm nicht sagen kann: was du da sagst/lehrst/verlangst/versprichst/usw. interessiert mich nicht. Diese Unbedingtheit kann mir lästig sein. Ich kann darüber spekulieren, was wäre, wenn es Gott nicht gäbe. Ich kann mir aber nicht aussuchen, ob ich lieber in einer Welt mit oder ohne Gott leben möchte. Diese Frage stellt sich mir einfach nicht, und sie wäre auch unsinnig. Denn ich komme nun mal nicht darum herum, dass es ihn gibt. Und deshalb werde ich auf meinem Sterbebett wohl gewichtigere Fragen zu klären haben, als wohin meine Nachfahren zum Leichenkaffee gehen. Nicht mehr über Fragen mitzuschwätzen, die mich nichts angehen, das kann ich mir immer wieder neu vornehmen.

Noch wichtiger aber wäre es doch, mich endlich mit den Fragen zu beschäftigen, die mich unbedingt angehen. Wozu bin ich in der Welt? Interessiert sich Gott wirklich für mich? Hat er eine Idee, wie ich mein Leben auf gute Weise führen kann? Was wird aus mir, wenn ich nicht mehr hier bin?

Ein Freund von mir, der wirklich einen Haufen Schwierigkeiten hatte, sagte einmal sinngemäß: Gott hat’s gut. Dem tut nichts weh. Der hat alles was er braucht und kann tun und lassen, was er will. Er hat keinen Beziehungsstress und leidet und stirbt auch nicht. Der kann gar nicht mitreden, wenn es um echte Probleme geht. Wenn man ihn brauchen würde, hilft er sowieso nicht. Und wenn man ihn gar nicht brauchen kann, dann redet er einem noch drein und stellt Ansprüche. Auf solche Ratschläge aus der sicheren Etappe kann ich verzichten!

Und dann rief er laut in Gottes Richtung: „Halt du dich da raus, du gehst ja eh nicht mit!“
Nur: da täuschte er sich. Aber sowas von.