Ein Abend voller Gnade

Eindrücke zum Abend der Versöhnung von Dekan Ludwig Waldmüller 

Die Kirche ist in buntes Licht getaucht, der Raum riecht leicht nach Weihrauch, ruhige Musik eines kleinen Chores ist zu hören, auf dem Altar steht – im Scheinwerferlicht glitzernd – die Monstranz mit dem Allerheiligsten, und in den Seitenschiffen der Kirche brennen auf kleinen Tischen, an denen jeweils ein Priester in Albe und weißer Stola sitzt, Kerzen. Immer wieder ins Gespräch vertieft. Und in einem Beichtstuhl brennt Licht, davor eine Schlange von Menschen, die darauf warten, dort ihre Beichte ablegen zu dürfen: Es ist Abend der Versöhnung in Sankt Josef in Memmingen.

Patrizia (10) schreibt: „Vor der Beichte hatte ich erst richtig Angst, und dann ging es aber doch richtig gut. Danach habe ich mich richtig frei gefühlt.“ 

Der Abend beginnt immer mit einem Bußgottesdienst, also einer Andacht, in der das Thema der Versöhnung, das Sakrament der Beichte und eine gemeinsame Gewissenserforschung eine Rolle spielen. Da haben wir schon so einiges ausprobiert – und unter anderem gemerkt, dass es sehr gut ist, wenn jemand ein Zeugnis zur Beichte gibt und von ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Sakrament erzählt. Wir haben aber auch gelernt, dass es sehr schwierig ist, jemanden zu finden, der dieses Zeugnis gerne gibt. Denn: Es geht um ein ganz persönliches Erlebnis, es bedeutet viel Überwindung und großen Mut, in einer gut besuchten Kirche über die Erlebnisse zu sprechen, die man selbst gemacht hat, als man seine Sünden bekannte und die Lossprechung empfing.

Gianna (12) schreibt: „Bei der Beichte kann ich Gott näherkommen und meine Freundschaft mit Jesus stärken und erneuern. Ich bin Gott so dankbar, dass er uns durch die Beichte unsere Sünden vergibt und dass Gott sich sogar nach der Beichte nicht mehr an unsere Sünden erinnert.“ 

Marius (15) sagt: „Ich habe vor der Beichte zu Gott gebetet und gesagt: Ich will ein richtiges Wow-Erlebnis. Dann bin ich beichten gegangen, und das Klima hat perfekt gepasst. Ich habe alle meine Sünden vorgetragen, und da waren auch Sünden dabei, bei denen ich mich erst nicht getraut habe, weil mir das komisch vorgekommen war. Aber dann habe ich mir bewusst gemacht: Ich rede mit Gott und nicht mit dem Priester, dem ist es doch eh egal, und er vergisst es auch. Dann aber hat Gott wirklich durch die Worte des Priesters geredet; das habe ich wirklich so gespürt. Das waren auch die perfekten Worte, mit denen ich jetzt wieder gestärkt in den Alltag gehen kann.“

Ja, wir haben viel gelernt in den letzten Jahren, auch dass es zum Beispiel um einiges besser ist, den Bußgottesdienst und die Katechese zur Beichte mit Liedern aus dem Gotteslob zu gestalten als mit modernen Lobpreisliedern – einfach weil die Menschen letztere zwar mögen, aber so gut wie nie mitsingen. Viel gelernt haben wir, zum Beispiel auch, dass es nach dem Bußgottesdienst und der Einladung, bei der Anbetung zu bleiben und das Sakrament der Versöhnung zu feiern, gleich weitergehen muss. Wenn da ein Loch entsteht, etwa weil die Aussetzung nicht gleich ist oder die Musik nicht sofort beginnt, dann stehen viele Menschen auf und gehen nach Hause. Es ist sehr gut, vieles zu lernen. Aber nicht nur für mich als Pfarrer und die Leute, die mit mir diesen Abend vorbereiten, sondern auch für die Menschen, die zu uns und zum Herrn kommen. Immer wieder höre ich bei Gesprächen an diesem Abend: „Ich war schon so lange nicht mehr bei der Beichte, aber heute habe ich mich so angesprochen gefühlt ...“ Und ich habe immer wieder sehen dürfen, wie Menschen ganz persönlich und individuell erfahren, dass ihnen der Moment des Bekenntnisses und der Lossprechung etwas gibt.

Yannic (13) schreibt: „Wenn ich vor der Beichte Sport draußen mache, dann fühl ich mich oft träge und schwer. Nach der Beichte aber sind alle meine Sünden, also schwere Steine, die einem oft das Leben erschweren, vergeben und abgenommen. Hinterher beim Sport läuft dann alles leichter ab.“

Pius (15) schreibt: „Die Beichte ist schon chillig und cool, weil man Jesus alles sagen kann, was einen beschäftigt. Auch wird einem eine große Last abgenommen, die auf der Seele lastet. Ich spüre nach jeder Beichte eine unglaubliche Freude und fühle mich sehr befreit.“

Der Abend der Versöhnung ist für viele Menschen, die in unseren Pfarreien seit Jahren in die Kirche gehen, etwas Ungewohntes. Sie kennen den klassischen Bußgottesdienst, der bei ihnen schon lange die persönliche Beichte ersetzt hat. Dass es da nun eine andere Form gibt, die ohne Segen endet, die direkt in die Möglichkeit mündet, das Sakrament der Versöhnung zu feiern, ist für viele nicht ganz einfach. Es sei doch immer so gewesen, höre ich öfter, dass ein Bußgottesdienst reiche. Und man solle das doch einfach wieder so machen wie früher. Auf der anderen Seite spüre ich auch, dass eine Neuentdeckung der Beichte in unseren Pfarreien passiert: Seit dem Beginn des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit haben wir in Memmingen jeden Wochentag eine Stunde lang in der Kirche Sankt Johann am Marktplatz das „Offene Ohr“, wo immer ein Priester unseres Dekanats anwesend ist, um für Gespräch und Beichte zur Verfügung zu stehen. Man bleibt dort als Priester nie allein, und Beichten sind dort wirklich tagtäglich zu erleben, sie gehen tief. Und sie sind oft ein Neuanfang nach Jahren. Auch zu den üblichen Beichtgelegenheiten stellen wir in unseren Kirchen eine größere Nachfrage fest – gerade auch in den Tagen nach einem Abend der Versöhnung ...

Michaela (13) schreibt: „Ich fand die Beichte schön, weil wir gut darauf vorbereitet worden sind. Außerdem habe ich bei der Beichte Gott gespürt, als ich gesegnet wurde. Danach fühlte ich mich besser, freier und so, als könnte ich einen neuen Anfang machen. Der Dekan hat die Beichte sehr schön gestaltet; er hat für alles die richtigen Worte gefunden. Außerdem finde ich es schön, die Erfahrung zu machen, dass einem immer wieder verziehen werden kann.“

Tatsächlich habe ich die ersten Abende der Versöhnung in Rom kennengelernt; damals während meines Studiums gab es solche Gebetsabende in einer Kirche auf der Piazza Navona, mitten im Zentrum der Stadt. Mich hat es damals sehr bewegt, junge Menschen zu sehen, die ganz selbstverständlich zur Beichte gingen, die deutlich sichtbar große Hilfe aus dem Sakrament bekamen – und die zusammen mit anderen die Vorbereitung auf das Sakrament lebten. Das kannte ich bis dahin nicht, aber es war für mich selbst ein großer Ansporn, die Beichte zu empfangen. Und das sehe ich beim Abend der Versöhnung auch: zu erleben, dass andere sich die Versöhnung persönlich zusprechen lassen, motiviert deutlich, es selbst auch wieder einmal zu versuchen.

Lukas (13) sagt: „Ich bin normalerweise circa einmal im Monat beim Beichten. Es ist eigentlich immer ziemlich gleich, aber diesmal war es wirklich anders! Der Priester ist so auf mich eingegangen, ich konnte wirklich damit etwas anfangen. Er hat mir weitergeholfen, so dass ich das im Leben auch wirklich anwenden kann.“

Raffaela (11) schreibt: „Als erstes dachte ich eigentlich, dass ich gar nicht zur Beichte gehen will, weil ich erst vor kurzem bei der Beichte gewesen war. Aber als ich in den Beichtstuhl hineingegangen bin und meine Sünden gesagt habe, hat es mich so berührt, dass mir sogar die Tränen gekommen sind. An alle Jugendlichen: Geht zur Beichte! Es ist so schön, dass Jesus dir die Sünden verzeiht. Jetzt kommt ein Neuanfang. Danke, Jesus!“

Zurück in der Kirche: Die bunte Beleuchtung im Kirchenschiff durch die Scheinwerfer hat während des Abends Gesellschaft bekommen: Auf den Altarstufen vor dem Allerheiligsten wurden viele kleine Lichter in bunten Gläsern abgestellt; jedes davon brennt für die Anliegen und Gedanken einer Person, die an diesem Abend in der Kirche war. Sie sprechen von ihren Sorgen, von ihrer Schuld und den vielen Fragen, die das tagtägliche Leben an einen stellen. Sie sprechen von vielem Unausgesprochenen und von der Sehnsucht, all das doch einmal anzusprechen. Und sie erzählen davon, dass einige von denen, die hier ihr Lichtlein abgestellt haben, heute nach langer Zeit mal wieder den Schritt zur Beichte gewagt haben. Der Abend der Versöhnung – ein Erfolgsrezept, das weiter wachsen möge!

Ludwig Waldmüller, Dekan