Mission als Antwort

Mission als Antwort auf die Sehnsucht nach der Wahrheit über Gott und den Menschen
Von Schwester Dr. Theresia Mende 

Das Ringen nach Klarheit vollzog sich in mir unter großen Qualen und ließ mir Tag und Nacht keine Ruhe. … Nach und nach arbeitete ich mich in eine richtige Verzweiflung hinein. … Das beste Mittel, sich mit dieser erbärmlichen Welt abzufinden, wäre ja, sich von ihr zu verabschieden“ – ein Wort tiefster Verzweiflung. Woher stammen solche Worte? Aus dem Abschiedsbrief eines Selbstmörders? Sie werden es nicht glauben: Es sind die Worte einer Heiligen, einer großen Frau des 20. Jahrhunderts, die Papst Johannes Paul II. sogar zur Patronin Europas ernannt hat: Edith Stein.

Im Nachhinein kommentiert Edith Stein diese dunkelste Phase ihres Lebens, in der ihr Ringen um die Wahrheit so schmerzlich war, dass es sie an den Abgrund des Selbstmords trieb, mit dem Satz: „Meine Sehnsucht nach der Wahrheit war ein einziges Gebet“. Damit steht Edith Stein stellvertretend für viele, vor allem junge Menschen unserer Zeit, die sich mit einer unbändigen Sehnsucht nach dem letzten Sinn und Ziel ihres Lebens ausstrecken, d.h. für Menschen, die mit einer solchen Vehemenz nach der Wahrheit ihres und allen Seins suchen, dass sie im Falle des Nichtfindens bereit sind, eher ihr Leben wegzuwerfen, als sinnlos – und d.h. ohne die Wahrheit – dahin zu leben.

Der Durchbruch geschah für Edith Stein in jener durchlesenen Nacht im Herbst 1921 im pfälzischen Bergzabern. Sie hatte am Abend wahllos die Autobiographie der hl. Teresa von Avila aus dem Bücherschrank gezogen, war sofort „gefangen“ von der Lektüre, wie sie selbst sagt; und als sie am Morgen das Buch schloss, konnte sie nur noch sagen: „Das ist die Wahrheit“. Die Wahrheit hatte für Edith Stein ein Gesicht bekommen: das Gesicht Jesu Christi. Er, der von sich sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben!“ (Joh 14,6).

Der Grund der Suche des Menschen nach der Wahrheit

Fragen wir uns: Warum ist das so, dass Menschen bis zur Verzweiflung nach der Wahrheit ihres Lebens und allen Seins suchen? Warum ist das so, dass sie diese Wahrheit nur in Gott finden und nur in Gott ihre „Seele bergen“ können, wie Edith Stein an anderer Stelle sagt?

Weil der Mensch von Schöpfung an auf Gott hin ausgerichtet ist. Er ist von innen her auf Gott hin angelegt, so dass er gar nicht anders kann, als sich – bewusst oder unbewusst – nach Gott auszustrecken. In Genesis 2,7 heißt es: „Gott formte den Menschen aus Staub vom Erdboden und blies in seine Nase den Lebensodem / seinen Lebensodem; und so wurde der Mensch eine lebendige Seele.“

Der Mensch ist demnach seinem Wesen nach Ebenbild Gottes, gleich aus welchen ethnischen oder religiösen Zusammenhängen er stammt: Ob Christ, Muslim, Hindu, Buddhist oder sonst etwas, er ist immer ein geliebtes Gegenüber Gottes, da er von Schöpfung an den Geist Gottes in sich trägt. Die höchste Erfüllung seines Menschseins findet er demnach ausschließlich in der Gegenwart Gottes. „Unruhig ist meine Seele, bis sie Ruhe findet in Dir, mein Gott“, bekennt dementsprechend der hl. Augustinus. Nun ist der Mensch jedoch durch die Ursünde aus der ursprünglich unmittelbaren und ungetrübten Gegenwart Gottes herausgefallen – im Bild der alttestamentlichen Urgeschichte gesprochen: Er hat das Paradies verloren (Gen 3,22-24). Und je weiter er sich in der Folgezeit durch die Sünde von Gott entfernt, umso stärker entfremdet er sich auch sich selber und seinem eigenen Wesen.

Gottes Antwort auf diese Sehnsucht

Der Mensch muss aus der Gottesferne wieder in die Gegenwart Gottes zurückkehren. Doch anhand verschiedener Bibelerzählungen lässt sich erkennen, dass der Mensch aus eigener Kraft nicht mehr umkehren kann. Er ist unfähig geworden – so das Bild vom verschlossenen Paradies – sich aus eigener Kraft die Gemeinschaft mit Gott zurückzuerobern.

Aber was im Menschen ebenfalls nicht zu stoppen ist, ist eine ebenso rasende, d.h. tiefe und schmerzliche Sehnsucht nach dem Verlorenen, nach der Wahrheit seines eigenen Seins, nach Heilung und Befreiung und nach Rückkehr in jene ihm von Schöpfung an zugedachte Würde als Ebenbild und geliebtes Gegenüber Gottes.

Das AT ist voll solcher Sehnsuchtsäußerungen, die immer dann mit besonderer Heftigkeit aufbrechen, wenn Israel sich in eine ausweglose Lage verstrickt hat. „O reiß doch die Himmel auf und komm herab!“, fleht das Volk in einer Zeit politischer Unterdrückung zu Gott – so in Jes 63,19. Und in 63,15f bettelt es: „Halte dich nicht von uns fern! Du ist doch unser Vater!“ In Ps 144 schreit der Beter: „Jahwe, neig deinen Himmel und steig herab! … Streck deine Hände aus der Höhe herab und befreie mich; reiß mich heraus aus gewaltigen Wassern!“ (V. 5.7).

Auf diese unbändige, schmerzvolle Sehnsucht antwortet schließlich Gott durch die Sendung seines Sohnes: „Als die Fülle der Zeit gekommen war“, d.h. als die Menschheit am Tiefpunkt ihrer Geschichte und damit auf dem Höhepunkt ihrer Sehnsucht angekommen war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen“, heißt es im Galaterbrief (4,4-5). Und in Joh 3,16: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.“

In Jesus Christus ist Gott selbst in diese Welt gekommen, um die durch die Sünde zerbrochen Schöpfung wieder zu heilen, die Macht des Bösen endgültig zu besiegen und das ursprüngliche Verhältnis der Unmittelbarkeit des Menschen zu Gott wieder herzustellen – im Bild des AT gesprochen: um uns das Paradies wieder zu öffnen. „Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat“, bestätigt der Apostel Paulus in 2 Kor 5,19, und er fährt fort: „ … indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und uns das Wort der Versöhnung (zur Verkündigung) anvertraute.“

Daraufhin zieht Paulus die Schlussfolgerung: „Wir sind also Gesandte an Christi statt … Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!“ (2 Kor 5,20).

„Missio“ – zu Deutsch: Sendung

Die Versöhnung der Menschheit mit Gott und d.h. die Rückführung des Menschen hinein in die unmittelbare Gemeinschaft mit Gott, zu der er ja ursprünglich geschaffen worden war und nach der er sich immer zurücksehnen wird, solange er in dieser Weltzeit lebt, diese Versöhnung der Menschheit mit Gott besitzt demnach von innen her die Struktur der Sendung. Sie ist geschehen durch „missio“ – zu Deutsch: Sendung – durch die Sendung des Sohnes vom Vater in unsere Welt, um sie heimzuholen, zurückzuführen zum Vater.

Doch diese Sendung ist mit dem „Sohn“, Jesus Christus, nicht zu Ende. Sie setzt sich, wie Paulus sagt, im Verlauf der Geschichte in der Kirche Jesu Christi fort: Wir sind nun Gesandte an Christi statt.

Somit gilt diese Sendung bis heute und sie wird weiter gelten, solange die Menschheitsgeschichte andauert. Denn in Jesus Christus hat Gott zwar die an der Sünde zerbrochene Menschheit mit sich versöhnt, doch die Vollendung der Versöhnung wird erst am Ende der Zeiten geschehen, wenn der Herr wiederkommt. 

In der Zwischenzeit aber wächst die Sehnsucht nach der Wiederherstellung der Wahrheit über Gott und den Menschen und ihre ursprünglich innige Zusammengehörigkeit umso mehr, je mehr sich der Mensch in die Gottesferne verstrickt. Das ist es, was Paulus meint, wenn er im Römerbrief schreibt: „Denn die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Kinder Gottes … Auch die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt“ (Röm 8,19.21-22).

Bedenkt man also, dass die Zwischenzeit zwischen dem ersten Kommen Jesu Christi und seiner Wiederkunft am Ende der Zeiten eine ausgeprägte Sehnsuchtszeit ist, und bedenkt man, dass diese Sehnsuchtszeit erfüllt ist von einem schmerzvollen Suchen und Ringen der Menschheit – oder besser der ganzen Schöpfung, wie Paulus sagt – um die Wahrheit, um Gott und um ein Zur-Ruhe-Kommen und Sich-Bergen in Gott,

  • dann dürfen wir Christen nicht von „Mission“ schweigen.
  • Dann müssen wir in dieser Zwischenzeit unsere Verantwortung als „Gesandte an Christi Statt“, wie Paulus sagt, wahrnehmen und die Menschen bei ihrem Suchen und Ringen um die Wahrheit begleiten.
  • Dann müssen wir ihnen den Grund und das Ziel ihrer schmerzvollen Sehnsucht aufzeigen und sie, soweit es uns möglich ist, auf den Weg der Versöhnung mit Gott und d.h. der Erfüllung und Vollendung ihres eigenen Seins, führen.

Natürlich darf das nicht unter Zwang geschehen, wie es möglicherweise in der Missionsgeschichte zuweilen missverstanden wurde, sondern indem wir demütig bitten „an Christi Statt“, wie Paulus sagt: „Lasst euch mit Gott versöhnen!“

Eintreten in die Sendung Jesu

So ist die „Mission“ der Christen nichts Geringeres als das Eintreten in die Sendung Jesu und die Fortführung derselben durch die Geschichte hindurch bis zur Wiederkunft des Herrn. „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch!“, sagt der Auferstandene Herr zu seinen Jüngern (Joh 20,21). Wenn wir jetzt einen Blick auf die Sendungsberichte des NT werfen, werden wir erkennen, dass hier die Sendung der Apostel und Jünger und damit auch unsere Sendung zur Mission heute, genau in diesem Sinne geschieht.

Kurz gesagt: Die Mission der Apostel und Jünger Jesu besteht darin, den bis zur Verzweiflung ringenden Menschen sowie der gesamten seufzenden und sehnsüchtig auf die Rückkehr in die Wahrheit ihres Seins wartenden Schöpfung, die „frohe Botschaft“ zu bringen, dass Gott in Jesus Christus – bildlich gesprochen – „das Paradies“ wieder geöffnet und die Menschheit sowie die gesamte Schöpfung in die reine und ungetrübte Nähe zu Gott zurückgeholt hat.

Mission ist von ihrem Wesen her nichts anderes als die von Gott selbst autorisierte Sendung seiner Jünger – und das heißt auch unsere Sendung heute Antwort zu geben auf die Sehnsucht nach Wahrheit, welche durch die gesamte Weltgeschichte hindurch die Menschen unter Schmerzen treibt und quält.

Zusammenfassend können wir also sagen:

  1. Christliche Mission ist zuallererst eine Bewegung Gottes auf den Menschen und sodann eine Bewegung des Menschen auf Gott zu. Beide, Gott wie Mensch, strecken sich voller Sehnsucht nach einander aus, wobei der Mensch Gott und damit die Wahrheit seines Seins niemals aus eigener Kraft ergreifen kann.

  2. Der erste Missionar ist Jesus Christus selbst, der vom Vater in die Welt gesandt wurde, um die Menschheit, die sich in die Gottferne verloren und damit sich selbst und der Wahrheit ihres Seins entfremdet hatte, wieder mit Gott zu versöhnen und d.h. in die Wahrheit ihres eigenen Seins zurückzuführen.

  3. Mission ist somit ihrem Wesen nach Antwort Gottes auf die Sehnsucht des Menschen nach Wahrheit, nach Unversehrtheit, nach Heil und Heilung, nach Geborgenheit in Gott und nach letzter Erfüllung seines menschlichen Wesens in der Gemeinschaft mit Gott.

  4. Doch in der Zwischenzeit zwischen dem ersten Kommen Jesu und seiner Wiederkunft am Ende der Zeit braucht Gott menschliche Missionare, „Gesandte an Christi Statt“, wie Paulus sagte, die in die Sendung Jesu eintreten und sie in dieser Weltzeit fortsetzen. Dazu hat Jesus vor seiner Himmelfahrt die Apostel und Jünger – und damit alle, die im Verlauf der Geschichte einmal seine Jünger sein werden, also die gesamte Kirche – berufen und gesandt und mit „der Kraft aus der Höhe“, dem Heiligen Geist, ausgestattet.

  5. Der christliche Missionar wirkt nicht aus eigenem Wollen; er steckt sich nicht selbst seine Ziele, sondern wirkt ganz im Gehorsam gegenüber Gott. Er lässt sich bei seiner Mission vom Geist Gottes senden und begleiten und ist bereit, dabei auf den Geist Gottes zu hören, was jedoch andererseits nicht ausschließt, dass er eine starke innere Aufmerksamkeit für den Menschen und die Sehnsucht seines Herzens besitzt.

  6. Der christliche Missionar wird weder mit unlauteren Motiven noch mit Druck oder Tricks Menschen zu gewinnen versuchen. Seine einzige „Methode“ der Mission darf es sein, den Suchenden die Augen für die Wahrheit Gottes und ihres eigenen Seins zu öffnen, und zwar in erster Linie durch die Auslegung der Heiligen Schrift. Dazu braucht er nicht unbedingt ein Theologiestudium, sondern muss vielmehr ein Mensch sein, der der Wahrheit Gottes in Jesus Christus selbst begegnet ist.

  7. Als solcher von Jesus Christus berührter Mensch wird der Missionar immer wieder dem Hl. Geist Raum in seinem Leben geben. Er wird sich nicht nur vom Heiligen Geist führen, sondern auch befähigen lassen, die Heilige Schrift kraftvoll auszulegen. Denn der Heilige Geist ist ja der Schlüssel zu einem tieferen Verständnis der Schrift.

  8. Der christliche Missionar wird nicht der Versuchung des Relativismus verfallen. Er weiß vielmehr aus eigener Erfahrung um das Beglückende, Befreiende, Heilende und Sinnstiftende einer absoluten Wahrheit, da er ihr in Jesus Christus begegnet ist. Er weiß, dass diese Wahrheit, die das Gesicht Jesu Christi trägt, die menschgewordene Liebe Gottes selber ist. So fürchtet er sich nicht, von dieser großen Liebe seines Lebens zu sprechen und sie mit Feuer und Hingabe vor den Menschen zu bezeugen.