Missionarische Kirche

Wie kann die Kirche missionarisch werden? Von Weihbischof Florian Wörner 

Bei meinen Visitationen wird mir immer wieder diese Frage gestellt. Nun – „die Kirche“ ist sowieso schon missionarisch. Sie ist sogar selbst eine einzige große Mission. Denn genau das ist doch der eigentliche Sinn von Kirche: Die frohe Botschaft von der Erlösung in Christus zu den Menschen zu bringen. Und nicht nur die Kirche, sondern jeder einzelne von uns ist nach den Worten von Papst Franziskus „eine Mission“! Aber natürlich ist uns allen klar: die Kirche, wie wir sie bei uns erleben, ist oft nicht so. Und dann drängt sich schon mitunter die Frage auf: warum kommen die Leute nicht mehr zu uns?

Weihbischof Florian Wörner (Foto: Nicolas Schnall, Pressestelle Bistum Augsburg)

„Den Schalter umlegen!“

Der persönliche Rat, den ich hier gerne gebe, klingt zuerst einmal ganz einfach: „Den Schalter umlegen!“ Wo wir uns bisher konzentrieren auf den Erhalt von Strukturen und das Bemühen, möglichst lange noch so weiterzumachen, wie wir es immer gemacht haben, da möchte ich am liebsten den Schalter umlegen und die Blickrichtung verändern: Wie können wir die lebensverändernde Kraft des Evangeliums an uns selbst neu erfahren und andere an dieser Erfahrung teilhaben lassen? Welche unserer kirchlichen Aktivitäten führen tiefer hinein ins Gebet, ins Hören auf das Wort Gottes, in die Anbetung, in die Christusbeziehung und damit auch in die Fähigkeit zur Weltgestaltung aus dem Geist Christi?

Aber so einfach, wie es klingt, ist es natürlich normalerweise nicht. Um in unseren Pfarreien etwas in diesem Sinne zu verändern, reicht es nicht, irgendwo in der Sakristei oder im Pfarrhaus einen solchen Schalter zu suchen. Er liegt vielmehr in jedem von uns selbst. Will ich – wollen Sie – dass unser öffentliches und privates Leben vom Heiligen Geist geprägt wird? Wollen wir, dass die Gemeinschaft mit Christus für uns oberste Priorität hat? Wollen wir, dass das Licht des Glaubens bis in den hintersten Winkel unseres Herzens strahlt? Dann legen wir den Schalter um! Dann entwickelt sich in uns persönlich und in unseren Pfarreien eine „Willkommenskultur“. Denn wo der Geist des Herrn willkommen ist, da ist es auch der Mitmensch.

„Willkommenskultur“

Am 8. Januar hatten wir beim Seminartag des Instituts für Neuevangelisierung mit dem provokanten Titel „Aus Konsumenten Jünger machen“ den kanadischen Priester und Bischofsvikar James Mallon zu Gast. Er hat uns 490 Teilnehmer an den Erfahrungen teilhaben lassen, die er als Pfarrer beim Umbau – er spricht gerne von „Renovierung“ – seiner Gemeinde gemacht hat. Für mich waren viele wertvolle Impulse dabei. Zum Beispiel: das Schwergewicht der Pfarreiarbeit auf die Feier des Sonntags zu legen mit sorgfältig vorbereiteten Messliturgien und Predigten und einem ansprechenden äußeren Rahmen. Oder der große Segen, der in einer Pfarrei daraus entsteht, wenn es für ihre Mitglieder zur Selbstverständlichkeit wird, an Glaubenskursen (z. B. Alphakurs) teilzunehmen. Das sind durchaus Herausforderungen an unsere Praxis! Aber ich glaube, wir sollten sie anpacken.

Am 20. Januar beim Studientag Neuevangelisierung „Wenn andere nach unserem Glauben fragen“ wenden wir uns einem weiteren Aspekt von Willkommenskultur zu. Ist es uns eigentlich recht, wenn Menschen mit anderer religiöser Prägung, von denen es inzwischen ja sehr viele in unserem Land gibt, in unsere Pfarreien finden und Christen werden? Oder wollen wir das Evangelium lieber für uns behalten und vermeiden, dass fremde Menschen mit ihren Fragen und Problemen Unruhe in unseren Alltag bringen? Soll man Angehörigen anderer Religionen überhaupt das Evangelium bezeugen, oder ist Mission heute nicht überflüssig, vielleicht gar friedensstörend? Ich halte das für sehr wichtige Fragen.

Wie also kann die Kirche missionarisch werden?

Indem sie, d.h. jeder einzelne von uns, ihre Aufmerksamkeit neu auf den Herrn richtet, der sie gesandt und befähigt hat, das Evangelium einladend zu verkünden und auch selbst glaubwürdig danach zu leben. Indem wir alle, von Gottes Geist begeistert, Christus nachfolgen. So wird die Kirche, so werden unsere Pfarreien, so werden unsere privaten und beruflichen Beziehungen missionarisch.