Vergebung befreit

Wie Vergebung möglich ist – auch wenn der andere mich nicht darum bittet
Von Pfr. Martin Uhl

 „Verzeihen Sie vielmals!“, sagt der Mann, der mich aus Versehen angerempelt hat. „Nichts passiert!“, antworte ich. Im gleichen Moment ist es vergeben und vergessen. Ganz anders fühle ich mich, wenn der Mann sich überhaupt nicht entschuldigt oder mir gar vorwirft: „Können Sie nicht aufpassen?“ Dann werden meine Gedanken sich noch lange mit diesem Rüpel beschäftigen. Das Leben sorgt immer wieder dafür, dass Menschen an uns schuldig werden. Bitten sie uns um Verzeihung, sind wir meist zur Versöhnung bereit. Aber was ist, wenn ihnen gar nicht klar ist, was sie uns angetan haben oder wenn sie ihre Verantwortung abstreiten?

Da ist z.B. Marianne. Als sie mit dem zweiten Kind schwanger wird, ist ihr Mann beruflich sehr eingespannt. Sie fühlt sich von ihm im Stich gelassen. Das Unfassbare jedoch kommt, als sie nach der Geburt erfährt, dass ihr Mann an dem Wochenende, als es ihr am schlechtesten ging, auf Dienstreise mit einer Kollegin eine Affäre einging. Sie entscheidet sich zwar, die Ehe fortzusetzen. Ihr Mann hat die Sache auch sofort wieder beendet. Doch vergeben kann sie es nicht. Zu tief sitzt der Schmerz. Vor allem weigert sich ihr Mann, mit ihr darüber sprechen. Er rechtfertigt sich sofort und meint, es sei doch alles wieder gut. So bleibt etwas Unerledigtes zwischen ihnen. Marianne wird schleichend unzufriedener in der Beziehung und mit sich selbst.

Ihr würde Vergebung helfen, meint der Arzt und Paartherapeut Arnold Retzer. Und sie ist um ihrer Gesundheit willen sogar notwendig. Lang gehegter Groll und nicht vergebenes Unrecht nimmt uns Energie und belastet unsere Beziehungen. Vergebung hat dabei nicht das Ziel, den anderen zu verändern. „Durch die Vergebung verändert sich der Vergebende. Er hat sich selbst befreit davon, den Partner mit allen weiteren Konsequenzen hassen zu müssen“, sagt Retzer. Vergebung ist ein Akt der Befreiung von immer wieder aufkeimender Wut, Ohnmacht und Selbstmitleid.

Wie kann Vergebung konkret gehen?

Der Paartherapeut beschreibt es als inneren Vorgang im Vergebenden. „Der Partner ist in diesen Prozess nicht einbezogen. Er würde ihn durch Verteidigung, Erklärungen, Richtigstellungen und Entschuldigen stören.“ Folgende Schritte sind nacheinander zu gehen und am besten schriftlich festzuhalten:

  1. Schreib alles detailliert auf, was dir der Betreffende angetan hat. Nimm keine falsche Rücksicht. Es geht um deine Schmerzen, die du erlitten hast. Ist wirklich alles erfasst? Erst dann kommt der zweite Schritt.
  2. Was müsste der andere tun, um das erlittene Unrecht wiedergutzumachen? Worauf hast du Anspruch, damit die Schuld annähernd ausgeglichen wäre? Marianne z.B. schreibt folgende Liste: Ich habe Anspruch darauf, dass du betroffen darüber bist, was du mir angetan hast. Ich habe Anspruch darauf, dass du mich glaubhaft um Verzeihung bittest. Es wäre angemessen, dass du am eigenen Leib spürst, was ich durchgemacht habe. Es wäre angemessen, wenn du mir als Ausgleich eine Woche Urlaub mit Freundinnen finanzierst und dich in dieser Zeit um die Kinder kümmerst.
  3. Erst wenn wirklich alle Ansprüche aufgeschrieben sind, kann der nächste Schritt der eigentlichen Vergebung erfolgen. In einer inneren Entscheidung verzichte ich auf die Einlösung der berechtigten Ansprüche an den anderen. Es ist wie ein Erlass von Schulden, die jemand bei mir hat, jedoch nie wird zurückzahlen können. Symbolisch kann dabei die Anspruchsliste vernichtet werden. Der Vergebende beschließt außerdem für sich, dass er die Vorwürfe dem anderen gegenüber nicht mehr verwenden wird.

Solche Schritte der Vergebung können gegenüber allen erfolgen, die uns ungerecht behandelt haben, vielleicht Eltern, Geschwister, Lehrer, Vorgesetzte, Kollegen oder Nachbarn.

Vergebung gegenüber einem, der von seiner Schuld nichts weiß oder
wissen will, ist möglich.

Allerdings erst, wenn das Gerechtigkeitsgefühl im Betroffenen wiederhergestellt ist. Dies geschieht dadurch, dass er sich innerlich traut, seine Ansprüche geltend zu machen. Nur dann kann er auf sie verzichten und vergeben.


Literaturempfehlung:

Arnold Retzer, Lob der Vernunftehe. Eine Streitschrift für mehr Realismus in der Liebe,
Fischer-Verlag 2011, v.a. Kapitel 5 „Warum vergeben vernünftig ist“